Pandemie-Lockdown — Begegnungen auf Distanz: Eine Frage, eine Antwort, ein Werk

Annelies Štrba · Sonja mit Samuel-Maria, aus ‹Shades of Time›, 1995 © ProLitteris ↗ www.strba.ch

Annelies Štrba · Sonja mit Samuel-Maria, aus ‹Shades of Time›, 1995 © ProLitteris ↗ www.strba.ch

Agnès Geoffray · Pliures IV, 2019, Fonds de dotation Centre Pompidou ↗ www.agnesgeoffray.com

Agnès Geoffray · Pliures IV, 2019, Fonds de dotation Centre Pompidou ↗ www.agnesgeoffray.com

Ursula Biemann · Acoustic ocean, Videostill, 2018 ↗ www.geobodies.org

Ursula Biemann · Acoustic ocean, Videostill, 2018 ↗ www.geobodies.org

Eric Hattan · Habiter l’inhabituel, 2014, Frac Provence-Alpes-Côte d’Azur, Marseille ↗ www.hattan.ch

Eric Hattan · Habiter l’inhabituel, 2014, Frac Provence-Alpes-Côte d’Azur, Marseille ↗ www.hattan.ch

Marc Bauer · Untitled, 2020, Zeichnung, grauer Farbstift und Lithografie-Stift auf Papier, 30 x 42 cm, Courtesy Peter Kilchmann, Zurich ↗ www.marcbauer.net

Marc Bauer · Untitled, 2020, Zeichnung, grauer Farbstift und Lithografie-Stift auf Papier, 30 x 42 cm, Courtesy Peter Kilchmann, Zurich ↗ www.marcbauer.net

Ulla von Brandenburg · Das Was Ist, 2020, Ausstellungsansicht ‹Le milieu est bleu›, Palais de Tokyo Paris. Foto: Aurélien Mole ↗ www.palaisdetokyo.com

Ulla von Brandenburg · Das Was Ist, 2020, Ausstellungsansicht ‹Le milieu est bleu›, Palais de Tokyo Paris. Foto: Aurélien Mole ↗ www.palaisdetokyo.com

Im Atelier: Marie-Antoinette Chiarenza und Daniel Hauser mit Distanzhalter, Atelier RELAX, Zürich

Im Atelier: Marie-Antoinette Chiarenza und Daniel Hauser mit Distanzhalter, Atelier RELAX, Zürich

Atelier Ulla von Brandenburg, Nogent l’Artaud

Atelier Ulla von Brandenburg, Nogent l’Artaud

Atelier Thomas Hirschhorn, Paris

Atelier Thomas Hirschhorn, Paris

Atelier Annelies Štrba, Zürich © ProLitteris

Atelier Annelies Štrba, Zürich © ProLitteris

Atelier Eric Hattan, Basel

Atelier Eric Hattan, Basel

Su-Mei Tse, L’écho, Videostill, 2003, Courtesy Mudam Luxembourg ↗ www.mudam.com/de/kunstsammlung/su-mei-tse

Su-Mei Tse, L’écho, Videostill, 2003, Courtesy Mudam Luxembourg ↗ www.mudam.com/de/kunstsammlung/su-mei-tse

Nives Widauer · I’d rather stay home, 2013, Installation © ProLitteris ↗ www.widauer.net

Nives Widauer · I’d rather stay home, 2013, Installation © ProLitteris ↗ www.widauer.net

RELAX · What Do We Want To Keep?, 2018, Digital Print, Graph. Smlg ETH Zürich ↗ www.relax-studios.ch

RELAX · What Do We Want To Keep?, 2018, Digital Print, Graph. Smlg ETH Zürich ↗ www.relax-studios.ch

Wim Delvoye · Etui pour une Tron, 2005 © ProLitteris ↗ www.wimdelvoye.be

Wim Delvoye · Etui pour une Tron, 2005 © ProLitteris ↗ www.wimdelvoye.be

Silvie Defraoui · Faits et Gestes, Les Usines, 2009 ↗ www.art-et-tram.ch

Silvie Defraoui · Faits et Gestes, Les Usines, 2009 ↗ www.art-et-tram.ch

Thomas Hirschhorn · Eternal Ruins, 2020, Ausstellungsansicht Galerie Chantal Crousel, Paris © ProLitteris. Foto: Andy Wijckelsma ↗ www.thomashirschhorn.com

