Miroslav Tichy im Kunsthaus

Miroslav Tichy · ohne Titel, ohne Jahr, © Stiftung Tichy oceán

Miroslav Tichy · ohne Titel, ohne Jahr, © Stiftung Tichy oceán

Besprechung

Seit der künstlerischen Entdeckung des Tschechen Miroslav Tichy, die auf der von Harald Szeemann kuratierten Biennale von Sevilla 2004 begann, fanden seine Fotografien binnen kürzester Zeit weltweite Anerkennung.

Miroslav Tichy im Kunsthaus

Miroslav Tichy ist ein Kauz der besonderen Art: Verlumpt und verlaust, mit ständiger Alkoholfahne irrt er in einer südmährischen Kleinstadt umher, stellt Frauen jeglichen Alters nach, um sie mit einer selbstgebastelten Kamera zu fotografieren. Beim Flanieren durch die Stadt, auf dem Markt, in Häusereingängen, in Parks, beim Tratschen oder in Lokalen, auch von Fernsehbildschirmen. Er schiesst die Fotos heimlich, quasi aus der Hüfte heraus. Ohne durch den Sucher zu blicken, lichtet er durch den Maschendrahtzaun des Schwimmbads sich räkelnde Frauenkörper ab, fokussiert bei seinen Stadtwanderungen Beine, Taillen, Torsi oder Gesichter.

Meistens registrieren die Frauen ihn nicht, oder wenn, dann lassen sie ihn geschehen, blicken jedoch nur selten in die Kamera. Dreissig Jahre lang geht er so auf die Jagd, schiesst täglich in voyeuristischer Obsession hundert Fotografien. In seiner Bude ohne Heizung und ohne Telefon stapelten sich die Fotos, bis sie schimmelten. Doch dann, vor knapp zwei Jahren, konnte der Psychiater und Künstler Roman Buxbaum einen grossen Stapel Fotos aus Tichys Wohnung schaffen. Dies gelang Buxbaum, der Tichy immerhin seit seiner Kindheit kennt und sein Nachbar war, bis er 1968 mit seiner Familie nach Zürich emigrierte, erst nach langen Überredungskünsten. Er zeigte sie dem Zürcher Galeristen Jürg Judin, der die Vermarktung der Fotos in Gang brachte.

Der Stil des 79-jährigen Künstlers ist überraschend eigenständig und eigentlich unvergleichlich. Die Fotos sind unscharf - zuweilen errät man kaum noch die Körperkonturen, mal über-, mal unterbelichtet. Durch einen Schleier von Bromflecken entsteht eine impressionistische, romantische Stimmung. Durch diesen Schleier scheinen die abgebildeten Frauen, seien es Lolitas, vom Leben gezeichnete Arbeiterinnen oder Studentinnen, der Zeit entrückt zu sein. Den verwackelten, unscharfen Fotos eignet eine melancholische Poesie an und man fühlt sich an Fotos aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts erinnert. Dazu trägt nicht unwesentlich der Umstand bei, dass Tichy sich seine Kameras selbst baute: die Objektive aus Konservendosen und Brillengläsern, die Kameragehäuse aus Holzschachteln, Fadenspulen und Bierdeckeln, mit Teer abgedichtet. Mittels eines ebenfalls selbst gebauten Vergrösserungsapparats bestimmte er die Ausschnitte, überarbeitete die Abzüge zum Teil zeichnerisch, kolorierte und retuschierte die Fotos und setzte sie in individuell bemalte handgefertigte Passepartouts ein, womit jede Fotografie zum Unikat wird.

Formal verraten die oft klassisch wirkenden Porträts, die Posen und die ausgewogenen Kompositionen den ehemaligen Kunstmaler. Das Rüstzeug hatte er sich an der Prager Kunstakademie geholt. Doch dem kulturpolitischen Diktat des sozialistischen Realismus wollte sich Tichy nicht beugen. 1972 wird sein Atelier enteignet. Darauf wendet er sich sukzessive der Fotografie zu und landet als Regimekritiker und sozial Auffälliger immer wieder im Gefängnis oder in der Psychiatrie. So isoliert von jeglichem künstlerischen Diskurs ist ein künstlerisch völlig autonomes Werk entstanden. In diesem Werk glaubt nun der Kunstmarkt ein unverstelltes, wahrhaftiges und von der Zeit und von gesellschaftlichen Umständen freies Dasein zu erkennen, was den Marktwert von Tichys Bildern in die Höhe schnellen lässt. Und dies gerade dank einer skrupellosen Haltung, die Tichy ganz und gar fern ist. Monographie. Dokumentarfilm von Roman Buxbaum.

Jusqu'à 
17.09.2005

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