Bethan Huws — Wortwechsel zu Rot in Rot, Weiss auf Schwarz

A work of art without emotion is not a work of art / Are you sure?, 2020/2021, Neonleuchtschrift, Kunst Museum Winterthur, Schenkung Galerieverein, Freunde Kunst Museum Winterthur © ProLitteris. Foto: Reto Kaufmann

A work of art without emotion is not a work of art / Are you sure?, 2020/2021, Neonleuchtschrift, Kunst Museum Winterthur, Schenkung Galerieverein, Freunde Kunst Museum Winterthur © ProLitteris. Foto: Reto Kaufmann

Untitled (Piss off I’m a fountain!), 2004, Wortvitrine, Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur © ProLitteris. Foto: Reto Kaufmann     

Untitled (Piss off I’m a fountain!), 2004, Wortvitrine, Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur © ProLitteris. Foto: Reto Kaufmann     

Untitled (Read Red), 2008, Wortvitrine, Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur © ProLitteris. Foto: Reto Kaufmann

Untitled (Read Red), 2008, Wortvitrine, Ausstellungsansicht Kunst Museum Winterthur © ProLitteris. Foto: Reto Kaufmann

I’ve forgotten to feed the cat / I haven’t got a cat, 2020, Neonleuchtschrift, Kunst Museum Zug, realisiert mit Beiträgen der Stiftung Sammlung Kamm und der Stiftung der Freunde Kunsthaus Zug © ProLitteris. Foto: Stefan Kaiser

I’ve forgotten to feed the cat / I haven’t got a cat, 2020, Neonleuchtschrift, Kunst Museum Zug, realisiert mit Beiträgen der Stiftung Sammlung Kamm und der Stiftung der Freunde Kunsthaus Zug © ProLitteris. Foto: Stefan Kaiser

Foto: Franziska Rieder

Foto: Franziska Rieder

Fokus

Gleich mehrfach sind in der Schweiz Ausstellungen und Neonarbeiten der walisischen Künstlerin Bethan Huws zu sehen. In und am Kunst Museum Winterthur, in der Galerie Tschudi in Zuoz und am Kunsthaus Zug zeigt sich ein ausgewähltes Spektrum ihres breit angelegten Werks. Hinter der formalen Vielfalt lassen sich thematische Bezüge erkennen. 

Bethan Huws — Wortwechsel zu Rot in Rot, Weiss auf Schwarz

«A work of art without emotion is not a work of art» – In nüchtern weissen ­Neonlinien brennt diese apodiktische Feststellung an der nördlichen Aussenwand des Kunst Museum Reinhart am Stadtgarten in Winterthur, als gäbe es für eine Sammlung ­älterer Kunst keine andere Gewissheit. Gleich gegenüber, an der Südfassade des Museums beim Stadthaus folgt die fragend sich vergewissernde Replik: «Are you sure?» Der Stadtpark, ein öffentlicher, doch je individuell abzuschreitender Denkraum zwischen den beiden oszillierenden Sätzen, wird nun zur Bühne für eine Erwägung: Sind die Maxime und der skeptische Einwand rein analytisch gedacht oder selbst auch von Emotionen getrieben? Einer dieser Sätze allein jedenfalls wäre kein Kunstwerk.