Thomas Hirschhorn · Eternal Ruins, 2020, Ausstellungsansicht Galerie Chantal Crousel, Paris © ProLitteris. Foto: Andy Wijckelsma ↗ www.thomashirschhorn.com

Fokus

«Krankheitszeit ist die Zeit, die auf den Tod zudriftet. Aber sie ist auch Zeit, die sich auf die Lust ausrichtet», schreibt der ­englische Schriftsteller und Künstler Tom McCarthy 2016. Inmitten des pandemischen Lockdown bat ich Künstlerinnen und Künstler, auf eine Frage zu antworten und so den unsicheren Moment des In-der-Schwebe-Seins zu teilen. In den folgenden Auszügen erscheint die Unterbrechung weniger als Riss im Korsett unserer Zeit, sondern als Öffnung im Gewebe, mit Blick aufs Künftige. Manche sind wie benommen, andere voller Tatendrang, wieder andere meinen, dass die Probleme jetzt erst anfangen. Allen gemeinsam ist die Anerkennung eines grundlegenden Wandels – der auch fällig wäre.

Pandemie-Lockdown — Begegnungen auf Distanz: Eine Frage, eine Antwort, ein Werk

Annelies Štrba — Bilder in Schachteln

Sennewald: Für die Serie ‹Shades of time› hast du von 1970 bis 1997 gleichsam das Innenleben deines Haushalts aufgenommen. Aus heutigem Blick erhält die sehr anrührende Serie einen beklemmenden Beigeschmack heimeliger Unheimlichkeit – wie siehst du das heute, was bedeutet es für deine Kunst?
Štrba: Ich kenne das sehr gut, einfach zuhause sein in meiner Welt! 1971 mit 24 hatte ich schon zwei Kinder, Sonja und Samuel, mit 27 dann Linda. Jeden Tag (und jede Nacht) machte ich die Fotos, hatte überall Kameras liegen im Haus. Wenn ich ein Bild sah, das mich berührte, drückte ich ab. In der Nacht entwickelte ich die Bilder im ­eigenen Fotolabor (hatte schon mit 16 Jahren ein Labor), legte die Bilder in Schachteln, liebte sie, aber zeigte sie niemandem. So lagen sie Jahre in den Schachteln, immer mehr und mehr, Tausende, im Geheimen, denn das war ja keine Kunst zum Zeigen, das hätte niemanden interessiert … Wenn ich die Bilder sehe, weiss ich, ohne das intime enge Miteinander wären es einfach nur Familienfotos. Und das sind sie nicht!
Zürich, 30. März 2020

Agnès Geoffray — Wie benommen

Sennewald: Wie es deine derzeit geschlossene, grosse Einzelausstellung im Frac Auvergne zeigt, geht es bei deiner Arbeit auch um Momente vor einer drohenden Katastrophe – ähnlich wie in der gegenwärtigen Situation. Wie reagierst du darauf? Was siehst du kommen?
Geoffray: In Bezug auf meine künstlerische Praxis befinde ich mich in einem Zustand der Apathie. Ich kann momentan nicht künstlerisch arbeiten, aber ich führe ein bereits begonnenes Projekt weiter. Und dieses steht tatsächlich in Resonanz zur aktuellen Situation: Es geht um Lethargie. Ausgangspunkt ist ein Zitat von Joyce Carol Oates für ihren Roman ‹The Falls: a novel› (dt. ‹Niagara›) von 2004 – ein Auszug aus ­einer Fachzeitschrift aus dem 19. Jahrhundert, in dem ein Mediziner den mysteriösen Effekt «hydracropsychique» beschreibt, den die kochenden Wasserfälle auf einige Besucher haben: eine Art hypnotische Betäubung, eine gebannte Kontemplation, die zu melancholischer Stimmung führt – und einige dazu bringt, sich in den Abgrund zu stürzen. Es ist wie eine Bewusstlosigkeit angesichts der überwältigenden Wirklichkeit. Das steht in Analogie zum aktuellen Zustand: Ich bin wie benommen. Paradoxerweise hat er auch positive Seiten, wie die Verlangsamung, die ich als wohltuend empfinde. Gleichzeitig erlebe ich aber auch sehr viel Angst. In dieser Überkreuzung von Widersprüchen ist meine künstlerische Aktivität aufgeschoben.
Lyon, 4. Mai 2020

