William Kentridge — Schrittmacher der Erinnerung

More Sweetly Play the Dance, 2015, Installationsaufnahme. Foto: Gina Folly

More Sweetly Play the Dance, 2015, Installationsaufnahme. Foto: Gina Folly

The Head & The Load, 2018, Filmstill (Detail)

The Head & The Load, 2018, Filmstill (Detail)

Zeichnungen für ‹Sophiatown›, 1998, Gouache auf Papier, 378 x 173 cm. Foto: Thys Dullaart

Zeichnungen für ‹Sophiatown›, 1998, Gouache auf Papier, 378 x 173 cm. Foto: Thys Dullaart

Zeichnungen für ‹Sophiatown›, 1998, Gouache auf Papier, 223 x 75 cm. Foto: Thys Dullaart

Zeichnungen für ‹Sophiatown›, 1998, Gouache auf Papier, 223 x 75 cm. Foto: Thys Dullaart

Foto: Julian Salinas

Foto: Julian Salinas

Fokus

Provisorisch, verwischt und überlagert, weist die Kohlespur ­alles Fixe von sich. Aus dem anhaltenden Zeichnen, Verwerfen, Animieren, Befragen und Ergänzen entläuft die gesicherte Erzählung – genau das macht William Kentridges Standpunkt aus. Diesen Sommer ist der international gefeierte Künstler aus Südafrika mit einer grossen Schau zu Gast in Basel. 

William Kentridge — Schrittmacher der Erinnerung

«Der einzige Grund, all dies überhaupt zu tun, ist, an genau dem Ort zu sein, wo die Geschichte erzählt wird.» Am Rand des Aufbaus spielt William Kentridge auf den Kraftakt an, ein umfangreiches Konvolut an Zeichnungen, Collagen, Installationen, Projektionen auf drei Stockwerken zu einer Ausstellung zu orchestrieren, während ihn am Folgetag in Amsterdam Proben erwarten von ‹The Head and the Load› – jenem Stück über Afrikas Geschichte im Ersten Weltkrieg, das 2018 in der Turbinenhalle der Tate Modern in London Weltpremiere feierte. Man glaubt ihm beides: dass er in seiner medial weit ausholenden Kunst nichts weniger als einen «Sense of the World» ertastet. Und dass er selbst dabei empfindsam bleibt für die augenblickliche Sensation eines Worts, einer Linie, Geste oder Stimme: «Es gibt nichts sinnlich Reicheres, als ganz, ganz direkt neben sich in einem kleinen Opern-Probenraum eine spektakuläre Stimme zu hören.» Mittendrin muss er stehen – und dann wieder Abstand nehmen, dem Strich auf dem Papier zusehen oder sich selbst im Atelier herausfordern mit der nie ganz zu beantwortenden Frage, was seine Rolle heute denn eigentlich sei.

Zeichnen auf Zeit
«Meine Misserfolge haben mich gerettet.» Kentridge sagt das nicht zum ersten Mal. Irgendeinmal habe er verstanden, dass er nicht festzulegen brauche, ob er sich nun Künstler, Schauspieler oder Regisseur nenne. Seine beste Möglichkeit sei die Durchdringung aller Genres. Und wenn mit Dada vor hundert Jahren das Absurde die Bühne der Kunst betrat, dann mit dem für ihn glücklichen Ergebnis, «dass man heute ein Bühnenstück gleich wie eine Zeichnung angehen kann». Wie Dada damals in der Schweiz umgaben den dreissigjährigen Südafrikaner prekäre politische Bedingungen, als er Mitte der Achtzigerjahre zu Kunst und Zeichnung zurückfand. «Das alte System siechte vor sich hin und das neue war noch nicht geboren.» Bewusst setzt die Basler Schau bei der frühen Zeichnung an. Hier legt Kentridges opulentes Werk Bezüge nahe zur hauseigenen grafischen Sammlung. In einem Rückgriff auf den expressiven Strich eines Otto Dix oder Max Beckmann schachtelt er die Gleichzeitigkeiten von Stadt- und Nachtleben ineinander und spannt auf Papier einen Demonstrationszug auf. Die Worte «Develop, Catch Up, Even Surpass» karikieren auf dem Bogenfries ‹Arc/Procession›, 1990, den fortschreitenden Kollaps aller utopischen Versprechen des Mediums Bild. Kentridges Lebenslauf ist im Begleit- und Lesebuch synchronisiert mit den politischen Ereignissen Südafrikas. Die Entstehung der ersten Animationsfilme fällt mit dem Ende der Apartheid zusammen. In den Filmen ist zu beobachten, wie das Verwischen und Überzeichnen von Hütten, Menschen oder Landschaft jede Fläche laufend um weitere, manchmal tragische, manchmal selbstironische Vergangenheiten anreichert. Und man kann nicht anders, als zu beobachten, wie das Protokoll seines eigenen Tuns genau das in Gang bringt, was das internationale Publikum spätestens an der documenta 2012 in Begeisterung versetzen wird: Diese Kunst erzählt Geschichte, indem sie das Kommen und Gehen zu ihrem ästhetischen Prinzip erhebt. Schwarzweiss prägt Kentridges Zeichnung und darum auch die ganze Schau. Ein Raum ist den Studien gewidmet, die seinem mächtigem Figurenfries ‹Triumphs and Laments›, 2016, entlang des Tiber in Rom vorausgegangen sind. Blatt um Blatt ruft er da Figuren auf, wie die Kunst sie einst zum Denkmal stilisierte und wie sie wiederkehren in Medienbildern von Fliehenden und Opfern politischen Widerstands. Lange hätten Malerei und Plastik die Brüche zwischen Überliefertem und Erfundenem retouchiert, so der Künstler im Katalog. Für ihn ist das hinfällig: In Rom verdankt sich jede Silhouette dem schwarzen Staub, den seine Schablone beim Reinigen der Mauer unangetastet liess und der sie über kurz oder lang wieder wird verschwinden lassen. Der Titel ‹A Poem That Is Not Our Own› entspringt der Beobachtung, dass Autoren der Kolonialmächte die Geschichte des afrikanischen Kontinents lange unter Ausschluss der indigenen Perspektive reproduzierten. Einmal isoliert, umspielen solche Sprachfragmente ein Werk und hier die ganze Ausstellung. Wobei sie im Verbund mit allen bewegten und beweglichen Zeichen ihre Herkunft abstreifen: «Der Ausgangspunkt verschwindet, man bleibt zurück mit Rätseln, auf die es irgendwie gar keine Antworten gibt.» Offen kämpft Kentridges Werk gegen das Erblinden, ortet die Themen und Formen in den Fussnoten der offiziellen Geschichtsschreibung, lässt Körper und Stimmen zu Wort kommen, denen die mediale Aufmerksamkeit in der Regel ganz entgeht.

