K 67 — Conceptual Strength

Saša J. Mächtig · Kiosk K67, Ausstellungsansicht gta Ausstellungen, ETH Zürich, Hönggerberg, 2019. Foto: Nelly Rodriguez

Saša J. Mächtig · Kiosk K67, Ausstellungsansicht gta Ausstellungen, ETH Zürich, Hönggerberg, 2019. Foto: Nelly Rodriguez

Fokus

Der slowenische Architekt Saša J. Mächtig begann in den Sechzigerjahren, statt Produkte Systeme für Objekte zu entwickeln, mit denen auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert werden kann. Das bekannteste Beispiel aus seinem Werk ist ein Kiosk in Modulbauweise, der ‹K67›.

K 67 — Conceptual Strength

Der futuristisch anmutende Kiosk verkörpert ein Stück Zeitgeschichte mit Reich­weite in die Gegenwart: Konzipiert wurde er von Saša J. Mächtig zu der Zeit, als sich das ehemalige Jugoslawien auf einem «dritten Weg» zwischen der kapitalistischen Nachkriegsordnung und dem aufkommenden Sozialismus transformierte. Grundprinzip des ‹K67› ist eine modulare Raumeinheit, die durch die Durchdringung von zwei hochrechteckigen Volumina entsteht. Die insgesamt vier Öffnungen können je nach Anforderung geschlossen, als Fenster oder Öffnung mit Tresen und Überdachung ausgebildet werden. Die Fertigung in faserverstärktem Kunststoff fand in ­einer Werkstatt in Imgrad statt, die 1972 fatalerweise abbrannte. Ein olivettirotes, fabrikneues Exemplar wurde 1970 pionierhaft vom damaligen Kurator Emilio Ambasz für die Sammlung des MoMA in New York angekauft. Auslö­ser war eine Besprechung im britischen Magazin ‹Design› vom April 1970. Das Insti­tut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich hat nun ein ­realitätserprobtes Exemplar für die eigene Sammlung erworben und sachkundig mit der Erstpräsentation in der Ausstellung ‹Kiosk K67. Metamorphoses of a System› im März/April 2019 vorgestellt, zusammen mit Archivdokumenten, Plänen, Prototypen und Vintage-Street-Photography. Bis vor kurzem war ein Exemplar in Piran an der slowenischen Adriaküste als Info- und Ticketcounter in Gebrauch. Bei der Suche nach einem Exemplar war der Architekt, Mitbegründer des City Creative Network und Kurator am Museum of Architecture and Design (MAO) in Ljubljana, Milan Dinevski, von entscheidender Bedeutung, die Restaurierung wurde vom Team Workshop A1 in Ljubljana geleistet. Studierende der ETH haben nun die Möglichkeit, diesen ‹K67› für eigene Projekte zu reaktivieren. Saša J. Mächtig hat den ‹K67› in zwei Generationen sukzessive weiterentwickelt. Für ihn ist der ‹K67›, den er in Spezialversionen wie Übersetzerkabinen realisierte, keinesfalls Geschichte. Der Kiosk ist ein Objekt in Systembauweise, an dessen Relaunch er mit heutigem Materialwissen arbeitet. Zur Diskussion steht dabei die Fertigung aus Recyclingmaterialien. Mit welchen konzeptionellen Ansätzen Studierende den Kiosk nutzen und dabei das Verständnis von Öffentlichkeit, Place, Situation, Vintage und Lifestyle sowie Aussagen von Vertretern der Radical Architecture wie Archigram kritisch mitdiskutieren, wird sich zeigen: «When you are looking for a solution to what you are told is an architectural problem – remember, it may not be a building.»

Stefanie Manthey, Autorin und Kunstvermittlerin, Forschung zu Materialien und Techniken. ­stefanie.manthey@gmail.com

Auteur(s)
Stefanie Manthey

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