Jean-Luc Mylayne — Bis der Vogel kommt, kann es dauern

N° 369 und N° 368 (rechts), Février Mars 2006, 123 x 153 cm, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau, Courtesy Gladstone, New York, Bruxelles; Sprüth Magers, Berlin, London, Los Angeles. Foto: Dominic Büttner

N° 369 und N° 368 (rechts), Février Mars 2006, 123 x 153 cm, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau, Courtesy Gladstone, New York, Bruxelles; Sprüth Magers, Berlin, London, Los Angeles. Foto: Dominic Büttner

N° 476, Décembre 2006 – Mars 2007, 190 x 153 cm, Courtesy Gladstone Gallery, New York, Bruxelles; Sprüth Magers, Berlin, London, Los Angeles

N° 476, Décembre 2006 – Mars 2007, 190 x 153 cm, Courtesy Gladstone Gallery, New York, Bruxelles; Sprüth Magers, Berlin, London, Los Angeles

N° 117, Juin 1991 à Août 1992, 128 x 128 cm, Collection Mylène et Jean-Luc Mylayne, Courtesy Glad­stone Gallery, New York, Bruxelles; Sprüth Magers, Berlin, London, Los Angeles

N° 117, Juin 1991 à Août 1992, 128 x 128 cm, Collection Mylène et Jean-Luc Mylayne, Courtesy Glad­stone Gallery, New York, Bruxelles; Sprüth Magers, Berlin, London, Los Angeles

Jean-Luc Mylayne, N° 301, Mars Avril 2005 123 x 123 cm, Collection Mylène et Jean-Luc Mylayne, Courtesy Gladstone Gallery, New York, Bruxelles; Sprüth Magers, Berlin, London, Los Angeles

Jean-Luc Mylayne, N° 301, Mars Avril 2005 123 x 123 cm, Collection Mylène et Jean-Luc Mylayne, Courtesy Gladstone Gallery, New York, Bruxelles; Sprüth Magers, Berlin, London, Los Angeles

Jean-Luc Mylayne, Mylène Mylayne (rechts) und Madeleine Schuppli, Direktorin Aargauer Kunsthaus Foto: ullmann.photography

Jean-Luc Mylayne, Mylène Mylayne (rechts) und Madeleine Schuppli, Direktorin Aargauer Kunsthaus Foto: ullmann.photography

Fokus

Nichts ist Zufall und alles Bereitschaft in der Fotografie des französischen Künstlers Jean-Luc Mylayne. In Frankreich, Texas und New Mexico haben der Fotograf und seine Lebensgefährtin Wandervögel aufgesucht. Der Verzicht auf jede possessive Geste stösst ein Türchen zum Paradies auf. 

Jean-Luc Mylayne — Bis der Vogel kommt, kann es dauern

Für Jean-Luc Mylayne hat Aarau seine Sammlung an Schweizer Kunst für einmal aus dem ersten Stockwerk nach unten geräumt. Tageshell muss es sein für diese lichtgetränkte Fotografie. Oben an der Wendeltreppe empfängt uns, auf einem kargen Ast sitzend, gleich mehrfach dasselbe Rotkehlchen in einer texanischen Landschaft. Unbedingt setzt Jean-Luc Mylayne auf ein Vorgehen, das die Luftbewohner in ihrer natürlichen Umgebung zeigt. Während der Vogel im Vordergrund seinen Platz eingenommen hat, scheint die Landschaft noch im Entstehen. Leise Überblendungen im getrockneten Steppengras, diffuser Nebel um Baumgruppen und Horizont teilen mit, wie fein das Medium jeden Lichtwert als beweglich registriert. Fotografie habe Teil an der Verletzlichkeit ihres Gegenstands, formulierte Josef Helfenstein in einem Aufsatz über Jean-Luc Mylayne für ‹Parkett› schon 2008. Genau darin besteht ihre ungebrochene Sensation: Über den Vogel nehmen Mylaynes Bilder eine Sehnsucht auf nach einer Qualität von Zeit, die aus der ebenso insistierenden wie freilassenden Beobachtung Respekt und Vertrauen schöpft.

Vitale Begegnung
Jean-Lucs Mylaynes erste Retrospektive in der Schweiz trägt den Absender der Fondation Vincent van Gogh in Arles. Mit rund vierzig meist grossformatigen Fotografien aus dreissig Schaffensjahren ist sie mehr als ein attraktiver Bilderreigen der Naturdokumentation. Jahrzehnte vor den heute dringlichen Appellen für Artenschutz und Biodiversität haben Jean-Luc und seine Lebensgefährtin Mylène Mylayne ab den Siebzigerjahren eine reale Begegnung mit Vögeln herausgefordert. ‹Herbst im Paradies› speichert Gegenwart und Habitat von Wandervögeln so, dass unsere Wahrnehmung zu einem vitalen Kontakt beizutragen scheint. Wenn ein Specht oder ein Berghüttensänger auf französischem Boden, in Texas oder New Mexico uns neugierig den Kopf zuwendet, kann es aussehen, als hätte dieses menschenscheue Tier auf uns gewartet, als könnten wir durch seinen Blick die Topografie rundum anders deuten. In wortloser Übereinkunft schaut die Natur zurück; Fotografie ermöglicht eine persönliche Beziehung, wie das wissenschaftliche Benennen und Kategorisieren sie von Anfang an unterbunden hat.

