Documentary Creations im Kunstmuseum

Adam Chodzko · Nightvision, 1998, Video, Zweikanal-	Projektion

Adam Chodzko · Nightvision, 1998, Video, Zweikanal- Projektion

Besprechung

Vom Dokumentarischen wird vor allem im Kontext von Fotografie und Film gesprochen, die Kunst hat mit anderen Begriffen, beispielsweise dem des Realismus, operiert. Die Ausstellung in Luzern nimmt den aktuell viel diskutierten Begriff des Dokumentarischen auf, um ihn in Form einer selbstreferenziellen Fragestellung ins Zentrum der Kunst zurückzulenken.

Documentary Creations im Kunstmuseum

Wie gehen Künstler und Künstlerinnen heute vor, um etwas zu beweisen, etwas als wahr hinzustellen . das ist die Frage, welche die Kuratorin Susanne Neuschwander in ihrer Ausstellung verfolgt. Nicht die Frage nach dem was, nach den Inhalten, steht dabei im Zentrum, sondern nach den Mitteln und Strategien, die eingesetzt werden, um Authentizität, Glaubwürdigkeit zu reklamieren.

Die englische Künstlerin Hayley Newman (*1969, lebt in London) beispielsweise legt Zeugnis von ihren Performances ab, indem sie sie fotografiert oder fotografieren lässt - so wie es alle PerformerInnen tun. Auf einem Foto sieht man eine in ein Betttuch gehüllte Figur in einem Pub. Das Bettuch hat einen roten Fleck. Die Legende zum Foto erzählt, was sich ereignet hat: «Als Halloween-Geist verkleidet rannte ich in verschiedene Pubs in Londons Viertel Soho, stahl ein Getränk und ging wieder.» Man hat die Aktion vor Augen, so etwas wie eine innere imaginäre Bildershow spult sich ab.  Liest man die Legende dann allerdings genauer und zusätzlich den Informationstext wird klar, dass Soho nie in den Genuss dieser Aktionen kam. Das Bild wurde als Fake, bzw. um seiner selbst willen inszeniert, es legt falsches Zeugnis ab ? bzw. untergräbt unser Vertrauen, dass, wo ein Foto und ein Text ein Ereignis bezeugen, dieses auch wirklich im von uns leichtfertig für wahr gehaltenen Sinn stattgefunden hat. Newman setzt den begleitenden Informationstext, der hier fast wie eine Stimme aus dem Off erscheint, ein, um herkömmliche Ausstellungsmodi zu unterlaufen, und sie lässt uns amüsiert und verunsichert zurück. Wurden die spektakulären Performances des amerikanischen Künstlers Chris Burden tatsächlich alle realisiert?

Wie Newman eine Beweis- und Ausstellungskonvention dekonstruiert, so könnte man die ganze Ausstellung auch als kuratorische Recherche sehen. Die Arbeiten begnügen sich nicht damit, etwas wie auch immer zu bezeugen, sondern versuchen zugleich, ein «authentisches Erlebnis» im White Cube herzustellen ? gewissermassen Augenzeugenschaft unmit-telbar erlebbar zu machen. Die Arbeit von Matthew Buckingham (*1963, lebt in New York) besteht aus einem einzigen Dia - der Aufnahme eines bronzenen Reiterdenkmals - und dessen Projektion auf die Wand. Der Künstler hat den Krieger mit lüstern gezückter Axt von unten und hinten aufgenommen. Ein zugehöriger Text informiert, dass es sich um Absalon, einen dänischen Kriegerbischof mit blutiger Geschichte im Kontext von Kreuzzügen und Christianisierung handelt. Das dänische Parlament steht auf den Ruinen seines Schlosses. Dennoch ging die Errichtung des Denkmals vor gut hundert Jahren mit einem Eklat einher, weil das Königshaus Enthüllungen befürchten musste. Auch diese Arbeit legt nicht nur Zeugnis ab, sondern fragt, ob sie das überhaupt kann. Absalon, der so bedrohlich hoheitsvoll auf der Wand erscheint, wird es kaum bis zum Ende der Ausstellung schaffen, denn sein Bild verbrennt. Die Hitze der Projektionslampe löscht im Verlauf der Zeit das Dia aus. Wovon die Arbeit handelt, die Relativität und Zeitlichkeit von Wahrheit und Zeugenschaft, das führt sie gleich an sich selbst vor, setzt es als sinnlich nachvollziehbaren realen Prozess um.

Auch Adam Chodzko (*1965, lebt in Whitstable) geht der Frage nach, wie und ob überhaupt man etwas erkennen und dokumentieren kann. «Nightvision» besteht aus zwei Projektionen auf zwei gegenüberliegenden Wänden. Auf einer sieht man im feuchten Wald Menschen, Beleuchtungsexperten, herumstapfen und sorgfältig Kameras gen Himmel richten - als warteten alle auf den richtigen Augenblick. Dann gehen plötzlich die Lichter an und auf der gegenüberliegenden Wand erscheint ein unspektakuläres aber sehr deutliches Waldstück. Solange es da ist, sind die Experten verschwunden, das übermässige Licht hat ihr Bild ausgelöscht.

Vielleicht geht nie beides zusammen. Vielleicht löscht die Erkenntnis, die wie eine Vision, eine Erleuchtung auftritt, den Blick auf sich selber aus. Der Raum dazwischen ist das, was die Ausstellung thematisiert. Die Suche danach, wie KünstlerInnen eine Verbindung herstellen, zwischen dem kreativen subjektiven Ich, dem kreativen Tätigsein und dem, was «wirklich» ist. Zum Nachvollzug dieser ziemlich grandiosen, wissenschaftlich poetischen Recherche sollte man viel Zeit mitbringen. Einige weitere teilnehmende KünstlerInnen sind: Manon de Boer, Marine Hugonnier, Mathew Sawyer, Douglas Gordon, Melik Ohanian. Mit Katalog.

Jusqu'à 
28.05.2005

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