Markus Weiss — Kunst als Bau

Salon Bleu, 2021, Sekundarstufenzentrum Burghalde, Baden

Salon Bleu, 2021, Sekundarstufenzentrum Burghalde, Baden

My Castle, 2007, Kaufmännische Berufsschule Biel, mit Daniel Schibli. Foto: Monika Burri

My Castle, 2007, Kaufmännische Berufsschule Biel, mit Daniel Schibli. Foto: Monika Burri

Bain Public, Art en plein air, 2015, Môtiers. Foto: Alain Germond

Bain Public, Art en plein air, 2015, Môtiers. Foto: Alain Germond

Bain Public, Art en plein air, 2015, Môtiers. Foto: Alain Germond

Plug and Play, 2015, Turnhalle Steinli, Möhlin. Foto: Valentino Marchisella

Plug and Play, 2015, Turnhalle Steinli, Möhlin. Foto: Valentino Marchisella

Foto: Sonja Lackner

Foto: Sonja Lackner

Fokus

Ein weiterer pandemiegeprägter Sommer: Die Schau- und Spielorte der Kunst im öffentlichen Raum gewinnen an Resonanz. Arbeiten des Zürcher Künstlers Markus Weiss sind parallel an vier verschiedenen Orten zu sehen. Seit dreissig Jahren agiert er mit seinem ebenso subtilen wie raumgreifenden Werk im Aussenraum, einem Werk, das die skulpturalen Schnittstellen zur Architektur auslotet und nie das reine Objekt, sondern immer einen Handlungsraum zum Ziel hat. 

Markus Weiss — Kunst als Bau

«Es geht mir nicht darum, dass man von weitem erkennt, dass es Kunst ist. Ich gehe noch nicht einmal davon aus, dass die Leute meine Arbeit als Kunst rezipieren.» Mit dieser Aussage benennt Markus Weiss sowohl Konzept als auch Prämisse, die das Arbeiten im und für den öffentlichen Raum aus seiner Sicht mit sich bringt – sei es im Rahmen von Kunst-und-Bau-Projekten, sei es als Beitrag für Ausstellungen im Aussenraum. Mit welchem Gewinn Freiluft-Initiativen wie ‹Art en plein air› in Môtiers oder ‹Art and the City› in Zürich städtische wie auch ländliche Umgebungen in kuratierte Spannungsfelder verwandeln, ist wohl unbestritten. Im erweiterten Kontext stehen die Projekte von Markus Weiss: subtile und zugängliche künstlerische Eingriffe mit starker Wirkung, die den Orten Bedeutung abtrotzen und diese mit «Use-Mes» ausstatten oder sandkastengleich zu freien Spielräumen erweitern.
So übergibt er diesen Sommer mit dem ‹Salon Bleu› dem Schulzentrum Burghalde in Baden einen siloartigen Pavillon zur Nutzung – ein frei bespielbares Schulzimmer, das im nahen Wäldchen mit der Fremdheit eines fehlgelandeten Raumschiffs stolz seinen Platz einnimmt. Als präziser und mit dem Aussen verbundener Innenraum schafft es einen offenen Denkort, dessen Output über ein komplexes Rohrsystem ins angestammte Schulgebäude strömt – viel weiter kann sich ein Kunst-und-Bau-Beitrag wohl kaum von der traditionellen Vorstellung eines schmückenden Reliefs im Foyer entfernen. Entsprechend geht der Eröffnung ein fünfjähriges Ringen voraus, das dem 2016 gewonnenen Jurywettbewerb folgte. Exemplarisch wurde hier die Prozesskette jeder Kunst mit den Stationen Idee und Ausführung um harzige Argumentationsrunden erweitert. Wer im öffentlichen Raum künstlerisch agiert, kann von Tiefbauämtern, SIA, BFU und der Feuerpolizei anekdotenreich berichten – und davon, wie schmerzhaft das Auseinandergehen der entscheidungsverantwortlichen Jury ins Gewicht fallen kann, wenn behördliche Widerstände zu überwinden sind. Oft geht vorschnell vergessen, mit welch visionärer Hartnäckigkeit sich künstlerische Arbeiten in die strengen Regeln von Architektur einbringen.

