Aufführungen des Glücks und seiner Zerstörung

Beate Gütschow (*1970 in Mainz) lebt in Berlin. 1993-2000 Studium an der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg. 1997 Studium an der Kunstakademie Oslo.

Beate Gütschow (*1970 in Mainz) lebt in Berlin. 1993-2000 Studium an der Hochschule für Bildende Künste, Hamburg. 1997 Studium an der Kunstakademie Oslo.

LS7, 1999, 164 x 116 cm © ProLitteris Zürich

LS7, 1999, 164 x 116 cm © ProLitteris Zürich

Fokus

«ganz woanders» ist der Titel der Ausstellung der Künstlerin Beate Gütschow, mit der das Haus am Waldsee in Berlin zu den ersten Institutionen gehört, die diese Künstlerin in einem umfangreicheren Rahmen vorstellen. Und man könnte meinen, der Titel bezöge sich auf das fernab von Berlin Mitte am westlichen Rand von Berlin in Zehlendorf liegende Ausstellungshaus. Doch tatsächlich ist mit «ganz woanders» ein erster Hinweis darauf gegeben, wohin Beate Gütschow uns mit ihren Werken führt: Ihre grossformatigen Bilder öffnen einen Raum, in den der Betrachter eintreten kann - um sich dort in einer anderen Zeit wiederzufinden: in den Landschaften der Romantik oder aber in den Stadträumen der Moderne.

Aufführungen des Glücks und seiner Zerstörung

Zu den Bildern von Beate Gütschow

Die Romantik und die Moderne: Es sind diese zwei epochalen Bezugsgrössen, die Beate Gütschow in ihren beiden bisher einzigen Serien bearbeitet. Der Titel ihrer aktuellen Ausstellung in Berlin, «ganz woanders», bezieht sich aber nicht nur auf aus der Zeit fallende Orte, mit denen Gütschow von brüchig gewordenen Utopien erzählt, «ganz woanders» kann gleichsam als theoretisches Statement der Künstlerin aufgefasst werden, deren fotografische Bilder kaum Anschlussstellen zulassen etwa an die alles dominierende Becherschule, sondern im Gegenteil geradezu gegen sie aufbegehren. Denn der grundlegenden Problematik der Fotografie, dass Realität und Bild zwei unterschiedliche Pole repräsentieren, die in einem spannungsreichen und nicht in Deckung zu bringenden Verhältnis stehen, stellt sich Beate Gütschow mit ihrer Arbeit auf ganz andere Weise als beispielsweise die VertreterInnen der Düsseldorfer Fotoklasse des erst kürzlich verstorbenen Bernd Becher und seiner Frau Hilla, die -auch in der zweiten Generation nach Ruff, Struth, Höfer und anderen - einen im weitesten Sinne dokumentarischen Umgang mit dem Medium pflegen. Gütschow wendet sich mit ihrer Arbeit gegen eine solche von ihr als residual empfundene und Authentizität suggerierende Form als Ergebnis einer fotografischen Methode, die den Repräsentationscharakter der Fotografie zu wenig deutlich in Frage stellt und bearbeitet.

Fakt und Fiktion
Wie aber mit der Frage nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Repräsentation im fotografischen Diskurs umgehen? Repräsentation meint hier nicht nur ein (technisches) Verhältnis zum Gegenstand der Aufzeichnung, sondern eine bestimmte Beziehung dieser Aufzeichnung zum Betrachter; es geht also um ein System der Erkenntnis und Deutung von Welt aufgrund von Vermittlungen, die in einer bestimmten Weise gelesen, das heisst mit einem bestimmten Sinn belegt werden können, es geht um Bildgenerierungsprozesse und um die Interpretation von (Medien-)Oberflächen. Gütschow formuliert mit ihrer Arbeit - auch vor dem Hintergrund einer ganz grundsätzlichen Entwicklung unserer visuellen Kultur mit ihren Möglichkeiten der Manipulation -eine singuläre Position, indem sie mit ihrer Arbeit das fotografische Bild als höchst artifizielles, durchkomponiertes Konstrukt vorführt.
Die Oberflächen ihrer Bilder sind belichtetes Fotopapier.Wenn wir ganz nah herantreten an die in grossem Format entwickelten Abzüge, erkennen wir sogar das bildgenerierende Fotokorn - «eine Manifestation derWirklichkeit, wenngleich es in Wirklichkeit eine Manifestation des Mediums ist» (BG). Gleichwohl hat Beate Gütschow mit ihren Bildern die Fotografie in gewisser Weise verlassen, denn alles, was wir in ihren Bildern sehen, ist reine Fiktion. Ihre Methode ist, bildnerische Prozesse umzukehren, sie selbst beschreibt ihre Arbeitsweise als «prä-fotografisch»: «Die prä-fotografische Vorgehensweise ist eine andere Art der Annäherung an das Bild. Normalerweise ist man in der Fotografie gezwungen, ein Stück aus der Wirklichkeit auszuwählen, also ist das Ergebnis ein gerahmter Ausschnitt dieser Wirklichkeit, der einer viel grösseren Situation entnommen wurde. Bei einer präfotografischen Vorgehensweise ist die Wirklichkeit gar nicht der Ausgangspunkt, es ist vielmehr die Leinwand -oder in meinem Fall das leere Dokument, das digitale Blatt Papier: Ich kann vollständig frei über diesen Raum verfügen, alles Mögliche in diesen Raum setzen.» (BG). Gütschows Bilder sind Montagen - sie selbst spricht vom Sampling -, die aus einer grossen Zahl von einzelnen Aufnahmen in Photoshop zu einem Bild zusammengesetzt sind. Das Ausgangsmaterial wird von Gütschow selbst analog fotografiert, dann am Rechner digitalisiert und archiviert, um in einem weiteren Prozess diesem Fundus das Material für die endgültigen Bilder zu entnehmen. Beate Gütschow baut also ihre eigene Sicht der Wirklichkeit, jede Einzelheit, die sie uns in ihren detailreichen Bildern zu sehen gibt, ist zwar eine Referenz an die Wirk lichkeit, das komponierte Bild jedoch ist reines Konstrukt.

