Biennale Venedig — Pauline Boudry und Renate Lorenz

Pauline Boudry / Renate Lorenz · Moving Backwards, Schweizer Pavillon, 58. Biennale Venedig, 2019, Courtesy Pro Helvetia. Foto: Annik Wetter

Pauline Boudry / Renate Lorenz · Moving Backwards, Schweizer Pavillon, 58. Biennale Venedig, 2019, Courtesy Pro Helvetia. Foto: Annik Wetter

Pauline Boudry / Renate Lorenz · Moving Backwards, Schweizer Pavillon, 58. Biennale Venedig, 2019, Courtesy Pro Helvetia. Foto: Gaëtan Bally/Keystone

Pauline Boudry / Renate Lorenz · Moving Backwards, Schweizer Pavillon, 58. Biennale Venedig, 2019, Courtesy Pro Helvetia. Foto: Gaëtan Bally/Keystone

Fokus

Pauline Boudry und Renate Lorenz gehen in Venedig auf Distanz zum nationalen Repräsentationsgedanken der Länderpavillons. ‹Moving Backwards› ist eine kritische Nachlese des konservativen Umbaus der gegenwärtigen Gesellschaft und dessen, wie Kunst in dieser Atmosphäre agieren kann. 

Biennale Venedig — Pauline Boudry und Renate Lorenz

In direkter Nachbarschaft zum Schweizer Biennale-Pavillon befindet sich der venezolanische, der wegen politischer Umbrüche geschlossen bleibt. Einige Pavillons zeigen ein Programm, welches das politische Sendungsbewusstsein der jeweiligen Nationen wiedergibt. Vielleicht wird ja gerade die Kunst durch die Politik instrumentalisiert und nicht – wie auch schon geschrieben – die Kunst von sich aus politischer. In den offiziellen Eröffnungsreden des Schweizer Pavillons betonte man die Unabhängigkeit der Kunst deutlich. Nicht lange aber ist es her, dass die Schweizer Politik die Kürzung finanzieller Mittel beschloss, als Thomas Hirschhorn ein nicht genehmes Stück in Paris aufführte. Auch in der Schweiz ist es mit der Kunstfreiheit manchmal nicht weit her, wenn die Politik sich betroffen fühlt. Mit ihrem Beitrag ‹Moving Backwards› inszenieren die Künstlerinnen Pauline Boudry und Renate Lorenz eine filmische Installation, die sich mit dem Backlash auseinandersetzt, der in Form neokonservativer Politik weltweit die progressiven Errungenschaften wie etwa gendergerechte Sprache im Fall Österreichs abschafft. Zweifellos trifft eine Politik, welche die sogenannten ‹Ränder› einer Gesellschaft zu politischem Kapital macht, diese am härtesten. Politisch stigmatisierte Gruppen wie Geflüchtete, Migranten, Schwule, Lesben und Transgender erfahren den Druck und die Rückwärtsbewegung besonders deutlich. Diesen Ein- und Ausschlussmechanismen geben die beiden Künstlerinnen eine filmisch-installative Form. Etwas klischiert, muss man sagen, wird die schweizerische Landeshymne beispielsweise rückwärts abgespielt, die Schuhe der Tanzenden werden verkehrt herum getragen. Durchaus ironisch lässt sich der im Raum herumgezogene Glitzervorhang verstehen, der auf das Verbergen und Aufdecken anspielt, wie man es in der queeren Subkultur performt. Wenn sich am Ende des Films der filmische Raum in einen Club mit dröhnenden Bässen verwandelt, verwirrt das umso mehr. Ein Vorgehen, das für Boudry/Lorenz charakteristisch ist. Dem Publikum wird die distanzierende Wahrnehmungsposition zum Geschehen entzogen: Es wird Teil der Inszenierung. Am Pavillonausgang lösen die beiden den Spannungsbogen mit einem Brief auf. Das an Besuchende gerichtete Schreiben formuliert den Backlash und seine Konsequenzen und geht auf kritische Distanz zu politischer Repräsentation. Aus gutem Grund, wie man dieses Jahr in Venedig erkennen mag.

Stefan Wagner (*1973), freier Kurator und Autor in Zürich mit besonderem Fokus auf Kunsttheorie, kollaborativen Arbeitspraxen, Kunstpolitik und Stadtentwicklungsfragen. stefan.h.wagner@gmx.ch

Jusqu'à 
24.11.2019
Institutionentrier par ordre décroissant Pays Ville
Giardini Italie Venezia
expositions/newsticker Datetrier par ordre croissant Type Ville Pays
Pauline Boudry, Renate Lorenz 11.05.2019 - 24.11.2019 exposition Venezia
Italien
IT

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