Olga Titus — Flowerpower und Spiel mit hybrider Identität

Guardians of the Garden, 2021, Ausstellungsansicht Helvetia Art Foyer, Basel. Foto: Viktor Kolibàl

Guardians of the Garden, 2021, Ausstellungsansicht Helvetia Art Foyer, Basel. Foto: Viktor Kolibàl

Ohne Titel (1/7), 2019 (Ausschnitt), Wendepailletten (doppelseitig bedruckt auf Vlieseline aufgezogen), 90 x 120 cm (mit Rahmen)

Ohne Titel (1/7), 2019 (Ausschnitt), Wendepailletten (doppelseitig bedruckt auf Vlieseline aufgezogen), 90 x 120 cm (mit Rahmen)

Foto:  Florian Kalotay

Foto:  Florian Kalotay

Fokus

Das Helvetia Art Foyer zeigt neue Arbeiten der Winterthurer Künstlerin Olga Titus. Die von Nathalie Loch sorgfältig kuratierte Einzelausstellung ‹Guardians of the Garden› verwandelt das gediegene Ambiente in eine blühende Kunstoase, die dem grauen urbanen Alltag eine opulent-farbige Traumwelt entgegensetzt – eine Art psychedelischen Paradiesgarten. 

Olga Titus — Flowerpower und Spiel mit hybrider Identität

Der Ausstellungsraum am Steinengraben 25 umfasst zwei unterschiedliche Raumkompartimente: Auf der Strassenseite befindet sich der zwei Etagen umfassende, mit hohem Schaufenster ausgestattete Galerieraum; zum rückseitigen Garten hin öffnet sich das ebenerdige Art Café, das als möblierte Begegnungszone Cachet bietet. Diese unregelmässige Raumstruktur bespielt Olga Titus sehr gekonnt, indem sie ausgehend von ihrer neuesten, titelgebenden Videoarbeit ‹Guardians›, 2021, die grossflächige Schauseite mit einem als Tapete reproduzierten Videostill bespielt und darauf zwei schillernde Paillettenbilder appliziert, die einen Ausschnitt des Still zeigen und nahtlos aus dem Tapetengrund herauszuwachsen scheinen.

Magische Farbräume und verführerische Oberflächen
Diese Wandinstallation steht geradezu programmatisch für das zwischen digitaler Bild- und analoger Objekthaftigkeit changierende Œuvre von Olga Titus. Ihre ­Videoarbeiten beruhen auf dem Sampling von breit gefächertem Recherchematerial, aus dem sie farblich und inhaltlich bunte Bild- und Symbolwelten kreiert. Sie verbindet darin nach dem Prinzip der Collage gegenständliche, geometrische wie auch abstrakte Formen und arbeitet gerne mit Spiegel- und Achsensymmetrien sowie kaleidoskopartigen und feinmaschigen Mustern. Ihre Videoarbeiten wirken «magic» und zugleich meditativ, so auch ihr neuestes Werk ‹Guardians›. Die fraktalen Erscheinungsformen der Natur verwandeln sich im langsam getakteten, zehnminütigen ­Video Pixel um Pixel in abstrakte Blasenmuster, aus denen heraus wiederum eine sanft gewellte Teichoberfläche entsteht. Man fühlt sich an Monets späte, grossformatige Seerosenbilder erinnert, die ebenfalls ganz aus der Farbe heraus geschaffen sind und dazu einladen, förmlich in einem irisierenden All-Over-Farbraum einzutauchen.
Die in die Installation integrierten Paillettenvliese sind ungerahmt und wirken eher wie Tapisserien. Der unkonventionelle Umgang mit Materialien und Techniken ist typisch für Olga Titus. Pailletten verbindet man in der Regel mit Party- und Karnevalskostümen. Titus lässt die Metallblättchen doppelseitig bedrucken und auf Vlieseline aufziehen. So schafft sie schillernde «Gemälde», die sich mit jeder Wischbewegung verändern, denn mit dem Wenden der Pailletten kommt ein Teil des rückseitigen Bildes zum Vorschein. Diesmal hat Titus die Bilder rahmen lassen, sodass das Publikum nicht mehr selbst über die Pailletten streichen kann. Die Paillettenbilder üben wegen ihres metallenen Glanzes und ihrer Haptik einen verführerischen Reiz aus. Wer diesem nicht zu widerstehen vermag, hat die Möglichkeit, vor Ort eineschillernde Helvetia Art Bag zu erwerben. Jede Tasche der 120er-Auflage ist ein Unikat. Dies ist nicht die einzige Taschenkreation von Olga Titus. Mit weiteren neun namhaften Kunstschaffenden aus aller Welt erhielt sie für die ‹Dior Lady Art Edition 5› den Auftrag, drei Taschen zu entwerfen. Eine den Pixeln verwandte Mikrostruktur hat die Künstlerin nicht nur im Paillettenstoff gefunden, sondern ebenso in zelligen Wandfliesen, die sie digital bedrucken lässt, auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Titus äussert sich im Interview mit Nathalie Loch wie folgt: «Die Paillettenwerke bergen den Reiz des Kleinteiligen, Pixelartigen in sich. Mir gefällt auch dieIdee, ein am Computer entstandenes Werk wieder in analoge Form zurückzuführen und physisch begreifbar zu machen.» Mit beiden Materialien, den Paillettenstoffen wie auch den Fliesen, schlägt die Künstlerin einen Bogen zur traditionellen Textil- und Gebrauchskunst, die während der vorletzten Jahrhundertwende im Jugendstil eine Blütezeit erlebte. Olga Titus durchlief zuerst eine Ausbildung als Textildesignerin, bevor sie an der Hochschule Luzern Kunst studierte.

