Dorothy Iannone und Lee Lozano in der Kunsthalle Wien

Dorothy Iannone · «I Have Got Such a Marvelous Cock (Red Hat)», 1969/70

Dorothy Iannone · «I Have Got Such a Marvelous Cock (Red Hat)», 1969/70

Besprechung

Sie sind beide keine Unbekannten und doch ist das Werk der beiden US-Amerikanerinnen bisher nur wenig beachtet worden: Lee Lozano, die 1999 zurückgezogen in Dallas, Texas, 69-jährig starb, und Dorothy Ianone, die als heute 73-Jährige seit 1976 in Berlin lebt. Jetzt werden beide erstmals gemeinsam ausgestellt - unter dem passenden Titel «Seek the extremes...».

Dorothy Iannone und Lee Lozano in der Kunsthalle Wien

Sie hätten sich in den sechziger Jahren in New York treffen können. Danach gingen ihre Wege auseinander: Lozano beschloss 1971, sich nach zehn Jahren Malen und Ausstellen aus der Kunstwelt zurückzuziehen und zudem nie wieder mit Frauen zu sprechen. Nur wenig ist über Lozanos anschliessendes Leben in Dallas bekannt und auch ihr Werk wird jetzt erstmals aufgearbeitet. Ihre konzeptuellen «Language Pieces» geben über zentrale Entscheidungen Auskunft, über ihre Experimente mit Drogen, über ihre Wege und Verweigerungen. Ihre späten, abstrakten, spirituellen Bilder, die nun erstmals in der Kunsthalle Basel und anschliessend im Van Abbemuseum zu sehen sind, entstehen aus ihrer erneuten Beschäftigung mit ihrer ursprünglichen Ausbildung: Quantenphysik. In der Kunsthalle Wien liegt der Schwerpunkt auf ihren im Katalog als «Schwanzgesichter und Körperschachteln» bezeichneten, grossartigen Zeichnungen voller Erotik und Aggressivität, dazu ihre «Masturbation Investigation» oder auch das «Grass» und «No Grass Piece» mit Anweisungen über ihren Marihuana-Konsum eines Tages. «Die Extreme suchen, denn dort spielt sich alles ab», notiert Lozano auf einem dieser Blätter.

Dem Extrem scheint auch Dorothy Iannone gefolgt zu sein, als sie 1967 Dieter Roth in Reykjavik kennen lernte, ihren Ehemann, und die USA verliess und nach Europa zog. Sieben Jahre hielt ihre Liebesekstase, aus der heraus Iannone ihre «Iceland Saga» zeichnete. Diese Serie mit 48 Blättern ist durchaus bekannt, wurde etwa im Sprengel Museum zusammen mit Dieter Roth ausgestellt und als farbenprächtige Publikation 2001 im Schweizer Bilgerverlag publiziert. Die Serie bildet auch den Schwerpunkt in der Wiener Ausstellung, dazu weitere ähnliche Zeichnungen und Bilder aus einem Gewimmel von Einzelmotiven, manchmal ornamental wie ein Teppich, dann wieder an indische Tantra-Zeichnungen erinnernd oder im Flower-Power-Stil der siebziger Jahre gehalten. Wie Lozano so schreibt auch Iannone viele ihrer Gedanken in ihre Bilder, allerdings weniger als konzeptuelle Stücke als im Stil von Comics und Bildergeschichten. Iannone ist auch weitaus erzählerischer und schwelgerisch, wogegen in Lozanos Werk immer wieder Zweifel und Wut aus den Bildern schreien.

Auch wenn die Unterschiede zwischen den beiden Werken in künstlerischer Hinsicht unübersehbar sind, funktioniert diese Parallelausstellung - mit zwei getrennten Katalogen - perfekt. Denn einerseits spiegelt sich hier die Zeit der sexuellen Befreiung und der ungetrübten Drogenexperimente am Ende der Moderne in zwei äusserst kompakten Positionen. Andererseits weisen diese Werke auf die Ängste und Unsicherheiten der Gesellschaft in jener Zeit hin, denn beide Künstlerinnen wurden damals immer wieder ob der erotischen Motive zensiert und von der Kunstgeschichte bisher marginalisiert. Aus der historischen Distanz wächst jetzt die Offenheit, solche extreme Positionen zuzulassen.

Jusqu'à 
14.10.2006

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