Landschaften der Romantik Gütschow organisiert ihre Bildräume wie Bühnen, in denen jedes Detail Teil einer Inszenierung wird. Die Künstlerin orientiert sich hier an den Kompositionsprinzipien der Landschaftsmalerei des 18. Jahrhunderts mit ihrer umfassenden Perspektive und einer in die Tiefe reichenden Darstellung. Ähnlich wie die Romantiker entscheidet sich die Künstlerin für ein grosses Format und eine Bildorganisation, die es dem Betrachter erlauben, gleichsam in das Bild einzutreten und einen geradezu körperlichen Bezug zu ihm herzustellen. Die Figuren mit ihrem emblematischen Charakter unterstreichen diese rezeptionsästhetische Entscheidung und führen den Betrachter weiter in die Szenerie. Die Idealität der Malerei, die Landschaftsmaler wie etwa Claude Lorrain, John Constable, Nicolas Poussin, Jacob von Ruisdael, Claude-Hosph Vernet und Thomas Gainsbourough - Orientierungsgrössen für Gütschow - mit ihren ausschliesslich im Atelier entstandenen Arbeiten noch ungebrochen zu vermitteln vermochten, erhält in den Arbeiten Gütschows jedoch feine Risse. Und so gibt uns die Künstlerin in ihrer knapp «LS» (für Landschaft) betitelten Serie Hinweise auf die Brüchigkeit einer idealisierten Sicht auf die Wirklichkeit: Müll und Abfall, aufgeworfene Erde, abgesägte Bäume, Unkraut und Wellblech fügen sich bei Gütschow zwar vordergründig nahtlos in diese von Utopien getragene Sicht auf die Natur, entfalten bei ihrer Entdeckung dafür aber einen beunruhigenden Grundton, der ihren Arbeiten wie ein Sound unterlegt ist.