Ursula Biemann — Ein ästhetischer Turn kann Dinge begreifbar machen

Sennewald: Wir sprachen jüngst über Science und Fiction, jetzt scheinen wir alle in einem dystopischen Film zu stecken, in dem ein Virus unseren Platz in der Welt besetzt. Ausgehend von deinen Forschungen, welche Chancen siehst du als Künstlerin nach der Pandemie?
Biemann: Für mich gibt es nicht eine Zeit «danach». Wir sind jetzt entschleunigt, es gibt viel Mitgefühl, Solidarität, Miteinander, Besinnung darauf, was wirklich wichtig ist. Es wird tiefgreifende Veränderungen geben, wir werden unsere Werte überprüfen. Verstörend finde ich, wie viel Geld jetzt in Bewegung gesetzt wird, während vorher die Politik in Bezug auf die Öko-Wende unglaublich träge war. Jetzt haben wir die Kata­strophe in uns, das ist natürlich «freaky» (lacht). Aber das Virus ist kein isoliertes Ding, sondern es sind soziale Beziehungen, die über das Virus vermittelt werden. Kunst kann in Bereiche vordringen, die sonst so nicht erfahrbar sind. Schon das Klima ist unsichtbar, ungreifbar, wie das Virus. Ein ästhetischer Turn kann diese Dinge begreifbar machen. Mein Ausblick: wesentliche Fragen stellen, mit weniger zufrieden sein, unsere Lebensgrundlagen neu bewerten.
Zürich, 1. April 2020

Eric Hattan — Hinschauen, umräumen

Sennewald: In einem Video im Frac in Marseille zeigtest du 2014 den Blick aus dem Fenster auf eine Strassenecke, an der man die stetige Transformation eines Sperrmüllhaufens beobachten kann. Verändert sich heute dein sehr genauer Blick auf die Welt?
Hattan: Was mir immer sehr wichtig ist: beobachten, hinschauen. Spontan habe ich mich gefragt: Was wäre jetzt relevant von dem, was ich gemacht habe? Dazu gehört das Video, das du erwähnst, oder auch eine Arbeit, für die ich im Kolumba Museum in Köln filmen durfte. Ich hatte einen Schlüssel für alle Türen, durfte alles anschauen, habe das Haus mit der Kamera entdeckt. Diesen Blick fände ich heute ziemlich adäquat, richtig. Hinschauen, das fasziniert mich. Und zuhause: aufräumen, das ist ja im Grunde wie ein Spielen mit Bauklötzen. Für mich ist umstellen, auftürmen, umräumen skulpturale Arbeit. Ich stehe dazu, ich spiele gern. Aber was ist jetzt relevant? Direkt zu produzieren, jetzt, finde ich eher schwierig. Ich habe vorgestern einen Artikel mit David Hockney gelesen, der aktuell in der Normandie sitzt, und er sagt: «Zeichnet! Schaut hin!» Das finde ich richtig, aus der Isolation heraus zu schauen: Was passiert denn da draussen? Diese Lust zur Beobachtung wird kurzfristig sein. Dennoch wird das Sensorium geschärft dafür, genauer hinzuschauen. Weil wir ja dieses Virus nicht sehen können.
Basel, 7. April 2020

