Walk! — Mehr als Gehen

Hamish Fulton · 35 Walks Map. Europe. 1971–2019, 2019, Druck, 68,2 x 67,7 cm, Courtesy Galerie ­Thomas Schulte, Berlin

Hamish Fulton · 35 Walks Map. Europe. 1971–2019, 2019, Druck, 68,2 x 67,7 cm, Courtesy Galerie ­Thomas Schulte, Berlin

Jan Hostettler · Füsse, 2016, über 3000 km zu Fuss, Winter, Frühling und Sommer, Blei, gegossen, 30 x 13 x 10 cm

Jan Hostettler · Füsse, 2016, über 3000 km zu Fuss, Winter, Frühling und Sommer, Blei, gegossen, 30 x 13 x 10 cm

Besprechung

Die internationale Gruppenausstellung ‹Walk!› widmet sich dem Gehen in allen seinen Facetten und als künstlerische Praxis. Entstanden ist ein dichter Parcours mit etwa 100 Werken von über 40 Künstler:innen, welche die Fortbewegung zu Fuss mit den drängenden Fragen und Themen unserer Zeit verknüpfen.

Walk! — Mehr als Gehen

Frankfurt/M — Die Schirn Kunsthalle fokussiert in einer Gruppenschau mit sechs thematischen Kapiteln auf das Gehen als künstlerische Praxis: Künstler:innen, die umherschweifen, beobachten, nicht-gehen, erzählen, gehen, produzieren. Das Gehen in seiner reinsten Form praktiziert der britische Walking Artist Hamish Fulton. Er folgt dabei seinem Leitspruch ‹‹Walking is an artform in its own right›› und setzt sich selbst strenge Regeln dafür. ‹35 Walks Map. Europe. 1971–2019› dokumentiert als grafisch aufbereitete Karte seine Wanderungen durch Europa über nationale Grenzen hinweg, und die Textarbeit ‹The Quietest Day, 3 April 2020› enthält die Anweisung des Künstlers: Er lief während des Lockdowns barfuss über das Gras, zählte jeweils 49 Schritte, täglich, an 49 Tagen. Das Konzeptuelle ist ebenfalls Bestandteil der Projekte des Schweizer Künstlers Jan Hostettler. Im Jahr 2016 war er mit minimalem Gepäck von Basel zuerst entlang der Donau gewandert, um dann Serbien, Bulgarien und Griechenland zu durchqueren und in Istanbul anzukommen. Auf seiner Reise sammelte er Objekte, die er archivierte oder zu Pigmenten verarbeitete, um damit Leinwände zu bemalen. Gehen, Wandern und Kunstschaffen als Konzept.
Neben weiteren, konzeptuellen Ansätzen versteht die Mehrzahl der Künstler:innen das öffentliche Gehen als sozialpolitischen Akt, der aktuelle Debatten wie etwa Gender, Globalisierung, Klimawandel, Migration oder Phänomene wie Überwachung und Kontrolle des öffentlichen Raums pointiert. Häufig halten sie ihre Wahrnehmungen und Beobachtungen fotografisch fest, filmen ihre Interventionen oder Performances. Sie lassen sich von einem Privatdetektiv beschatten (Özlem Günyol & Mustafa Kunt), sie fotografieren Überwachungskameras (James Bridle), sie laufen in aufreizender Kleidung und reflektierender Maske durch einen Urlaubsort (Signe Pierce & Alli Coates), sie kicken stellvertretend für Schwarze, die Diskriminierung und Gewalt erfahren, einen Metalleimer vor sich her (David Hammons), sie laufen als Blinde mit einem Megafon durch eine Stadt und bitten dabei Fremde um Hilfe (Carmen Papalia), oder sie sammeln Fundstücke auf der Strasse ein (Yuji Agematsu). Viele dieser Arbeiten haben Grenzüberschreitungen und Leiblichkeit gemein, die aufgrund ihrer sozialpolitischen Dimension umso dringlicher an uns appellieren. Die Ausstellung überzeugt in ihrer kuratorischen Aufbereitung des Themas, lässt bekannte und weniger bekannte Künstler:innen in einen Dialog treten und regt zur gehenden Auseinandersetzung mit der eigenen Umwelt im Sinne der Spaziergangswissenschaft an.

Jusqu'à 
22.05.2022
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Walk! 18.02.2022 - 22.05.2022 exposition Frankfurt/M
Deutschland
DE

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