Opfer oder Täterin

Esra Ersen, *1970 in Ankara, lebt in Istanbul und Berlin.

Esra Ersen, *1970 in Ankara, lebt in Istanbul und Berlin.

Ich bin Türke, bin ehrlich, bin fleissig?, 2005, Installationsansicht mit 21 türkischen Schuluniformen im O.K Centrum für Gegenwartskunst, Linz, Foto: Otto Saxinger
Von Montag bis Freitag notierten die Kinder jeweils, wie ihnen der Auftritt in der Schuluniform gefallen hat. Am Ende des Projekts wurden die tagebuchartigen Notizen per Siebdruck auf die Uniformen appliziert.

Ich bin Türke, bin ehrlich, bin fleissig?, 2005, Installationsansicht mit 21 türkischen Schuluniformen im O.K Centrum für Gegenwartskunst, Linz, Foto: Otto Saxinger
Von Montag bis Freitag notierten die Kinder jeweils, wie ihnen der Auftritt in der Schuluniform gefallen hat. Am Ende des Projekts wurden die tagebuchartigen Notizen per Siebdruck auf die Uniformen appliziert.

Fokus

Die türkische Künstlerin Esra Ersen thematisiert, wie man durch diverse Zuschreibungen hindurch die Realität und sich selbst wiederentdeckt, wie man den umgebenden Alltag und die eigenen Potenziale jenseits von Klischees lebendig macht.

Opfer oder Täterin

Esra Ersens Selbstermächtigungen

«Sag ihr, dass der Papa trinkt», sagt ein Junge, der sich hinter der Schulter seines Bruders rumdrückt. «Der Papa trinkt», gehorcht dieser und teilt uns beziehungsweise der kameraführenden Esra Ersen weiterhin mit: «Wir sind hier drei Brüder. Mama und Papa sind geschieden. Ich liebe meine Mama. Wir sind wegen unserer Väter hier. Wir sind alle Strassenkinder.» Die Arbeit «This is the Disney World», 2000, stellt die Kehrseite des als Fun City promoteten Istanbuler Stadtviertels Taksim vor: Strassenkinder bzw. -jugendliche, welche an ihren klebstoffgetränkten Tüchlein schnuppern und zwischen unter die Haut gehender Traurigkeit und überdrehter Sentimentalität und Gewaltbereitschaft pendeln. Esra Ersen hat diese Rumstreuner, mit denen niemand etwas zu tun haben will, begleitet und aufgenommen. Dabei ist sie selbst, obschon unsichtbar, präsent, als diejenige, welche Antworten auf Fragen erhält und einmal wird sie befremdlich grenzüberschreitend angemacht. Liebes- und Gewaltvorstellungen sind eng verbunden.
Esra Ersen gilt als eine der wichtigsten Repräsentantinnen einer politisch und konzeptualistisch orientierten jungen türkischen Kunstszene, welche sich, gestärkt durch die seit 1987 bestehende Istanbul Biennale und deren Netzwerke, in den neunziger Jahren etablierte und durch Stipendien und Artist-in-Residence-Programme mit der west- und nordeuropäischen Kunstszene verbunden ist. Während Ersen zunächst vor allem auf politische Missstände in der Türkei aufmerksam machte, verlagerte sich das Interesse mit zunehmenden Auslandaufenthalten und nomadischem Lebenswandel seit Ende der neunziger auf ausgrenzende Praktiken ganz generell. Migrationsverfahren werden thematisiert oder auch die Beschränkungen, welche die speziellen Erwartungen der Kunstszene gegenüber einer «türkischen Künstlerin» mit sich bringen. Aus- und Eingrenzungen haben viele Gründe und Gesichter, sie können auf politischen Konzepten beruhen, zeigen sich in Schuluniformen und nationalistischen Sprüchen, nehmen weitere Prägungen beispielsweise in Geschlechterzuschreibungen an. Ersens Strategie, derartige Bannkreise, Markierungen und Festschreibungen aufzuweichen, besteht darin, sie mit Gegeninformationen, häufig einfach den lebendigen Geschehnissen des Alltags zu durchkreuzen. Esren fragt: «Wie kann ich ein Klischee mit der Realität löschen?»