Marc Bauer — Noch keine Bilder für den Crash

Sennewald: Seit unserer gemeinsamen Reise nach Beirut kenne ich dich als feinsinnigen Beobachter. In deinen Zeichnungen verknüpfst du Gegenwart und Geschichte, fast wirfst du einen Schatten der Vorhersage auf unsere Zeit. Wie siehst du das Heute und wie würdest du das Kommende zeichnen?
Bauer: Ich erlebe das als diffuse Bedrohung: Einerseits ist es recht komfortabel zurzeit, ich arbeite weiter an Projekten, zum Beispiel an einem dystopischen Buch, in das die aktuelle Situation einfliessen wird. Andererseits ist es, als würde ich nur entfernt wahrnehmen, was passiert, als käme die echte Bedrohung nicht an mich heran. Ich denke, wir sind noch nicht aufgeschlagen, sind im freien Fall, in einer Art unschuldigem Zwischenzustand, wie das Orchester auf der Titanic, das weiterspielt, während das Schiff sinkt. Diese psychotische Art, die Toten zu zählen, hält uns davon ab, mit der Konstruktion eines Morgen zu beginnen. Ich rechne in einigen Monaten mit einem gesellschaftlichen und politischen Crash, es wird kein Zurück zum Normalen geben. Dafür habe ich noch keine Bilder.
Zürich, 7. April 2020

Ulla von Brandenburg — Grundrechte sichern

Sennewald: Im Palais de Tokyo hast du mit ‹Le milieu est bleu› ­einen Film vorgestellt, der ausgehend von modernen Reformbewegungen ein alternatives Leben skizziert. Jetzt scheint die Zeit gekommen, es in Angriff zu nehmen. Wie kann «Andersleben» aussehen, morgen?
Von Brandenburg: Ich bin momentan wie gelähmt: Seit Jahrzehnten entwickle ich meine Arbeit von Projekt zu Projekt, reise viel, treffe viele Menschen, deren Einfluss wichtig ist für meine Arbeit. Ich sitze nie im Atelier und warte auf das, was kommt. Meine Arbeit bedingt konkrete Orte und Menschen. Jetzt bin ich wie gefangen, natürlich auf sehr luxuriöse Weise. Das macht auch bewusst, wie privilegiert wir sind gegenüber all jenen, die nicht so einfach reisen können. Der Film könnte zwar so gelesen werden, dass er eine geschlossene Gesellschaft zeichnet, ich war allerdings von einer ausgegangen, die frei entscheiden kann, wohin es gehen soll. Was kann jetzt werden? Keine Ahnung. Man mag die gegenwärtige Situation als tolle Chance sehen, als Relativierung von vielem – aber dass man Geld braucht, um Essen zu kaufen, das wird gerade von vielen Kolleginnen und Kollegen brutal erfahren. Es gibt Grundrechte, die immer gesichert sein müssen. Dafür sollten wir sorgen.
Nogent l’Artaud, 27. März 2020

Su-Mei Tse — Der Sound der Welt

Sennewald: Im Moment gibt es viel Kulturangebot online, wenn ich vor dem Bildschirm sitze wie vor einer Wand, aus der es herausschallt, muss ich an ‹L’écho› denken, das Video, in dem du vor einer Bergwand Cello spielst. Was für einen Sound hat die Welt heute für dich, welche Resonanzen?
Tse: Der Sound der Welt … Konkret bedeutet das für mich die Entdeckung des Spazierens mit Freunden, eine Veränderung der Wahrnehmung der Stadt, die Ruhe geniessen, die zwangsläufig entstanden ist. Andererseits bin ich oft zurückgezogen im Atelier. Jetzt, da es so viel Bedürfnis nach Kontakt und Kommunikation gibt, vermittelt das Video eher einen lauten Moment. Es geht um eine Antwort der Natur, mit der ich eine Art Duo spiele. Ich spiele allein, doch mit dem Echo entwickelt sich die Musik. Dabei geht es auch um Atmung, durch die sich erst ein Sound entfalten kann. Das Innehalten ist sehr wichtig. Ich nehme mir jetzt ältere Arbeiten wieder vor, entdecke darunter Ansätze für neue Arbeiten. Es ist eine Zeit der Rückbesinnung. Zur Besinnung kommen wäre vielleicht das, was diese Situation auslösen kann – was sehr meinem Bedürfnis entspricht, zu einer inneren Ruhe zu kommen. Das Bedürfnis kontrastiert mit anderen, ganz verrückten Momenten, mit dem Wunsch nach Zusammensein oder Party. Diese Kontraste finde ich derzeit sehr prägend.
Berlin, 22. April 2020