Kunst als Nutzungsangebot
Umgekehrt wird diese reibungsintensive Auseinandersetzung im Kontext von Ausstellungen im öffentlichen Raum von Kuratoren und Kuratorinnen übernommen, was Projekte möglich macht, die sonst kaum bewilligt würden. So hat Markus Weiss aktuell für ‹Dere schöne Aare naa› vom Kunstmuseum Olten Ein- und Ausstiegsstellen an verschiedenen prekären Uferstellen des Flusses installiert und mit einer Schaukel unter der Alten Brücke kombiniert – ein künstlerischer Eingriff, der in Bern wohl niemandem auffiele, in Olten aber den «Aareschwumm» überhaupt erst vor Augen führt. Die diesjährige Ausgabe von ‹Art en plein air› in Môtiers, wo Markus Weiss nach 2015 ein zweites Mal ausstellen wird, ist ein weiteres Beispiel dieser Art. Lud er letztes Mal mit seinem zum ‹Bain public› umfunktionierten Brunnen – eine vollwertige Badeanstalt en miniature – zum gemeinsamen Bad ein, wird in Weiterführung dieser Projektidee ein ‹Petit bain public› als gewaltiger Corona-konformer Badeturm ausformuliert. Und im grenznahen französischen Jura wird im Sommer an der ‹MalbuissonArt› derweil sein ‹Feu flottant› zu sehen und zu benutzen sein, eine Grill- und Feuerstelle im Lac de Saint-Point, die naturgemäss aber nur schwimmend erreicht werden kann.
Die sich auf den ersten Blick vielleicht stellende Gretchenfrage nach dem Kunstgehalt etwa des letztgenannten Projekts ginge in die falsche Richtung. Denn ein solches Objekt ist nicht nur unter den Bedingungen von Kunst entstanden, sondern auch in Auseinandersetzung mit den situativen und skulpturalen Leerstellen der für Kunstoffensiven freigespielten Handlungsumgebungen. «Solche Kontexte empfinde ich als bereichernd, da die eigene künstlerische Arbeit ein kleiner Teil ist von etwas Grös­serem. Ich agiere deshalb, wann immer es geht, draussen, um die Niederschwelligkeit des öffentlichen Raums zu nutzen», sagt Weiss. Und so ist auch ‹Plug and Play›, 2015, in Möhlin eben kein Spielgerüst, sondern ein Hybrid aus Treffpunkt, Kiosk und Jahrmarktsarchitektur, der sich krakenartig auf dem Vorplatz einer Turnhalle ausbreitet. Es ist die ‹Place de Gaulle 2›, 2005, in Zürich Affoltern nicht einfach eine Petanque-Anlage, sondern die Überführung des südfranzösischen Sehnsuchtsorts Saint-Paul-de-Vence in die Retortensiedlung Ruggächern, der sie erstes Leben einhauchte. Und es war der temporäre Grillplatz am Schaffhauser Rheinufer 2017 – eines von sechs sogenannten ‹Stadtmöbeln› – zwar vordergründig ein ganz simples Strukturangebot, aber eben auch eine präzise Intervention, die durch die Hintertür der Kunst die Möglichkeiten des öffentlichen Raums erweiterte und damit dessen Bedingungen kritisch hinterfragte.

