Javier Tellez bei Peter Kilchmann

Javier Téllez · La Passion de Jeanne d´Arc (Rozelle Hospital, Sydney), 2004, Videostill «Twelve and a Marionette», Courtesy Javier Téllez und Peter Kilchmann Gallery, Zürich

Javier Téllez · La Passion de Jeanne d´Arc (Rozelle Hospital, Sydney), 2004, Videostill «Twelve and a Marionette», Courtesy Javier Téllez und Peter Kilchmann Gallery, Zürich

Besprechung

Der Venezolaner Javier Tellez geisselt in zwei neuen Videoarbeiten am Beispiel von gesellschaftlich Marginalisierten die Macht von Politik und Institutionen und nimmt gesellschaftlich konditionierte Verhaltensmuster kritisch unter die Lupe.

Javier Tellez bei Peter Kilchmann

Ein bisschen unwohl fühlt man sich schon, wenn man die Insassinnen der psychiatrischen Klinik Rozelle in Sydney von ihren Borderline-Symptomen, ihren Zwängen, Suizidversuchen oder traumatischen Kindheitserfahrungen erzählen hört und ihre zum Teil gequälten Gesichter sieht. Ganz trocken und unsentimental berichten sie von ihrer Krankheit und ihren Therapien, während ihre Gesichter fast die ganze Leinwandfläche einnehmen, so dass man meint, ihnen direkt gegenüberzusitzen. Mit ihnen hat der Venezolaner Javier Tellez (*1969) für die Doppelprojektion «The Passion of Joan of Arc» zusammengearbeitet. Die Qual ihrer inneren Hölle erhält ein sprechendes Gegenüber in den expressiven Gesichtszügen der Schauspielerin Renée Falconetti. Diese spielte die Rolle der Jeanne d´Arc im Stummfilm «La Passion de Jeanne d´Arc» von Carl Theodor Dreyer 1927/28, der auf der gegenüberliegenden Leinwand auszugsweise projiziert wird. Allerdings irritieren die in den historischen Film neu eingefügten Untertitel, welche jeweils eine der Insassinnen von Rozelle auf eine Wandtafel schreibt. Die Texte machen nämlich aus der Angeklagten im Prozess von Rouen eine psychisch Kranke und aus ihren Häschern Psychiatriepfleger; eine Interpretation, die auch aufgrund der expressiv gespielten Rollen nicht abwegig ist.

Mit dieser Videoarbeit hat Javier Tellez an der 14. Biennale von Sydney im Sommer 2004 Furore gemacht. Tellez, dessen Eltern Psychiater waren, arbeitet oft mit Themen psychiatrischer Prägung. Dabei interessiert ihn vor allem die Grenze, die Umkehrung zwischen dem, was als «normal» und was als «pathologisch» empfunden wird, respektive was unter dem Aspekt von sozialen Konventionen als «normal» definiert wird. Auch Tellez´ neueste Videoarbeit «El Leon de Caracas», 2004, entwickelt sich entlang von sozialen und politischen Konventionen, die er auf den Kopf stellt. Sie dokumentiert vier Polizisten, die durch die verschlungenen Treppen und Gässchen von Caracas´ gefährlichster Elendssiedlung einen ausgestopften Löwen balancieren. Die Szene erinnert an eine religiöse Prozession und endet am Fusse des Hügels, wo der Löwe abgesetzt wird, damit ihn die Bewohner bewundern können. Untermalt wird das Geschehen durch die Melodie der bekannten «Popule Meus» des venezolanischen Komponisten José Angel Lamas; ein Musikstück, das in Venezuela traditionellerweise mit der Settimana Santa assoziert wird. Tellez transferiert so emblematische Christusbilder und überlagert sie mit der symbolischen (Löwen-)Figur der Staatsmacht. Vollends ironisiert werden die Vorstellungen von Staat, Religion und Bürgerrecht, indem dieses irrationale Geschehen im peripheren Gebiet einer Favela durch Stadtpolizisten vollzogen wird, die normalerweise keinen Fuss hierher setzen würden.

Jusqu'à 
05.05.2006

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