Nives Widauer — Geborgen in einem Haufen Späne

Sennewald: In deiner Arbeit dreht sich viel um den heimischen Raum, um das Unheimliche auch im Eigenheim. Jetzt, da wir alle zuhause sitzen, welches ­Potenzial setzt der Blick aus dem Fenster frei?
Widauer: Interessant ist, dass diese Slow-Motion-Katasrophe ja alle betrifft. Das setzt einen guten Austausch frei. Ich empfinde es als Glück, dass ich in meinem Atelier, das auch meine Wohnung ist, kaserniert bin. Ich komme endlich zur Ruhe, das war nicht leicht zu akzeptieren. Die eigenen vier Wände sind eine Art Haut. Und das Atelier ist ein Denkraum: Der Begriff kommt von «astelier», was einen Haufen Späne bezeichnet. So sehe ich das im Moment: ein Denkraum, in dem die Kunstwerke wie ein Haufen Späne daliegen. In meiner privilegierten Situation verstärkt sich die Wahrnehmung für das, was schon war. Diese Konzentration treibt mich voran, sonst büxe ich nämlich gern aus. Jetzt ist Anlass, darüber nachzudenken, wo ich geborgen bin, wo ich bei mir bin. «Räume sind Schatten, die träumen», habe ich in meinem letzten Buch, der ‹Villa Nix› geschrieben. Das entspricht ziemlich der jetzigen Situation.
Wien, 8. April 2020

RELAX (chiarenza & hauser & co) — Mit dem Hammer auf die Torte

Sennewald: Ihr befasst euch seit langem mit Strukturen und Mechanismen gesellschaftlicher Kontrolle (und Selbstkontrolle) – wie seht ihr die aktuelle Situation, den Umgang mit der Bedrohung? Was wünscht ihr euch für die Gesellschaft danach?
Hauser: Es ist wichtig, zu sehen, dass eigentlich schon vor der Pandemie nichts normal war, Ungleichheiten haben ein enormes Ausmass erreicht. Indem dieser Komplex jetzt in einem Bild eingefroren wird – dem der Krise – friert es uns gewissermassen mit ein. In der Schockstarre sind wir nur noch mit diesem Bild, dem lebensbedrohlichen Virus, befasst. Man reduziert seine Erwartungen eigentlich nur auf ein Medikament.
Chiarenza: Dabei kann man gerade jetzt Schritte verhandeln, um diese Ungleichheit zu verändern. Die Situation macht sichtbarer, was bereits da war: Themen wie Solidarität, Sichkümmern, unser Umgang mit Tieren und Umwelt usw. sind nicht neu. Aber jetzt ist der gute Moment, mit dem Hammer auf die Torte zu hauen. Die Debatte muss jetzt stattfinden, nicht in einem unbestimmten Danach.
Zürich, 8. April 2020

Wim Delvoye — Eine neue Kunst kommt

Sennewald: Du hast mir mal gesagt, dass wir in barocken Zeiten leben, auf die Katastrophe zusteuern. Und dass du, wenn das Ende naht, in einem Museum auf Tasmanien bei einem Cocktail dem Untergang auf einem grossen Flachbildschirm zuschauen willst. Jetzt bin ich neugierig: Bist du in Tasmanien? Wie siehst du die jetzige Zeit, was bringt sie für dich, für die Kunst?
Delvoye: Ich bin in meinem Atelier in Gent. Als ich Tasmanien erwähnte, mag ich an Krieg gedacht haben. Da wäre das ein sicherer Platz. Jetzt gibt es das nicht. Das Ende der Welt stellt man sich wie in den Filmen vor, muskelbepackte Helden mit dicken Knarren. Nicht Leute in Unterhosen, mit viel Klopapier in der Hand. Was tun, wenn die Welt, wie wir sie kennen, zu einem Ende kommt? Diese Frage stellt sich jetzt an die junge Generation, die ich wie eine «lost generation» sehe, sie wächst in einer verfallenden Welt auf. Eine Menge Leute sind ganz froh über die Pandemie: Politiker waren schlecht, jetzt machen sie das Virus dafür verantwortlich. Grossunternehmen verloren Geld: Jetzt ist das Virus schuld. Fluglinien waren lausig: Nun ist es das Virus. Das Virus fasst unsere Ineffizienz zusammen, ist willkommene Entschuldigung. Ich denke, es kommen mindestens zehn schwere Jahre. Wir haben den Zenith überschritten. Es kommt eine neue Kunst, weiter entfernt von Massenbetrieb und Markt. Vielleicht wird sie noch digitaler. Ich selbst bleibe bei meinen Projekten. Alles ist langsamer, der Druck hat nachgelassen. Gleichzeitig fühlt sich vieles flüchtig an.
Gent, 8. Mai 2020

