Daniel Richter im Museum für Gegenwartskunst

Daniel Richter · Revidyll, 2006, Öl auf Leinwand, 377 x 250 cm, Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin

Daniel Richter · Revidyll, 2006, Öl auf Leinwand, 377 x 250 cm, Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin

Besprechung

Das Museum für Gegenwartskunst zeigt einen Querschnitt durch das malerische Schaffen Daniel Richters der letzten sechs Jahre - also seit der viel zitierten «Wende» im Jahr 2000, als aus vormals rein ornamental-abstrakter Malerei plötzlich surreale Landschaften wurden, die mit Menschen, Tieren und Architektur bevölkert sind. Geblieben ist der visuelle Overkill seiner halluzinogenen Bildoberflächen.

Daniel Richter im Museum für Gegenwartskunst

«Mich hat es immer interessiert, einen Fleck zu malen und zu beobachten, wann der Fleck sich etwa in ein hoppelndes Häschen oder in ein Folteropfer verwandelt.» Dieses Zitat aus einem Gespräch mit Kurator Philipp Kaiser bringt das Verhältnis von Abstraktion und Figuration sowie die grundsätzliche Ambiguität von Daniel Richters Bildern auf den Punkt. So kalkuliert vieldeutig wie der Titel «Huntergrund» sind auch die Botschaften seiner Bilder. Mit grösstmöglicher Präzision zu einem möglichst vagen Ergebnis zu kommen ist Richters erklärte Intention. Man könnte die grell farbigen, von sinnlichen Reizen überladenden Gemälde als eine Art psychedelische Historienmalerei bezeichnen. Oder als zeitaktuelle Märchen- und Mysterienbilder. Gerade am Anfang verwendete Richter oft Zeitungsfotos als Vorlage, deren Inhalt er jedoch ent- beziehungsweise neukontextualisiert. Ein Beispiel hierfür ist «Phienox» von 2000, auf dem vor blutrotem Himmel geisterhafte Menschen über eine Mauer gehievt werden. Was im Zuge des zehnjährigen Jubiläums der Wiedervereinigung mit dem Fall der Berliner Mauer assoziiert wurde, ging in Wirklichkeit auf das Bild eines Bombenanschlags auf die Botschaft in Nairobi zurück. Die subversive Gleichschaltung so verschiedener Kontexte ist typisch für Richters subjektive Geschichtsreflexion, in der sich Traumbilder und Tagesgeschehen vermischen. Der Farbauftrag ist teilweise so giftig, dass die Figuren wie von Säure zersetzt oder von Infrarot durchleuchtet erscheinen. Sie geistern wie Zombies durch meist nächtliche Landschaften und Städte, in denen Gebäude nur scheinbar Aufschluss über Zeit und Ort geben. Einzig in «Billard um halbzehn» ist das Architekturzitat konkret ? auch wenn wohl kaum jemand das Asylantenheim, das in Lübeck brannte, darin erkennen würde. Im Vordergrund tanzen drei unheimliche Lichtgestalten um ein Lagerfeuer. Menschen im freien Fall in «Revidyll», 2006, und in «Duueh», 2003, oder dicht zusammengedrängt in einem winzigen Schlauchboot in finsterer Nacht in «Tarifa», 2001, - das alles könnte mythologisch sein, und ist zugleich verstörend aktuell. Oft sieht man Menschenmassen und Polizeischwadrone mit Hunden - die Gewalt schwelt unterschwellig.
Richter vereint im Medium Malerei nicht nur Abstraktion und Figuration, sondern, viel wichtiger, innere wie politische Zustände, die sich in all ihrer ausgeklügelten Uneindeutigkeit letztendlich doch zu einer verblüffend präzise formuliertem Gesellschaftskritik verwachsen.

Jusqu'à 
23.09.2006

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