Luis Jacob im Kunstverein in Hamburg

LUIS JACOB · Habitat, 2005, Interaktive Installation,
Masse variabel, Foto: Fred Dott, Hamburg, Courtesy
Birch Libralato, Toronto

LUIS JACOB · Habitat, 2005, Interaktive Installation,
Masse variabel, Foto: Fred Dott, Hamburg, Courtesy
Birch Libralato, Toronto

Besprechung

Er praktiziert interaktive, handlungsoffene Werkformen und nutzt dafür ganz unterschiedliche Medien.Oft verknüpft der kanadische Künstler Luis Jacob seine Arbeiten mit Aktionen und Veranstaltungen, macht sie zum Setting für Vorträge oder Brotback-Workshops, realisiert Sandwich-Partys im öffentlichen Nahverkehr oder Installationen auf städtischen Kinderspielplätzen. Der documenta-12-Teilnehmer entwickelt Kunst in Verbindung zum sozialen Umfeld. Der Kunstverein in Hamburg widmet ihm jetzt die erste institutionelle Einzelschau in Deutschland.

Luis Jacob im Kunstverein in Hamburg

Die Ausstellung umfasst zwei grosse Installationen und eine Edition, in denen Jacob seine Auffassung von Kunst als Interaktionsrahmen sehr unterschiedlich und gleichsam unter Indoor-Bedingungen, also im geschützten Kunstraum, umsetzt. Die eigens für Hamburg entstandene 160-teilige Bildfolge «Album VI», 2008, ist der Auftakt, im zweiten Raum folgt die Installation «Habitat», 2005. Dabei handelt es sich um ein skulptural arrangiertes, suggestives Wohnszenario. Die stilistische Spanne des Materials reicht von High-End-Objekten und Design-Ikonen bis zu Kitsch und Gadgets oder zeittypisch Banalem. Sechs thematische Tableaus repräsentieren einzelne Lebensbereiche. Das dichte Gefüge ist theatralisch in Zwielicht getaucht - eine bühnenhafte Gegenwelt, in der sich das Publikum frei bewegt. Anhand von Formensprachen des Designs ruft die Arbeit ein komprimiertes Nachbild jüngerer Vergangenheit auf, entfaltet dabei aber auch soziales Ausdruckspotenzial. Jacob interpretiert die gestalteten Objekte als gesellschaftlich imprägnierte Formen und seine Inszenierung macht dies fürs Publikum aktiv: Wer «Habitat» nicht nur mit dem Sehsinn durcheilt, sondern sich im «Bouloum Lounge Chair» räkelt, auf einem Drahtsessel am Esszimmertisch Platz nimmt oder sich auf den am Boden liegenden, hippiesken Schlafsack zur Lektüre von «Understanding Human Behaviour» bettet, der macht vor allem eines: Formerfahrung. Das funktioniert teils ganz direkt, etwa wenn Kinder sich spontan den Lieblingssessel wählen oder wenn die Besucherin, die sich im knappen Kleid in den bequemen Lounge Chair setzte, beim Versuch, ganz locker wieder aufzustehen, scheitert: «Da kommt man elegant nicht mehr heraus», so ihr Statement. Das trifft den Punkt, denn Design gibt Haltungen vor: In «Habitat», sagt Jacob, «dreht sich alles um die ins Design eingelassenen Philosophien». «Album VI» übersetzt den körperhaften Objektbezug aufs visuelle Setting. Für diese Arbeit sammelt Jacob Bilder aus Printmedien zu Themen wie Design, Architektur, Körper und gruppiert sie über Ähnlichkeiten zu einem abstrakten Narrativ. Sein Verfahren beschreibt er als «Versuch, eine Geschichte nur in Reimen zu erzählen.» Von Bild zu Bild gibt es Verknüpfungen durch visuelle
Korrespondenz, auf weite Strecken ergeben sich jedoch Verschiebungen und Sprünge, so dass ein dadurch ausgemessener Bildraum offen ist bis nah an die Auflösung. Ob und wie sich darin angelegte Bezüge bündeln, hängt auch vom Betrachter ab, der, ganz anders und doch ähnlich wie in «Habitat», mit eigenen Besetzungen im visuellen Raum agiert.

Jusqu'à 
22.03.2008
Auteur(s)
Jens Asthoff
Artiste(s)
Luis Jacob

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