Stadträume der Moderne
Dieser Grundton der Beunruhigung ist bei den Bildern der Serie «S» (für Stadt), welche die Serie der Landschaftsdarstellungen zeitlich ablöst, noch ungleich stärker. Denn hier kehrt sich eine idealisierte Sicht auf die Natur - ein positives Ideal - um in eine negative Sicht, in ein dystopisches städtisches Szenarium. Gütschows Stadtansichten beziehen sich einerseits auf die Utopien der Moderne bzw. der modernen Architektur sowie auf die bis in die 1970er Jahre hineinwirkende Planungseuphorie der Stadtentwickler mit ihren radikalen Stadterweiterungskonzepten, die getragen waren von einem verwissenschaftlichten und technokratischen Weltbild. Gütschow wählt für diese neuere Serie eine Aus-arbeitung in Schwarz-Weiss und erweist damit der amerikanischen Dokumentarfotografie, insbesondere der 1960er/1970er Jahre, Reverenz: Mit ihrem Anspruch, über das Medium der (Landschafts-)Fotografie Prozesse der Ökonomisierung und Beschleunigung des gesellschaftlichen Raumes und ihre damit verbundenen Wechselwirkungen auf die amerikanische soziale Wirklichkeit zu reflektieren, könnten beispielsweise die Künstler der sogenannten «New Topographics» formale Bezugspunkte für einige der Bilder Gütschows bilden: Mit ihrem exakten Bildaufbau erinnern sie zum Teil an die Fotografien Stephen Shores, die Figuren mit ihrem Charakter der Entwurzelung auf Gütschows Bildern könnten den Fotografien Robert Adams entnommen sein. Anders als bei den Arbeiten der amerikanischen Kollegen haben wir es bei den Bildern von Beate Gütschow aber ganz explizit nicht mit Formen von Dokumentation zu tun und insofern sind ihre Bilder auch wiederum das genaue Gegenteil des Zitierten! Wie um dies zu unterstreichen, entscheidet sich die Künstlerin auch bei dieser Serie für das grosse Format (während die amerikanischen Dokumentaristen ausschliesslich im kleinen Format blieben oder aber das Buch als ideales Medium fanden) und führt damit auch in «S» ganz entschieden ihre Bilder als einen für den Betrachter geöffneten Projektionsraum vor. Auch hier geben die Details der vordergründig perfekt vorgeführten Architektur oder reissbrettartig entworfenen Stadtansichten Aufschluss über die brüchig gewordenen Machbarkeitsvorstellungen der Moderne: bröckelndes Mauerwerk, umgestürzte Autos, sinnlos und irgendwie verloren umherwandelnde Menschen. Die Planungsphantasien der 1970er Jahre werden entlarvt als enttäuschte Utopien, die - wie die Kuratorin der Ausstellung Katja Blomberg treffend formuliert - «ins bedrohlich Leere und Verkommende einer unwürdig gewordenen Zukunft kippen.»
Die Arbeiten von Beate Gütschow überzeugen nicht nur, weil sie den Gebrauch des Mediums reflektieren. Ihr perfektionierter Umgang mit den ihr zur Verfügung stehenden künstlerischen Mitteln erlaubt ihr darüber hinaus die monumentale Geste, die alle ihre Arbeiten begleitet und mit der sich die grosse erzählerische Kraft dieser Arbeit entfalten kann. Damit bewegt sich Gütschow an der Schnittstelle einer noch immer aktuellen Diskussion über eine (auch theoretische) Neuformulierung konzeptueller künstlerischer Strategien in der gegenwärtigen Kunst.

In der digitalen Fotografie nimmt das Manipulieren, die persönliche Handschrift einen grossen Raum ein: Jedes Detail in einem Foto ist änderbar. Deshalb ist die digitale Fotografie der Malerei so nahe. ? Ich denke aber, dass Malen davon handelt, die Wirklichkeit mit den eigenen Händen zu schaffen, und das tue ich nicht. ? Ich montiere nur die Wirklichkeit neu, eine Wirklichkeit, die eine Kamera automatisch auf den Film gebracht hat. Dieser Prozess wurde nicht von Hand gemacht. Die Handarbeit ist das Zusammenbauen des Materials. (BG)

Jusqu'à 
23.03.2008

Im Anschluss wandert die Ausstellung weiter in die Kunsthalle Nürnberg und wird dort vom 24.4.-15.6. gezeigt. Eine deutsche Version des bei Aperture, New York, erschienenen Kataloges «Beate Gütschow» ist in Vorbereitung und wird bei DuMont, Köln, erscheinen. Das vorangehende Zitat wurde dieser Publikation entnommen.
Auszeichnungen
2001 Otto-Dix-Preis für neue Medien und Kunstpreis der Stadt Nordhorn. Stipendium Villa Aurora, Los Angeles.
2002 Hubertus Wald Stipendium, Hamburg. 2004 Senatsstipendium der Stadt Berlin.
2006 Ars Viva Preis, Berlin. Stipendium ArtSway, Hampshire, UK.
Einzelausstellungen (Auswahl)
2001 Produzentengalerie, Hamburg
2004 Galerie Barbara Gross, München; Danziger Projects, New York
2005 Produzentengalerie, Hamburg
2007 ArtSway, Hampshire, UK; Museum of Contemporary Photography, Columbia College Chicago
2008 Haus am Waldsee, Berlin

Maren Lübbke-Tidow (*1968) ist Redakteurin bei Camera Austria (Graz), Kuratorin und Autorin und lebt in Berlin. Ausstellungen in Vorbereitung: 2008 «Aneta Grzeszykowska / Prinz Gholam», Camera Austria, Kunsthaus Graz.

Institutionentrier par ordre décroissant Pays Ville
Haus am Waldsee Allemagne Berlin
Kunsthalle Nürnberg Allemagne Nürnberg
Artiste(s)
Beate Gütschow
Auteur(s)
Maren Lübbke-Tidow

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