Ausstellen von Worten
In dieser Wechselrede über den Park hinweg verdichtet sich der grundlegende Zweifel am schlichten Gegensatz von rein retinaler und konzeptueller Kunst, den Bethan Huws in ihren jahrzehntelangen Notaten zu Marcel Duchamp geschärft hat. Dieselbe bodenlose Lakonik mit schelmischen Wendungen zwischen Wort und Schrift und Bild findet sich wieder in den ‹Word Vitrines›, die sich im ersten Stock des Reinhart-Gebäudes subversiv zwischen Landschaftsbilder des 19. Jahrhunderts einschieben. Wortvitrinen haben früher in französischen Bistrots die fixen Preise für Wein und Weiteres angezeigt: Frontal verglaste, verschliessbare Aluminiumkästen mit einer schwarzen Rückwand, in deren waagrechten Rillen schlichte weisse Plastikbuchstaben gesteckt werden können, streng oder verspielt. Typografischen Spielraum nimmt sich auch Bethan Huws, wenn sie Duchamps ikonischen Bildtitel ‹Nu descendant un escalier› wie eine elegant geschwungene Wendeltreppe im strengen Hochformat hinabfliessen lässt.
Die zwei Zeilen bei ‹read / red› lesen sich in roten Stecklettern wie die tautologische Aufforderung, «rot» zu lesen. Laut gesprochen, kann sich aber auch ein Gleichklang des englischen Perfektpartizips «read» (gelesen) und des prominenten Farbtons einstellen. Ambivalenzen bei äusserster Verdichtung bilden den Reiz der ‹Word Vitrines›, die sich mit ihrem dunklen Grund und der hellen Rahmung fast organisch in die Säle mit der historischen Malerei einfügen. Wäre da nicht das semantische Sprengpotenzial, wenn wir in den benachbarten Figurationen auf einmal nur die Rotakzente zu lesen beginnen und damit den Bildzusammenhang aufbrechen. Die eingestreuten Schriftzüge ‹Hollywood›, ‹I also read› oder ‹Social problems within the art world› untergraben nicht ohne Selbstironie die Sehnsucht nach einer Kunst, die wegträumen lässt. Vitrinen, traditionelle Requisiten aus dem Repertoire der Museen, stellen hier Worte und überraschende Gedankensplitter zur Schau, als wären sie Bilder aus beweglichen Elementen.
Allein durch  die Variation der Formate rhythmisiert, umschliesst ein Band von nahezu einfarbig weissen «Works on Paper» das grafische Kabinett gleich am Eingang des Museums beim Stadthaus. Auch in diesen hauchdünn kolorierten, fein nuan­cierten Figurationen und Mustern dominiert die Anspielung, die sprechende Auslassung. Oft geht es um Erinnerungen an die Kindheit auf dem elterlichen Bauernhof in Wales. Oft wiederholen sich lineare Formen, um sich leise zu losen Mustern zu fügen. Stets spielt das weisse Blatt seinen Part, wie ein Echoraum oder eine helle stumme ­Weite, aus der die flüchtigen Pinselstriche aufzutauchen und wieder zu entschwinden scheinen. Die Reflexion in Bildern folgt der Lakonik der Sprache. Dabei werden künstlerische Prozesse nachgezeichnet: Eine freigestellte kleine Hand oder fragmentierte Passagen aus Familienfotografien sprechen mehr über Momente des Sehens und Entdeckens, als dass sie Bilder fixieren wollten. Der Verlauf einzelner Linien wirkt plastisch, als folgten sie der Hand beim Flechten von Riedgrasstängeln zu kleinen Booten. Diese miniaturisierten ‹Boats› begleiten Bethan Huws seit Jahrzehnten als ein eigener Werkstrang.
Die Galerie Tschudi hat schon verschiedentlich Stickereien gezeigt, die Huws nach eigenen Vorlagen im Engadin ausführen liess. Nun finden sich zwei Kinderzeichnungen, eingewirkt in das deutlich erkennbare Raster eines textilen Netzes, dem das Durchlicht besondere Leichtigkeit verleiht. Ganz stofflich präsent, erinnern die bestickten Texturen in ihrer filigranen Zwischensphäre zugleich an die flüchtige Präsenz der Dinge, die uns aus den Bildschirmen entgegenstrahlen. Und vor einer rohen grauen Bruchsteinwand flirrt wie ein Menetekel diese Neonzeile: «Artists interpret the world and then we interpret the artists». Die zweifache Übertragung von Welt in Kunst und deren Rezeption schafft ein distanziertes «wir», von dem wir jetzt lesen, als seien wir gemeint. Wie ein Teil der «Welt» behauptet sich derselbe Satz schon seit 2012 als Leuchtschrift am Lehenviadukt über der Mülenenschlucht in St. Gallen.

