Earthrise — Bildgeschichte einer Ikone

Bill Anders · Earthrise, 24.12.1968, Foto der Erde während der Mondumkreisung aufgenommen, Courtesy NASA

Bill Anders · Earthrise, 24.12.1968, Foto der Erde während der Mondumkreisung aufgenommen, Courtesy NASA

Wilhelm Kranz · Ideale Mondlandschaft, 1919, Deutsches Museum, München, Archiv, BN29027

Wilhelm Kranz · Ideale Mondlandschaft, 1919, Deutsches Museum, München, Archiv, BN29027

Die Erde, vom Monde aus gesehen, in: Otto Ule, Die Wunder der Sternenwelt – Ein Ausflug in den ­Himmelsraum, Leipzig 1877.

Die Erde, vom Monde aus gesehen, in: Otto Ule, Die Wunder der Sternenwelt – Ein Ausflug in den ­Himmelsraum, Leipzig 1877.

 «Hier ist unsere Heimat», in: Bruno H. Bürgel, Aus fernen Welten – Eine volkstümliche ­Himmelskunde, Berlin 1939

 «Hier ist unsere Heimat», in: Bruno H. Bürgel, Aus fernen Welten – Eine volkstümliche ­Himmelskunde, Berlin 1939

Fokus

Während der Apollo-8-Mission umkreisten Astronauten der NASA erstmals den Mond. Es entstand ein «Schnappschuss», der unter dem Titel ‹Earthrise› in die Geschichte einging. Die Aufnahme des Blauen Planeten zählt zu den am meisten reproduzierten Bildern überhaupt. Dabei hat das Bildmotiv eine lange Vorgeschichte. 

Earthrise — Bildgeschichte einer Ikone

Vor gut fünfzig Jahren, am Morgen des 21. Dezember 1968, startete die Apollo 8 vom Kennedy Space Center in Florida. Die Astronauten Frank Borman, William Anders und James Lovell hatten den Auftrag, den Mond zu erkunden. Doch nicht die Aufnahmen des Erdtrabanten sorgten für Schlagzeilen, sondern der «Schnappschuss» eines Erdaufgangs am Horizont des Mondes. Die Aufnahme gerann zum Sinnbild der Erde als einer schützenswerten kosmischen Oase und wurde zur Ikone der sich ­formierenden Umweltbewegung. William Anders brachte die Geschichte der Apollo-8-Mission auf eine griffige und vielzitierte Formel: «We came all this way to explore the moon, and the most important thing is that we discovered the Earth.» Es überrascht daher nicht, dass ‹Earthrise› auch anlässlich des Jubiläums der Mondlandung gerne thematisiert wird. Doch ganz so einfach ist die Geschichte des Bildmotivs nicht. Illustrationen der Erde am Horizont des Mondes zirkulierten bereits Ende des 19. Jahrhunderts – lange vor der technischen Realisierung der Raumfahrt.

