Sammlerstücke — «Ich bin allein … ich bin allein … ich bin allein …»

Antoine de Saint-Exupéry · Der kleine Prinz im Gespräch mit dem Fuchs, Studie für die Illustration von ‹Der kleine Prinz›, ohne Datierung, Aquarell und Tusche auf Papier, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte © SKKG

Antoine de Saint-Exupéry · Der kleine Prinz im Gespräch mit dem Fuchs, Studie für die Illustration von ‹Der kleine Prinz›, ohne Datierung, Aquarell und Tusche auf Papier, Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte © SKKG

Fokus

Es muss ein überwältigendes Gefühl sein, bei der Aufarbeitung ­eines Nachlasses auf einen solchen Schatz zu stossen: 2019 ­wurden in der Sammlung von Bruno Stefanini Farbskizzen von Antoine de Saint-Exupéry wiederentdeckt. Es handelt sich um Studien für den Weltbestseller ‹Der kleine Prinz›.

Sammlerstücke — «Ich bin allein … ich bin allein … ich bin allein …»

Der kleine Prinz ist eines der beliebtesten literarischen Werke des 20. Jahrhunderts. So sorgte der Fund im In- und Ausland für Schlagzeilen. Immerhin hatte Saint-Exupéry (1900–1944) die Studien eigenhändig gefertigt, mit Tusche und Aquarell. Mehr noch: Am Anfang des Kleinen Prinzen stand die Zeichnung. Jahre bevor Saint-Exupéry die märchenähnliche Erzählung schrieb, zeichnete er Figuren, die dem kleinen Prinzen ähnelten. Seitdem das Werk 1943 erstmals in New York erschien, löst es Begeisterung, aber auch Kritik aus. In der feuilletonistischen Rezeption wird es gelegentlich als Kitsch abgetan. In der Tat stellt sich die Frage, warum die Erzählung dermassen beliebt ist. Trotz vieler humorvoller Passagen wird sie vom Widerstand gegen das Erwachsenwerden und vom Motiv der Einsamkeit bestimmt. Kein Wunder, entstand sie doch mitten im Zweiten Weltkrieg, während sich der französische Autor im amerikanischen Exil befand.
Es fängt beim Setting an: Saint-Exupéry setzt seinen Protagonisten ganz allein auf einen kleinen Asteroiden. Gesellschaft leistet ihm lediglich eine narzisstische ­Rose, die ihn denn auch in die Flucht schlägt. Auf der Suche nach neuen Freunden besucht er andere Himmelskörper. Sie sind jeweils von einer einzelnen Figur bewohnt. Jede von ihnen ist in ihrer eigenen Realität gefangen – Saint-Exupérys Figuren leben sprichwörtlich in Parallelwelten. Da ist etwa der König ohne Volk und ohne Macht, der sich gleichwohl als Herrscher über das gesamte Universum aufspielt. Bezeichnender­weise verschlägt es den kleinen Prinzen auch auf der reich bevölkerten Erde ausgerechnet in die Wüste. Von einem Berg ruft er «Seid meine Freunde, ich bin allein», und das Echo antwortet ihm «Ich bin allein … ich bin allein … ich bin allein …». Gänzlich auf sich ­gestellt bleibt er freilich nicht. Er schliesst Freundschaft mit einem notgelandeten ­Piloten, einem Fuchs und einer Schlange. Happy End also? – Mitnichten. Befremdlich genug, dass der Freundschaftsschluss als «Zähmung» beschrieben wird. Die Welt (der Erwachsenen) bleibt dem kleinen Prinzen unverständlich. Am Ende zieht es ihn zurück in die schwierige Beziehung mit seiner Rose – übrigens die einzige weibliche Figur in der Geschichte. Für seine Heimkehr wählt er einen radikalen Weg: den Freitod. Damit zeigt die Zeichnung, die den kleinen Prinzen im Gespräch mit dem Fuchs darstellt, ­einen der seltenen Momente der Verbundenheit. Neben dem hohen Reiz der Illustratio­nen ist es wohl gerade das, was die Begeisterung für dieses Werk wachhält: die aufscheinende Hoffnung auf Verständigung und ein gelingendes Miteinander.

Jana Bruggmann, Kuratorin am Nidwaldner Museum in Stans und freie Autorin. jana.bruggmann@gmail.com
→ Sammlerstücke: Autor/innen kommentieren ein Werk ihrer Wahl aus der Sammlung der Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte ↗ www.skkg.ch
 

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