Bauen, nicht ausstellen
Den Eingriffen von Markus Weiss ist eigen, dass sie nicht einfach als partizipative Projekte mit klaren Handlungsanweisungen angelegt sind, sondern dass sie schlicht als Handlungsangebot funktionieren, wodurch sich das Narrativ des Ortes in vielfältige Richtungen verändern kann. Vor diesem Hintergrund ist eine Arbeit wie die hölzerne Plattform zu sehen, die 2014 im Rahmen der von Juri Steiner kuratierten ‹Cabanes de la Riviera› in Vevey entstand. Auch ohne das parallele Vermittlungsprogramm wurde die Konstruktion derart unvoreingenommen genutzt, dass der angebrachte Hinweis «Ceci est une œuvre d’art, merci de la respecter!» schlicht nötig wurde. Denn anders als etwa bei den Frères Chapuisat, wo der Kunststatus des Gebauten als schräg und prekär sichtbar wird, wird in den Konstruktionen von Markus Weiss die prekäre Ausgangslage mit künstlerischer und technischer Konsequenz überwunden: Da wird mit Ingenieuren getüftelt und sich an behördlichen Vorschriften gerieben, die es im Museum so nicht gibt. Gleichzeitig ertragen seine nomadischen Bauten im urbanen Raum ein soziales Restrisiko. Etwa wenn regelmässig schwindelfreie Kletterkünstler das 2007 unter dem Titel ‹My Castle› (gemeinsam mit Daniel Schibli) in zehn Metern Höhe frei hängende Baumhaus im Innenhof einer Bieler Berufsschule erklommen, um dort zu feiern oder zu übernachten – für einmal nicht Teil des Konzepts.
Markus Weiss formuliert seinen Kernanspruch damit, «dass der Ort schlicht an Bedeutung gewinnen muss». Für diesen Bedeutungsgewinn und das diesem zugrunde liegende Handlungsangebot steht stellvertretend das Motiv des Kiosks – per sebereits ein intimer, kleinformatiger und simpler Ort des Austauschs. Markus Weiss integriert ihn etwa in seiner Arbeit für Möhlin als Spielort innerhalb der bühnenhaften Installation, installiert ihn als Holzbaracke mit dem Titel ‹Unter Bäumen›, 2011, im Schlosspark Wädenswil als reichlich genutzten Solitär oder stellt ihn ins Zentrum des nicht realisierten Entwurfs für die Genossenschaftssiedlung Kalkbreite Zürich. In dieser Blockrandbebauung wäre 2010 der Kiosk nicht nur als Zentrum einer Schrebergartensiedlung platziert worden, die die Frage der Privatisierung öffentlichen Raums durch die typische Parzellierung solcher Flächen ironisiert hätte, sondern wäre bau­gleich in einer Dorfsiedlung in Moçambique errichtet worden, wo er – ebenfalls genossenschaftlich betrieben – als Wasserkiosk Überlebenshilfe geleistet hätte.
Markus Weiss, dessen Karriere einst ganz klassisch begann und über kleine Gruppenausstellungen, Teilnahmen an Atelier- und Stipendienschauen, den Swiss Art Awards, Residenzen in Paris, Genua und Johannesburg sowie Solo- und Gruppenpräsentationen in angesagten Galerien führte, hat seine Tätigkeitsfelder zuletzt bewusst und ausnahmslos im Aussenraum gesucht. All die genannten Orte sind längst keine Nebenschauplätze der Kunst mehr, sondern alternative Spielorte. Aber auch im öffentlichen Raum verlaufen Karrieren mehr oder weniger im Rampenlicht. Nicht auszudenken, was es für diejenige von Markus Weiss bedeutet hätte, wenn im damaligen Wettbewerb für das Zürcher Limmatquai das Votum der Jury anders ausgefallen und der Hafenkran der von ihm vorgeschlagene Leuchtturm geworden wäre.

Die Zitate stammen aus einem Gespräch mit dem Künstler am 29. März 2021
Andreas Vogel ist Kunsthistoriker und Direktor des Departements Kulturanalysen und Vermittlung an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. andreas.vogel@zhdk.ch
 

Jusqu'à 
05.09.2021

Markus Weiss (*1963) lebt in Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2017 ‹Pop-ups›, Urbansurprise, Schaffhausen
2010 ‹Wädenswil zeigt sich›, Schlosspark Wädenswil
2004 Daniel Schibli / Markus Weiss, Kunstraum Kreuzlingen; ‹Was weiss ich, was ich weiss, was ich weiss›, Galerie Staub, Zürich
1998 ‹plug and play›, Kunsthof Zürich

Projekte Kunst und Bau (Auswahl)
2021 ‹Salon bleu›, Sekundarstufenzentrum Baden
2015 ‹Plug and play›, Turnhalle Steinli, Möhlin
2011 ‹Stilles Wasser am Käferberg›, Wohnüberbauung Guggach, Zürich
2009 ‹Milchpuck›, Schulhaus Milchbuck, Zürich
2006 ‹My Castle›, mit Daniel Schibli, Kaufmännische Berufsschule, Biel
2005 ‹Place de Gaulle 2›, Wohnüberbauung Rüggächern, Zürich Affoltern
2003 ‹Round the world›, mit Markus Wetzel, Schulhaus Schönenbüel, Unterägeri

expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Dere schöne Aare naa 08.05.2021 - 01.08.2021 exposition Olten
Schweiz
CH
art motiers 2021 20.06.2021 - 20.09.2021 exposition Môtiers
Schweiz
CH
MalbuissonArt 12.06.2021 - 19.09.2021 exposition Malbuisson
Frankreich
FR
Auteur(s)
Andreas Vogel
Artiste(s)
Markus Weiss

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