Grosse Fragen an das Leben
Im intimeren Ausstellungsbereich des Art Café werden vier weitere Videoarbeiten aus den Jahren 2014 bis 2020 gezeigt: Für eine davon, ‹Fountain of Existence›, erhielt die Künstlerin 2019 den Kunstpreis des Kunst Museum Winterthur. Ihre digitalen Werke kreisen um zwei zentrale Themenfelder: einerseits die Genese von Formen, Bildern, Welten, ja ganzer Kosmen; andererseits die Entstehung von Identität im globalen Zeitalter. Entstehung und schöpferische Kreativität sind ein Begriffspaar, das Fragen aufwirft, wie: «Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?». ­Olga Titus ist Tochter einer Bündnerin und eines indischstämmigen Malaysiers, wuchs im thurgauischen Sulgen auf und lebt seit 2007 in Winterthur. Ihre Diplomarbeit verfasste sie zum Thema ‹Third Space: Sehnsucht nach kultureller Identität als Produk­tionskraft für künstlerisches Schaffen›. Diesen Zwischenraum nutzt Titus erfolgreich als Spielraum und als Freiraum. Sowohl im persönlichen Leben wie auch im Beruf hat sie sich für die Kombination von Gegensätzlichem entschieden. In einem ihrer frühesten Filme tritt sie sowohl als Trachtenmädchen wie auch als Bollywood-Tänzerin auf. In ihrem Videoschaffen ist sie «Drehbuchautorin, Regisseurin, Cutterin, Schauspielerin, Kostümbildnerin, Make-up Artist und Kamerafrau in Personalunion», wie sie selbst sagt. Man merkt ihr an, dass sie gerne in verschiedene Rollen schlüpft und die Möglichkeiten des Schauspiels auslotet. Die Selbstbefragung auch als Künstlerin betreibt sie lustvoll, spielerisch und wohltuend ironisch. Humor gehört zu ihrer künstlerischen Strategie dazu, genauso wie Poesie. Darin verpackt sie gesellschaftliche Aktualitäten wie zum Beispiel in der Arbeit ‹Rosy Hues›, 2015. Dabei handelt es sich um ein tortenförmiges, kinetisches Objekt mit Stroboskop. Die Torte ist mit unzähligen Tänzerinnen und Tänzern bestückt, die Tanzbewegungen aus verschiedenen Kulturen aufführen und so einen fröhlichen Multikulti-Reigen bilden. Olga Titus schafft spielend Verbindungen zwischen Kulturen und Welten. Ihre nächste Ausstellungstation wird das Studio West der Kunsthalle Darmstadt sein.

Lucia Angela Cavegn (*1969) arbeitet als Kulturbeauftragte der Stadtgemeinde Diessenhofen, leitet dort das Museum kunst + wissen und ist in Winterthur als freie Kunstvermittlerin tätig. cavegn@kunstweise.ch

→ ‹Olga Titus – Guardians of the Garden›, Helvetia Art Foyer, Basel, jeden Donnerstag 16–20 Uhr, bis 30.9., die Künstlerin ist anwesend am 22./23./24.9. (während der Art Basel) ↗ www.helvetia.ch/kunst

Jusqu'à 
30.09.2021

Olga Titus (*1977, Glarus) lebt in Winterthur

Einzelausstellungen (Auswahl)
2021 Studio West / Kunsthalle Darmstadt; Stalla Madulain
2020 ‹Show del Masai›, Kunsthalle Wil
2019 ‹Simsalabim›, Whitebox Harlem NYC; ‹Fruta Infinita›, Kunstraum Kreuzlingen
2018 ‹Faux Uni›, Kunsthalle Luzern
2017 ‹Candy Crush›, Kunsthalle Winterthur
2013 ‹Ideal Artist›, Kunsthalle Arbon

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Pinsel, Pixel und Pailletten – Neue Malerei›, Kunstmuseum Thurgau
2019 ‹Bricolage›, Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen
2015 ‹Video Arte›, Palazzo Castelmur, Stampa-Coltura
2018 ‹Woman›, Kunst Museum Winterthur; ‹Panorama Punjab›, Qila Mubarak in Patiala, Indien
2006 ‹In den Alpen›, Kunsthaus Zürich

expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Olga Titus — Guardians of the Garden 23.06.2021 - 30.09.2021 exposition Basel
Schweiz
CH
Auteur(s)
Lucia Angela Cavegn
Artiste(s)
Olga Titus

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