Mit den Vögeln arbeiten
Unter dem Blick des geduldigen Fotografenpaars gibt sich der Vogel nicht als Trophäe her. Weder stellt Mylayne seinen Motiven nach, um ein Tier per Auslöser zu seinem Eigen zu machen. Noch lauert er ihm auf mit einem Blick, der uns selbst in ein irgendwie geartetes, naturschützerisches Bekenntnis zwingt. Da steckt ein Glücks­erlebnis drin. Bereitschaft ist das oberste Gebot beidseits der Linse. Der Vogel ist da, wenn Vertrauen, Neugierde oder ein Rastplatz ihn in genau jenen Ausschnitt eines Gartens oder einer Landschaft locken, wo die Aufstellung der Kamera seine mögliche Ankunft schon lange vorausgesehen hat. Im März 2006 steuert ein Kolibri in der Luft im Querformat direkt auf einen Wurzelstrunk zu. Geradezu schelmisch wirkt die Spottdrossel, die ein Jahr später unterhalb eines gebogenen Zweigleins Platz nimmt, um hier, vom Bildrand angeschnitten, messerscharf mit offenem Schnabel vor verschwommener Landschaft ihr Lied zum Besten zu geben. Jean-Luc Mylaynes Werktitel geben den Ort der jeweiligen Aufnahme nicht Preis. Es fehlen auch ornithologische Angaben, obwohl die anhaltende Auseinandersetzung den Fotografen zum profunden Kenner der Vogelwelt werden liess. Der Bezug zum Betrachtenden ist wichtiger als jede Taxonomie, das Ereignis eines nie ganz kontrollierbaren Kontakts dominiert über die Ambition idealtypischer Kompositionen. Die Dauer seiner Entstehung wird zum Titel jedes Bildes. In ‹No 96, Août 1990 à Décembre 1991› etwa verbirgt sich ein Hinweis über die Geduld, mit der Mylayne und seine Lebensgefährtin eine Landschaft nach einzelnen Vögeln erkundet, deren bevorzugte Flugbahnen und Aufenthaltsorte registriert, Wind-, Wetter- und Lichtverhältnisse eingeschätzt hatten, bevor die Kamera den geeigneten Standort fand.

Geteilte Autorschaft
Analog ist das Prinzip von Mylaynes Fotografie: Wachsende Schatten, punktuell anwesende Spiegelungen, der flüchtige Blickkontakt würden im Grossformat des Digitalen in Pixel zerfallen. Der Künstler hat ein eigenes, transportables System mit verschiedenen Linsen entwickelt, um Transparenz und Tiefenschärfe zu regulieren. Die Kamera bleibt dabei ein Instrument der Annäherung, welche die Autorschaft mit dem Gegenüber zu teilen bereit ist. «Wir sind gezwungen, zu warten, bis die Natur uns akzeptiert», sagt Mylayne am Rand der Vernissage im Aargauer Kunsthaus. Denn der Vogel muss sich an die Gegenwart der oft in mehreren Kisten aufgebauten Einrichtung gewöhnen. «Wenn wir während einiger Monate an einem Ort sind und mit den Vögeln arbeiten, dann gewinnen sie Vertrauen und sie kommen immer wieder.» Einmalig ist jede Aufnahme. Und es liegt in der Logik einer solch dialogischen Beobachtung, sie nicht mit mehreren Abzügen auszubeuten. Jede situative Partnerschaft für ein Bild bleibt ein Unikat. In ihm überwintert die Hoffnung, die diese Fotografie dem bedrohlichen Szenario schwindender Artenvielfalt entgegenhält: Verlangsamung ist eine Form, die dem Sehen, der Natur – und damit uns – eine Chance lässt.

Isabel Zürcher arbeitet als Kunstwissenschaftlerin und freie Autorin in Basel und Mulhouse. mail@isabel-zuercher.ch

→ ‹Jean-Luc Mylayne, Herbst im Paradies›, Aargauer Kunsthaus, Aarau, bis 11.8.; erhellender Katalog mit Texten von Bice Curiger, Jacqueline Burckhardt, Christie Davis, Leo Lencsés und dem Gedicht ‹Herbst im ­Paradies› von Jean-Luc Mylayne, Hatje Cantz 2018 ↗ www.aargauerkunsthaus.ch
→ ‹Photo›, mit 3 Editionen von Jean-Luc Mylayne, Parkett Space, Zürich, bis 28.9. ↗ parkettart.com

Jusqu'à 
11.08.2019

Jean-Luc Mylayne (*1946, Marquise) studierte Philosophie
Ab 1976 widmet er sich mit seiner Lebenspartnerin Mylène Mylayne ganz der Fotografie und dem Motiv des Vogels
Mehrere, längere Arbeitsaufenthalte in Texas und New Mexico

Einzelausstellungen (ab 2010)
2018/2019/2020 ‹L’automne du paradis›, Fondation Vincent van Gogh Arles / Aargauer Kunsthaus, Aarau / Kestner Gesellschaft Hannover
2015 ‹Mutual Regards›, The Art Institute of Chicago, The Arts Club of Chicago, Lurie Garden, Millenium Park, Chicago
2014 ‹Chaos›, Gladstone Gallery, New York
2012 Galerie Sprüth Magers, Berlin
2011 ‹The Heavens are Blue›, Nevada Museum of Art, Reno, Nevada; Gladstone Gallery, Brüssel
2010 ‹Des signatures du ciel aux mains du temps›, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia, Madrid; ‹To Go Very Softly›, Lannan Foundation, Santa Fe, New Mexico; Galerie Sprüth Magers, London; FRAC Auvergne, Clermont-Ferrand; ‹Tête d’or›, Musée d’Art contemporain, Lyon
 

expositions/newsticker Datetrier par ordre croissant Type Ville Pays
Jean-Luc Mylayne 18.05.2019 - 11.08.2019 exposition Aarau
Schweiz
CH
Artiste(s)
Jean-Luc Mylayne
Auteur(s)
Isabel Zürcher

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