Silvie Defraoui — Taten und Gesten

Sennewald: In deinen Arbeiten, die seit den Siebzigern entstanden sind, zeichnete sich eine «Alternativwelt» ab, die sich niemals in Bildern erschöpft. So in Bildern, die du in einer Strassenbahn durch Genf zirkulieren liessest. Was antwortest du jenen, die heute Sinn suchen? Auf welche Welt sollen wir zugehen?
Defraoui: «Alternativwelt» würde ich nicht sagen. Wir haben niemals eine andere Welt entworfen, sondern andere Seinsweisen. Chérif und ich haben unsere Arbeit seit 1975 als «archives du futur» verfolgt. Es geht darum, die Geschichte zu kennen, die Gegenwart genau zu beobachten, die Zukunft zu antizipieren. Wir wollten keine Lektio­nen erteilen. Es geht vielmehr darum, besser zu sehen, was um uns herum passiert und was das bedeutet in Bezug auf alles, was davor geschehen ist. Es genügt, die Geschichte der Ausbeutung seit Christoph Kolumbus anzusehen, die bis heute für schreckliche Ungleichheiten sorgt. Das wäre etwas, das nun aufhören sollte. Aber dafür müsste man den Realitäten ins Auge sehen. Künstler und Künstlerinnen ändern nicht viel, aber sie können sichtbar machen, Aufmerksamkeit schärfen. Im Centre culturel suisse, wo wir uns 2009 getroffen haben, machte ich mit ‹Faits et gestes› auf die Notwendigkeit aufmerksam, achtsam zu sein. Vielleicht haben viele jetzt gesehen, dass es auch anders geht.
Vufflens-le-Château, 24. April 2020

Thomas Hirschhorn — Die verlockende Falle des «Social Distancing»

