Sammlerstücke — Versöhnlicher Blick auf die Welt

François-Louis-David Bocion · Sonnenuntergang, ohne Datierung, Öl auf Leinwand, 52 x 73 cm, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte. Foto: Philipp Hitz/SIK-ISEA

François-Louis-David Bocion · Sonnenuntergang, ohne Datierung, Öl auf Leinwand, 52 x 73 cm, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte. Foto: Philipp Hitz/SIK-ISEA

Fokus

François Bocion zeichnete die Schweiz als Ort einer läuternden Intimität zwischen Mensch und Natur. In den Genferseestücken begegnen sich Fischer und Schiffer, die ihr Brot im Schweisse ­ihres Angesichts verdienen, und puritanisches Bürgertum, das im Wetterschauspiel Seelennahrung findet.

Sammlerstücke — Versöhnlicher Blick auf die Welt

Die Abendstimmung im Gemälde des waadtländischen Malers François-Louis-­David Bocion (1818–1890) aus der Sammlung der Stiftung für Kultur und Geschichte erscheint zwar einsam und verlassen, ist aber voller menschlicher Spuren. Die am linken Genferseeufer vertäute Transportbarke liegt mit aufgerollten Segeln bereit zu Beladung und Fahrt. Zwischen der Hafenmauer und der Barke hat der Künstler seine Augen auf die Hügelzüge der Haute-Savoie gerichtet, hinter denen die Sonne versinkt wie ein Feuerball, der Himmel und Wasser temporär in Brand setzt. Bald wird die Landschaft dem trüben, matten Ton erliegen, dessen grün-violette Vibration die Gegenlichtmalerei nicht weniger beseelt als das gelb unterlegte Rot und die kräftigen Pinselstriche.
Tupfer und Schlieren, ja Kratzer liess Bocion in seinen persönlicheren Werken zunehmend stehen – anders als in den Gemälden, die er an die Turnusausstellung im Inland und die Salons im Ausland schickte. Dort spielte er mit prägnanten Umrissen und delikaten zerfliessenden Abstufungen – mit Kontrasten, die man als partikuläre Obsession waadtländischer Realisten von Charles Gleyre bis zu Félix Vallotton bezeichnen könnte und die wohl durch die ebenso markante wie ätherische Berg­gegend um den ausufernden Genfersee angeregt wurde. Auch auf der hier vorliegenden Leinwand arbeitet Bocion diese Stilmittel kräftig aus – bei aller Spontaneität.
Laut dem vormaligen Leiter des Musée Jenisch, Dominique Radrizzani, dem wir die kunsthistorische Einordnung des Malers verdanken, war Bocion «jeder revolu­tionäre Geist» fremd. Er blieb denn auch, abgesehen von Atelieraufenthalten in ­Paris und gelegentlichen Reisen in den Süden, seiner Heimat treu. Gerade der künstlerische und politische Haudegen Gustave Courbet (1819–1877), der ihn in seinen letzten Jahren im Exil in La Tour-de-Peilz zum Nachlassverwalter einsetzte, wird Bocion jedoch dazu ermutigt haben, experimenteller zu arbeiten, wenn auch nur im lokalen Rahmen. So behielt bei ihm das Gestische immer intimen Charakter. Selbst die kleinsten, schnellsten seiner unzähligen auf Karton skizzierten Genferseelandschaften – seine «Pochades», die er erst drei Jahre vor seinem Tod in einer Retrospektive publik machte – zeugen stets von einem versöhnlichen Blick auf Natur und Kultur. Bocion schien in den Anfängen der modernen Schweiz an eine harmonische Entfaltung des Individuums zwischen diesen Polen geglaubt zu haben. Uns bleibt auf einem enger gewordenen Planeten fast keine andere Wahl mehr.

Katharina Holderegger, Kritikerin und Kuratorin, lebt am Genfersee. kholderegger@hotmail.com
→ Sammlerstücke: Autor/innen kommentieren Werke aus der Sammlung der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte ihrer Wahl ↗ www.skkg.ch

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