«Unser belebter, grün umrankter Wohnsitz!»
Versetzen wir uns 130 Jahre zurück: Am 2. Juli 1889 öffnete die Berliner Urania ­ihre Pforten erstmals für das Publikum. Die Volksbildungsstätte wurde von den Astro­nomen Max Wilhelm Meyer und Wilhelm Foerster sowie dem Industriellen Werner von Siemens gegründet und bestand aus fünf Abteilungen: Astronomie, Physik, Mikroskopie, Präzisionsmechanik und dem Wissenschaftlichen Theater. Letzteres war eine Erfindung und Herzensangelegenheit von Meyer. Hier wurden wissenschaftliche Themen in Theaterstücke verpackt und unter Anwendung aller damals verfügbaren Medientechniken – jedoch ohne Schauspieler – auf die Bühne gebracht. Zu den gros­sen Erfolgen gehörte das von Meyer konzipierte Stück ‹Von der Erde bis zum Monde›, das am Eröffnungstag Premiere feierte. «Wir wollen heute miteinander eine Reise nach dem Monde unternehmen», erläuterte der Sprecher, der das Publikum durch das Stück leitete. Er betonte, dass die Reise eine rein «eingebildete» sei, denn es gebe kein Mittel – und es werde auch niemals ein solches geben –, um den schwerfälligen menschlichen Leib von der Erde zu lösen. So war es denn auch keine Raketen-, sondern ausgeklügelte Bühnentechnik, die das Publikum auf den Mond versetzte. Der Bühnenmaler Wilhelm Kranz setzte den Erdtrabanten so plastisch wie möglich in Szene. Anhand eines Monddioramas und -panoramas sowie elektrischer Beleuchtung sollte «die Illusion eines Besuchs auf der Mondoberfläche» erzeugt werden. Wie es im Skript heisst, fanden sich die Zuschauer und Zuschauerinnen einer«fremdartigen, ausserirdischen Welt» gegenüber, die ebenso faszinierte wie befremdete. Und doch war die Erde stets präsent. Kaum auf dem Mond angekommen, stellte sich alsbald ein neues Lichtphänomen ein, das die Landschaft in «bläulich fahle[s] Erdlichte» tauchte. Über den toten Gefilden des Mondes leuchtete die Erde als volle Scheibe. Der Sprecher verkündete, die Erde, «unser belebter, grün umrankter Wohnsitz!» ist aufgegangen. Um dem Augenblick noch mehr Gewicht zu verleihen, fügte er hinzu: «Kaum ist die Erde wieder in unseren Gesichtskreis gerückt, so klammern sich auch sofort wieder alle unsere Gedanken an sie: Wir sind doch rechte Muttersöhnchen und hängen mit unüberwindlicher Liebe an unserer Scholle fest!» Das Urania-Stück eröffnete einen geradezu nostalgischen Blick auf den Heimatplaneten. Die Sehnsucht nach Entgrenzung, die dem Ausgreifen in den Weltraum zugrunde lag, wandelte sich im Stück ‹Von der Erde bis zum Monde› zur Einsicht, dass es auf «unserem reich gesegneten Planeten» eben doch am schönsten sei.

Der Mars, eine «zweite Erde»?
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts war klar, dass sich der Mond weder als Lebensraum für den Menschen, noch für andere hochorganisierte Lebewesen eignete. Entsprechend hob sich die Erde im Urania-Stück als «grünumrankter Wohnsitz» scharf von der lunaren «Todesöde» ab. Der Sprecher des Stücks versicherte, die lunaren Verhältnisse würden dem Menschen den Aufenthalt auf dem Mond unerträglich machen, selbst wenn ein solcher möglich wäre. Dabei war Meyer nicht der Erste, der den Blick vom Mond antizipierte. Auch der Kontrast zwischen Erde und Mond wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts vielfach betont, insbesondere in populärastronomischen Schriften. Er diente als Stilmittel, um die Schönheit und Erhabenheit der Erde zu potenzieren. Otto Ule beschrieb die Welt des Mondes als «ohne Luft, ohne Licht, ohne Laut, eisig, dunkel, todtenstill!», sodass der Gedanke fernlag, eine solche Welt gegen die «so liebe und schöne irdische Heimat ein[zu]tauschen!». Ähnlich klang es in einem Buch aus den Zwanzigerjahren, in welchem ein Tag auf dem Mond dargestellt wurde. Auf dem Erdtrabanten herrsche «Grabesstille», erklärte der Autor. Wie schön sei doch dagegen die Erde, mit ihrem blauen Himmel, ihren Wiesen und Wäldern, ihren Flüssen und Meeren, dem tausendfachen Getier, den ziehenden Wolken, dem Flüstern des Windes, dem Sang und Klang, dem munteren Leben. Beide Schriften enthielten Illustrationen, die die Erde am Horizont des Mondes zeigten. Dennoch war der Weltraum um 1900 ein weit weniger trostloser Ort als heute. Für viele Astronomen war es geradezu undenkbar, die Erde könnte das einzige belebte Gestirn sein. Sie waren von der Pluralität der Welten überzeugt – möglicherweise gebe es selbst in unserer nächsten Nachbarschaft intelligentes Leben. In der Tat entwickelte sich spätestens 1877 mit der vermeintlichen Entdeckung von Marskanälen durch den italienischen Astronomen Giovanni Schiaparelli ein wahres «Marsfieber», das ganz Europa und die USA ergriff. Die Anhänger der «Kanaltheorie» waren sich sicher, bei den von Schiaparelli beobachteten Rinnen handle es sich um ein künstlich angelegtes Bewässerungssystem, das den Marsbewohnern dazu diente, ihren Planeten fruchtbar zu halten. Während einige versuchten, mit dem Mars zu kommunizieren, glaubte der amerikanische Astronom William Henry Pickering, auf dem Mars vierzig Seen sowie Flüsse strömenden Wassers entdeckt zu haben. So galt der Mars bald als eine «zweite Erde». Noch während der Mars-Opposition von 1924 überschwemmten die Zeitungen ihre Leserschaft mit Spekulationen über ‹Die Rätsel des Mars›.