Zwischen Dokumentation und Inszenierung  Im Video «Hello Where is it?», 2000, wird im Auto immer wieder die Asien und Europa verbindende Bosporus-Brücke, eine touristische Hauptattraktion Istanbuls überquert. Ersen untergräbt den Bedeutungsballast, indem sie nicht die Brücke, sondern die belanglosen Gespräche der im Auto Sitzenden ins Zentrum stellt. Auch in «Hamam», 2001, wird Smalltalk als Waffe gegen Projektionen eingesetzt. Eingeladen, eine Arbeit für ein türkisches Bad im bulgarischen Plovdiv zu realisieren, lässt Ersen sich zwar auf die sehr vorbelastete Darstellung von Frauen im Bad ein, knüpft auch ans Klischee der Unterdrückung der türkischen Frau an, um die Situation dann humorvoll zu trivalisieren. Wir sehen zwei junge Frauen, die zwar genüsslich mit Wasser plätschern, zugleich aber - gar nicht lasziv - nicht aufhören zu kichern und zu schwatzen. Man erfährt, dass die Mutter der einen diese noch wäscht, weil sie selbst es angeblich nicht könne. Übers Mailen wird parliert und dass Frauen wohl oft verstimmt seien und misstrauischer als Männer.
Um die Realität von fertigen Bildern, Spektakeln und Vorurteilen zu befreien und unserer subjektiven Wahrnehmung wieder zugänglich zu machen, entwickelt Ersen immer neue Handlungsmuster, welche die Schnittstelle zwischen Aufladung und Entspannung umspielen. Das Dokumentierende, das genaue Aufzeichnen einer vorhandenen Realität, wird dabei weniger als anklagendes oder aufklärendes Verifizieren eingesetzt, sondern als entschärfendes, entspannendes Gegenmittel. Ersen führt die banale Realität nicht als objektives und von ihr losgelöstes Beweismittel vor - von einer «kolonialen Bildpolitik» in der «Dokumentarismus und Herrschaft kollabieren» (Hito Steyerl) ist sie weit entfernt -, sondern das Alltägliche spult sich als nebensächliche, skizzenhafte Begleitmusik ab, als eine fragmenthafte Geschichte, welche die eigentliche Inszenierung begleitet, unterspült, verdrängt. In dieser Beiläufigkeit ist die Künstlerin auch selbst in ihren Arbeiten - ihr eigenes Bild austestend - immer wieder präsent. Weniger wird eine «objektive Wahrheit» deklariert, als dass Ersen mit der Frage beschäftigt scheint, wie man etwas im Alltag wahr machen kann. Und einerseits ist sie Bilderproduzentin für die internationalen Kunsträume, darüber hinaus will sie ganz konkret sich und andere im realen Umfeld hier und jetzt handeln machen und fragt: Wie kann man die Realität verändern, damit sie den eigenen Vorstellungen entspricht? Viele ihrer Arbeiten sind so etwas wie inszenierte Stücke, in welchen mögliche Vorgehensweisen in der Realität getestet werden und in denen zugleich die eigene Kunstproduktion verhandelt wird.

Mit wem - für wen?  Während Ersen in ihrer Istanbuler Zeit FreundInnen als Small-Talk-PerformerInnen einsetzt, arbeitet sie mit Beginn ihres nomadischen Lebenswandels vermehrt mit fremden Gruppen. In Graz hat sie ein Projekt mit Inhaftierten realisiert, in Schweden mit einer Gruppe Migranten. Gerade für (und mit) Marginalisierte entwickelt sie Projekte, mit der Intention, trotz fremdbestimmter Situation «die eigenen Potenziale entdecken» zu machen.
In «Ich bin Türke, bin ehrlich, bin fleissig?», einem 1998 begonnenen Langzeitprojekt, arbeitet sie mit Schulklassen. Der Titel skizziert, was türkische Grundschulkinder jeweils am Montag früh und am Freitagabend aufsagen müssen. Die einst selbst zu ihrem Leidwesen solchen nationalistischen Ritualen ausgesetzte Ersen hat in verschiedenen Städten - von Gwangju bis Linz - Schulklassen für eine Woche in die türkische Uniform gesteckt. Die Kostümierung wurde zur Leitplanke, der folgend man neues Terrain austesten konnte und die Diskussionen zogen jeweils weite Kreise.
«Ich bin Türke» ist richtiggehend ein Stück, das vor der Bühne des realen Lebens in fünf, von Montag bis Freitag reichenden Akten nach einer ersensche Spielanleitung Aus- und Eingrenzung experimentell thematisiert. Die Regisseurin ist auf Ton- und Bildspur kurz präsent, die Filmkamera wird gezeigt. Aber entlang des inszenierten Fadens spult sich wieder überaus mächtig der Alltag ab: angemalte und abgeknabberte Fingernägel beispielsweise, Beutel, die in Reih und Glied an Garderobenhaken hängen, wie die Lehrerin in Linz Rechnen lehrt und wie SchülerInnen anderer Klassen die Uniformierten auslachen.

Schicksal selber machen  In «Perfect/Growing Older (Dis)Gracefully», 2006, thematisiert Ersen am Beispiel von Liverpool das Standortranking vieler Städte, welche zwecks besserer Vermarktung mit einem neuen, unangemessenen Outfit überzogen werden. Ersen personifiziert und psychologisiert dieses Konzept, indem sie eine Liverpoolerin den von aussen auferlegten Identitätswechsel an der eigenen Person erproben lässt. Mit dem Resultat, dass diese sich voller Optimismus dagegen entscheidet.
Waren es in «This is the Disney World» ausgelieferte männliche Jugendliche, Opfer, deren Leben Ersen in - trotz allem doch vorhandenem - voyeuristischen Abstand dokumentierte, haben wir es in «Perfect» mit einer 70-jährigen Frau zu tun, die ihr Schicksal selbst bestimmt. Nicht mehr die «Leiden der anderen» (Susan Sontag) werden ins Zentrum gerückt, sondern eine erfahrene, sympathische Frau stellt alternative Handlungsmodelle vor. Die Neugestaltung der eigenen Person in einer spielerischen Performance kritisch interessiert begleitend, arbeitet sie ihre eigene dezidierte und optimistische Haltung heraus. Und in ihrer aktiven Strahlkraft scheint diese Frau der Künstlerin ebenbürtig zu sein. Fast ist es, als hätte Ersen eine Figur ins Leben losgeschickt, die nun für sie agiert. Hat Ersen diese «gemacht» oder nur gefunden»? Wahrscheinlich eine Mischung davon.

Meine Arbeiten sind Prozesse, die ich mit Menschen durchlebe. In gewisser Weise sind es Versuchsanordnungen zu experimentellen Fragestellungen. Da ich die Projekte immer in einem groben Strukturverlauf entwickle, gibt es immer einen inszenatorischen Input meinerseits: Ich gebe ein Thema und damit einen Rahmen vor. Aber was sich dabei entwickelt, kann ich vorher nicht wissen. Meistens ist es ganz anders, als ich erwartete. (E.E.)

Artiste(s)
Esra Ersen
Auteur(s)
Brita Polzer

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