Zuletzt die Prozession
Es sei die wohl komplexeste Ausstellung, die je im Kunstmuseum Basel | Gegenwart realisiert worden sei, meinte Direktor Josef Helfenstein an der Medienkonferenz Anfang Juni. Das hat auch damit zu tun, dass Formate des Nach- und Aufbereitens sowie Dispositive der Wiederholung Pulsgeber sind der ganzen Schau. Die Animation ‹Ubu Tells the Truth›, 1997, zitiert Auge, Stativ, Kamera und Blitz; Anamorphose, 3D-Brillen, Spiegelungen und Tools des Vermessens stellen vermeintlich objektive Perspektiven in Frage. Was wir zu sehen bekommen, ist oft Entwurf, Maquette und Bühnenbild; Projektionen können jeden Körper im Nu und im Spiel zum Stückwerk deklarieren. Ob in den tatsächlichen Werkstatus erhoben oder einfach zur Nachlese einer grossen Theaterproduktion erstellt: Kentridges Arbeit insistiert immer wieder auf einem Status des «Making Of». Genau so gibt der autorschaftliche Akt des Zeichnens äusseren Assoziationen Raum; genau so gelingt der Transfer in die Zusammenarbeit mit Komponisten, Choreografen, Licht- oder Bühnentechnikern; und genau so auch überlebt im Nachdenken über gesellschaftliche Themen ein Ruf nach Freiheit. Bewegte Striemen von Kohlestaub bewölken den Himmel. Auch noch da, wo William Kentridge sein ganzes Vokabular zur raumgreifenden Prozession aufbietet, leistet etwas Handschriftliches der Überwältigung Widerstand. Mit der Installation ­‹More Sweetly Play the Dance›, 2015, mündet der Kosmos seines Schaffens in ein grosses Finale. Festumzug und Totentanz, Protestmarsch, Karneval und Flüchtlingsstrom in einem, führt das Stück die Erfahrung von Zeiten und Kulturen zusammen. Dem Umzug folgen reale Personen im Wechsel mit Schattenrissen historischer Anmutung. Würdevolle Siegesposen und Menschen, die das Schicksal beugt und beutelt – alles reiht sich ein in Triumph und Ergebenheit. Requisiten einer globalen Kulturgeschichte werden mitgeführt, darunter Flugblätter, Flaggen und Blumen, Infusionsständer, in Kisten und Säcke verstaute Habseligkeiten. Auch Tote begleitet der Sound von Blechkapelle und Gospel-Improvisationen, und im Schatten der Megafone fehlt nicht das Gewehr: Im Spitzentanz hebt eine schwarze Widerstandskämpferin ihre Waffe über den Kopf, bevor der Lauf der Dinge an seinen Anfang zurückkehrt.

Isabel Zürcher ist Kunstwissenschaftlerin und freie Autorin in Basel und Mulhouse. mail@isabel-zuercher.ch

→ ‹William Kentridge: A Poem That Is Not Our Own›, Kunstmuseum Basel, bis 13.10.; Katalog Kunst­museum Basel/LaM, Verlag der Buchhandlung Walther König, 2019 ↗ www.kunstmuseumbasel.ch

Jusqu'à 
13.10.2019

William Kentridge (*1955) lebt in Johannesburg.

Bis 1982 Studium der Politikwissenschaft und Afrikanistik, später Schauspiel
und Theaterwissenschaften in Johannesburg und Paris
1976 Mitbegründer der Junction Avenue Theatre Company
1980er Wiederholte Zusammenarbeit mit der Handspring Puppet Company als Regisseur,
Rückkehr zur bildenden Kunst

Einzelausstellungen und -projekte (Auswahl)
2020 ‹Why should I hesitate? Putting Drawings to Work›, Zeitz Museum of Contemporary Art Africa,
Kapstadt
2018 ‹The Head & the Load›, Tate Modern, London
2016 ‹Triumphs and Laments›, Rom, Fries an der Mauer entlang des Tiber
2015 ‹The Nose›, Haus Konstruktiv, Zürich
2010 ‹Five Themes›, San Francisco Museum of Modern Art / MoMa New York
2007 ‹Tapestries›, Philadelphia Museum of Art

expositions/newsticker Datetrier par ordre croissant Type Ville Pays
William Kentridge 08.06.2019 - 13.10.2019 exposition Basel
Schweiz
CH

Publicité