Intime Öffentlichkeit
Mit zwei sich scheinbar widersprechenden Feststellungen strahlt das Kunsthaus Zug magisch blau von den Zinnen seiner Umfriedungsmauer in die Nacht über der Stadt: «I’ve forgotten to feed the cat » – «I haven’t got a cat». Der Torbogen unterbricht meine Lektüre wie ein kurzes Nachdenken, ein Atemholen, vor der nächsten Aussage. Dabei spreche ich nur zu mir selber, parlando ganz alltäglich, und doch hören alle mit, wie sich der doppelte Entzug des Vergessens und des Fehlens einer Katze so leicht und ohne Widerspruch ausspricht. Die leise Irritation liegt ja auch nur zwischen den Bedeutungsnuancen von «to have» als Besitz oder als durchlebte Erfahrung.
Worte wie Bilder und Bilder wie Sätze durchziehen das komplexe Werk von Bethan Huws. Vielfältige Bezüge liessen sich auch zu ihren Filmen oder dem Theaterstück ‹Ion / On›,  den sprachbezogenen Objekten oder ortsspezifischen Rauminterventionen aufdecken. Erst aus der walisischen Tradition betrachtet, in der alle Formen des Sehens und Sagens gleichwertig sind, dürfte sich dieses Werk umfassend erschliessen. 1993 lud Huws acht Frauen aus Bulgarien zu einem gemeinsamen Chorgesang in eine Bucht von Wales. «Singing for the Sea» wurde zum unvergesslichen Ereignis – und sicherlich zu einem Werk nicht ohne Emotion.

Hans Rudolf Reust, Kunstkritiker, Studienleitung Fine Arts an der Hochschule der Künste Bern HKB, Präsident der Kunstkommission Parlamentsgebäude (Bundeshaus). hreust@bluewin.ch

→ ‹Bethan Huws − Works on Paper / Word Vitrines›, Kunst Museum Winterthur | Stadthaus & Reinhart am Stadtgarten, bis 5.9. ↗ www.kmw.ch
→ Neonaufschrift, permanente Installation, Aussenwand Kunsthaus Zug ↗ www.kunsthauszug.ch
→ ‹Bethan Huws − Ecoute›, Galerie Tschudi, auf Anmeldung ↗ www.galerie-tschudi.ch

Jusqu'à 
05.09.2021

Bethan Huws (*1961, Wales) lebt in Berlin

Ausgewählte Einzelausstellungen
2021 ‹Works on Paper / Word Vitrines›, Kunst Museum Winterthur
2020 ‹Écoute›, Galerie Tschudi, Zuoz
2019 ‹Film Zone & Film Script›, Kunst und Kulturstiftung Opelvillen, Rüsselsheim; ‹Research Notes
2007–2014›, Kunstsaele, Berlin
2018 Galerie Tschudi, Zuoz; Barbara Gross Galerie, München
2017 Vistamare Galleria, Pescara; ‹Word Vitrines›, Signum Foundation Gallery, Lodz; Barbara Gross Galerie, München; The 500 Capp street Foundation, San Francisco
2016 ‹Singing for the Sea›, AtlasArts, Portree, Isle of Skye; ‹If I were a frog I’d live in a fountain›, Galerie Tschudi, Zuoz; ‹Culture, Language & Thought›, Kolumba, Kunstmuseum des Erzbistums, Köln
2015 ‹Forest›, Staatliche Kunsthalle, Karlsruhe; ‹Zone›, Maison d’Art B. Anthonioz, Nogent-sur-Marne
2014 ‹Reading Duchamp – Research Notes›, Kunstmuseum Bern; Vistamare Galleria, Pescara
2013 ‹The Large-Glass›, Kunsthaus Zug; ‹Singing for the Sea›, Abbot Hall Art Gallery, Kendall; Galerie Tschudi, Zuoz
2011 ‹Reading Duchamp›, HKW, Berlin; ‹Capelgwyn›, Whitechapel Art Gallery, London,
2010 ‹Zeichnungen – Drawings›, Grafische Sammlung, Museum Ludwig, Köln; ‹Il est comme un saint dans sa niche …›, Kestnergesellschaft, Hannover; ‹Singing for the Sea›, Tate Britain, London

expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Bethan Huws – Works on Paper / Word Vitrines 17.04.2021 - 05.09.2021 exposition Winterthur
Schweiz
CH
BETHAN HUWS - Écoute 19.12.2020 - 08.05.2021 exposition Zuoz
Schweiz
CH
Artiste(s)
Bethan Huws
Auteur(s)
Hans Rudolf Reust

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