«Hier ist unsere Heimat!»
Unser Sonnensystem bildet lediglich den Vorhof der Erde. Astronomen drangen mit immer stärkeren Teleskopen in immer tiefere Weiten des Weltraums vor, wodurch die Anzahl der bekannten Sterne stetig wuchs. In den Dreissigerjahren wurden allein in der Milchstrasse 200 Milliarden Sterne geschätzt. Das hatte einen ungewollten Nebeneffekt: Die Unendlichkeit des Universums drohte die Erde zu verschlingen. Je grösser der Weltraum erschien, umso mehr büsste die Erde umgekehrt an Stellenwert ein. Sie schrumpfte zu einem «verlorenen Lichtpünktchen» zusammen, dessen Bedeutung im kosmischen Gesamtgeschehen zunehmend fragwürdig wurde. So hiess es in einer populärastronomischen Schrift aus den Dreissigern: «Riesse uns eine allmächtige Hand in das Universum hinaus und liesse uns zurückblicken [...], wir fänden den Stern nicht mehr, den wir bewohnen, er wäre untergegangen in einem Schneegestöber von Sternen.» Weil dies schwer vorstellbar war, wurde auch hier der Zeit visuell vorgegriffen. Unterschiedliche Publikationen verwendeten Illustrationen, welche die Erde als kleines Lichtpünktchen in einem Heer von Sternen darstellten. Dabei handelte es sich um Zeichnungen, Aquarelle oder nachbearbeitete Fotografien der Milchstrasse, die die Erde nur scheinbar zeigten. Erst der Raumsonde Voyager 1 gelang am 14. Februar 1990 aus 6,054 Milliarden Kilometer Entfernung mit ‹Pale Blue Dot› eine tatsächliche Aufnahme der Erde als Lichtpunkt. Die Weltraumperspektive wurde also bereits im 19. Jahrhundert antizipiert und bildlich umgesetzt. Dabei liess und lässt sich die Erde höchst konträr darstellen: als schützenswerte kosmische Oase oder aber als verlorenes und belangloses Leuchten in der Unendlichkeit des Alls. Die Aufnahmen ‹Earthrise› und ‹Pale Blue Dot› vermitteln ganz unterschiedliche Botschaften. Letztere wirkte auf viele beunruhigend, da sie die Agency des Menschen und die Bedeutung der Erde im All grundlegend in Frage stellt. Das Verschwinden der Erde – «a dot among millions» – würde das Universum wenig kümmern, resümierte Fritz Kahn schon in den Fünfzigerjahren in wehmütiger Stimmung. So wenig nämlich, wie der Tod einer Ameise die Geschichte der Menschheit beeinflusse. ‹Earthrise› hingegen betont die Schönheit und Einzigartigkeit der Erde und versinnbildlicht sie als schützenswerte, kosmische Oase. Anders als ‹Pale Blue Dot› passt sie in die umweltpolitische Agenda und lässt sich bestens mit Slogans wie «Save the Planet!» oder «Es gibt keinen Planeten B!» verbinden. Denn anders als von den Zeitgenossen um 1900 erwartet, entpuppte sich der Weltraum als eine «endlose Welt des Todes» – die Erde ist «alternativlos» geworden.

Jana Bruggmann ist Doktorandin an der Freien Universität Berlin und freie Autorin. bruggmann@artlog.net

Jusqu'à 
06.10.2019
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Mondsüchtig. Fotografische Erkundungen 08.06.2019 - 06.10.2019 exposition Winterthur
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