Cranach — Leidenschaftlich expressiv

Lucas Cranach d.Ä. · Bildnis der Anna Cuspinian-Putsch, 1502/03, Fichtenholz, 60 x 45 cm, © Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz». Foto: P. Schälchli

Lucas Cranach d.Ä. · Bildnis der Anna Cuspinian-Putsch, 1502/03, Fichtenholz, 60 x 45 cm, © Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz». Foto: P. Schälchli

Besprechung

So höfisch-elegant wie später in Wittenberg hat Lucas Cranach nicht immer gemalt. Der grosse Renaissancekünstler hat die Welt der Kunst vielmehr als junger Wilder betreten, wie die überzeugende, zusammen mit dem Kunsthistorischen Museum Wien erarbeitete Ausstellung in Winterthur beweist.

Cranach — Leidenschaftlich expressiv

Winterthur — Es sind nur wenige Exponate, aber die haben es in sich. Allein mit fragendem Schauen und im Nach- und Mitdenken des von Fachleuten älterer und jüngerer Zeit dazu Erschlossenen geht einem vergangene Welt auf, halb vertraut, halb fremd und ungeheuer lebendig. Ausgehend vom Ehediptychon des Johannes Cuspinian und seiner Frau Anna, das Oskar Reinhart 1925 erworben hat, stellt die exquisite Schau in der Sammlung «Am Römerholz» weltweit erstmals das frühe Schaffen von Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553) vor. ‹Cranach – Die Anfänge in Wien› rückt den jungen Ausnahmekünstler in seiner ganzen Leidenschaftlichkeit, Expressivität und Exzentrik ins rechte Licht, sodass man wie Dieter Koepplin (im Römerholz-Gesamtkatalog) Ernst Buchner zitieren möchte: «Der frühlingshafte Zauber eines neuen Weltzeitalters liegt über den Tafeln. Cranach hat später kein Konterfei mehr geschaffen, das an Lebensfülle, Kraft der Stimmung, warmblütig vollsaftiger Malerei und farbigem Glanz das Hochzeitsbildnis erreicht.» (1953) Das Doppelbildnis für den in Wien lehrenden Humanisten Cuspinian präsentiert ihn und seine junge Frau nicht vor, sondern in der die beiden verbindenden Landschaft. Diese prachtvolle, ebenso weltliche wie christliche Landschaft ist allegorisch-zeichenhaft erfüllt von tierischen und menschlichen Gestalten, von göttlichen wie elementaren Erscheinungen. Bis heute nicht eindeutig ausgedeutet – auch das ein Faszinosum, das den seltenen Werken aus der Wiener Zeit (um 1500 bis 1504/05) etwas wie geheime Kraft verleiht. Der Vergleich mit anderen Porträts hebt die Einzigartigkeit des Ehediptychons noch hervor.
Auch im zweiten und dritten der drei Cranach-Räume zeigt sich sein Temperament, sein Erfindungsreichtum, der nicht ohne Folgen blieb. Ob in der Kreuzigungsszene mit dem überlangen geschundenen Christus und dem wilden Gewoge um ihn her; ob beim büssenden hl. Hieronymus, dessen innere Erregung sich in der bewegten Landschaft reflektiert und seltsam wallende Verbindungen zum Kruzifix herstellt; ob beim Liebespaar am Brunnen, einem unheilvollen «Anti-Liebesgarten» (Koepplin) mit räumlichen Irritationen, in die man sich erst hineinsehen muss; oder, auch das wie das Liebespaar eine Federzeichnung, aber nun klein, auf blaugrünem Papier und architektonisch besser fassbar, beim hl. Martin, der seinen Mantel teilt – tief, voller menschlicher Nähe, ein lebendiges Miteinander von Bewegung und Verharren: Überall bestätigt sich die innovative Kraft von Cranachs Wiener Schöpfungen, in denen alles belebt erscheint. 

Jusqu'à 
12.06.2022

→ ‹Cranach – Die Anfänge in Wien›, Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», bis 12.6.; aufschluss­reicher Katalog, München: Hirmer Verlag, 2022 ↗ www.roemerholz.ch

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