Sennewald: Ihre Arbeit verfängt immer dann, wenn sie Formen des Zusammenlebens, Ansätze des Denkens, Horizonte des Handelns nicht nur kritisch darstellt, sondern mit alternativen Aktionsmöglichkeiten versieht. Am Telefon verlesen Sie einen Text, ist das eine Kritik am Kontinuitätsdogma der Distanz-Technologien?
Hirschhorn: Plus de «Bienveillance»: Die dringendsten Aufgaben sehe ich darin, das «Social Distancing» nun wieder abzubauen, Schritt für Schritt, Meter für Meter, Zentimeter für Zentimeter. Die Kunstwelt – und damit meine ich alle Protagonist/innenen und Insitutionen – darf sich nicht «Social Distancing» zu eigen machen. Ganz einfach, weil Kunst – ohne jede Distanz – autonom, universell und notwendig ist. Ich muss zeigen und vorleben, warum Kunst notwendig ist, für mich, aber auch für die anderen. Der toxische Begriff «Social Distancing» – ich zweifle dabei nicht an seiner zeitlich begrenzten Nützlichkeit – darf auf keinen Fall zum neuen Paradigma für das Zusammenleben in der Welt, in der Kunstwelt werden. Es ist dringend daran zu arbeiten und zu zeigen, dass Kunst eins zu eins und auf Augenhöhe einen Dialog oder eine Konfrontation erzeugen kann. Es geht hier nicht darum, die Bedrohung von Covid-19 zu ignorieren, es geht im Gegenteil darum, sie ernst zu nehmen, sie als Warnung, als Test, als Herausforderung zu verstehen. Ich denke, dass Kontakt, Begegnung, Austausch, Nachbarschaft, Freiheit, auch in der Unfreiheit, Inklusivität, Solidarität, Gleichheit, Kreativität Begriffe sind, die wichtiger sind denn je, denn gerade sie wurden durch das erzwungene «Social Distancing» in Frage gestellt. Hier hat die Künstlerin, der Künstler eine entscheidende Rolle zu übernehmen, haben doch Begriffe wie Distanz, Kontrolle, Eingrenzung, Exklusivität, Garantie, Tracing, Repression nichts mit der Erfahrung «Kunst» zu tun. Es gilt, Widerstand zu leisten, um opportunistische, konsumistische und ausgrenzende Tendenzen – die es immer auch in der Kunstwelt gab – zu bekämpfen. Ich will nicht, dass «Social Distancing» in der Kunstwelt triumphiert, ich will für das Experiment «Kunst» kämpfen. Meine Waffe dafür wird meine Arbeit sein – und ich will sie mit vermehrter «Bienveillance» einsetzen. Ich will mit mehr «Bienveillance» gegenüber dem Anderen arbeiten, gegenüber der Welt – unserer ganzen, unsere einzigen Welt – und gegenüber mir selbst. Ich will aus dieser Krise etwas lernen und Entscheidungen treffen. Es geht darum, Kunst mehr denn je als Werkzeug zu nutzen, um mich mit der Welt und der Zeit, in der ich lebe, auseinanderzusetzen, mich ihr zu stellen. Das Prekäre, das Unsichere, das Unbestimmte, das Fremde, das Unheimliche will ich mit «Bienveillance» in meiner Kunst konfrontieren. Ich denke an eine intelligente, generöse, offensive, dynamische, fordernde, aktive, behauptende, praktische und kämpferische «Bienveillance» – keine passive, spirituelle, religiöse, theoretische. Ich will aufzeigen – darin sehe ich meine Mission als Künstler heute –, wofür ich bereit bin zu leben und zu arbeiten. «Social Distancing» und «Homeoffice» gehören nicht dazu. Es wäre ein Fehler, in diese dumme und plumpe, aber auch verlockende Falle zu treten. «Virtuelle Ausstellungen», «virtuelle Kunstwerke», «virtuelles Lernen», «virtueller Austausch» sind nur Scheinlösungen oder Entschuldigungen und sie sind umso gefährlicher, weil sie vom Staat gewünscht, gefördert oder gar verlangt werden. Aber niemand – auch nicht der Staat – kann mir vorschreiben, wie ich in Zukunft arbeiten soll. Deshalb gilt es, grundsätzlich dem Virtuellen gegenüber sensibel, kritisch, aufmerksam zu sein – sich nicht hinter dem Computer zu verstecken. Der Versuchung des «Unter-sich-Bleibens» und des «Ins-Internet-Abtauchens» müssen wir widerstehen. Wenn wir der Tendenz zur «Isolation» oder «Selbstisolation» nachgeben, würde das heissen, dass wir die Diskussion, die Kritik, den Konflikt – all das, was Kunst schöpfen kann – aufgeben. Deshalb auch hinterfrage ich – wie Sie, Emil, es so treffend nennen – das «Kontinuitätsdogma der Distanz-Technologien». Aber ich nehme mich dabei nicht aus: So habe auch ich mich – mehrfach, in diesen Wochen – dem Drang zur «Kontinuität» gebeugt und dabei «Distanz-Technologien» benutzt. Dabei wollte ich, wie viele, nur mitteilen: «Ich existiere, ich lebe noch, ich arbeite weiter!» Dies werde ich mir, dem Künstler, dann verzeihen, wenn ich einlöse, was ich mir vorgenommen habe: «Plus de Bienveillance».
Paris, 4. Mai 2020

J. Emil Sennewald, Kritiker, Dozent Hochschule Clermont-Ferrand und F+F Zürich. emil@weiswald.com
 

 

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