Ursula Biemann - Feldforschungen in transnationalen Zonen

Sahara Chronicle, 2006-2008, Mehrkanal Videoinstallation

Sahara Chronicle, 2006-2008, Mehrkanal Videoinstallation

Black Sea Files, 2005, synchronisiertes 2-Kanalvideo, Doppelprojektion, 43 min.

Black Sea Files, 2005, synchronisiertes 2-Kanalvideo, Doppelprojektion, 43 min.

Fokus

Mobilität, Migration, Grenzen - das sind die eminent politischen Themen, die Ursula Biemann in ihren Videoessays genderkritisch bearbeitet. Trotz internationaler Anerkennung ist ihre künstlerische Arbeit in der Schweiz nahezu unbekannt. Erstmals zeigt nun das Helmhaus Zürich ihr Werk in einer grossen Einzelausstellung.

Ursula Biemann - Feldforschungen in transnationalen Zonen

Bei Ursula Biemann ist alles etwas anders als gewöhnlich. International eine bekannte Künstlerin mit einer langen und beeindruckenden Liste von Ausstellungen, war das Schaffen der Zürcherin bisher in der Schweiz kaum je zu sehen. In Schweden und Dänemark hingegen wurde sie unlängst mit Retrospektiven geehrt, vor kurzem wurde ihr gar ein Ehrendoktortitel von der Universität Umea verliehen. Über die Gründe für die fehlende Rezeption in ihrer Heimat kann man nur spekulieren. Möglich, dass der ausgesprochen politische, kulturwissenschaftlich fundierte Fokus von Biemanns Werk für hiesige Kunstinstitutionen wenig anziehend wirkt. Mit der Ausstellung «Videogeografien» im Zürcher Helmhaus besteht nun endlich die Gelegenheit, eine Künstlerin zu entdecken, die in den letzten zehn Jahren ein Werk von grosser Kohärenz und Konsequenz geschaffen hat.

Grenzsituationen
In den Achtzigerjahren studierte Ursula Biemann Kunst in Mexiko und New York, anschliessend absolvierte sie dort das Whitney Independent Study Program, wo kritische Theorien und die Auseinandersetzung mit politischen Themen zur Tagesordnung gehörten. «Eigentlich bin ich eine amerikanische Künstlerin», sagt Biemann denn auch nonchalant, wenn man sie auf den Schweizer Kontext anspricht. An ihrem ersten Videofilm «Performing the Border», 1999, hat sie jahrelang gearbeitet; alle Themen, die ihr späteres Werk prägen, sind darin wie in einem Nukleus enthalten: Der dokumentarische Essay über Frauen in der High-Tech-Industrie an der US-mexikanischen Grenze beleuchtet das komplexe Zusammenspiel von neuen Technologien, Geschlecht und transnationalem Kapital, und wie sich diese Prozesse in den Körper der Stadt und der Menschen einschreiben. Acht weitere grosse Videos sind seither entstanden, in denen die Künstlerin die «Geografie und Politik der Mobilität» - so der Titel einer von ihr kuratierten Ausstellung 2003 in der Wiener Generali Foundation - bearbeitet.
«Mobilität ist Macht», fasst Biemann ihre Kernaussage lapidar zusammen und in ihren Arbeiten wird klar, wie dieser Satz zu verstehen ist. Immer wieder sind es Grenzsituationen, die sie unter die Lupe nimmt, in «Sahara Chronicle», 2006-07, beispielsweise, einer Sammlung von kurzen Videos, die in Marokko, Mauretanien und im Niger entstanden sind, dokumentiert sie das Migrationsnetzwerk, das sich entlang der Transitwege von Menschen aus Afrika nach Europa gebildet hat. So sehen wir beispielsweise gleich zu Beginn einen Lastwagen-Terminal in Agadez, der Hauptstadt der Tuareg im Niger, die seit dem 15. Jahrhundert ein wichtiges Zentrum des Karawanenhandels ist - ein Raum im übrigen, in dem bis vor kurzem keine nationalstaatlichen Grenzen und entsprechende Kontrollen existierten. Statt Waren werden heute vorwiegend Menschen durch die Wüste nach Libyen transportiert, von wo aus sie eine Überfahrt nach Europa anpeilen.
Ein anderes Video aus diesem Zyklus fokussiert auf die Massnahmen, die zur Verhinderung der Migration entwickelt wurden: In der libyschen Wüste kreisende Drohnen, also unbemannte Flugzeuge, versuchen illegale Flüchtlingstransporte zu orten. Wie bei all ihren Videos, die sich dieser Problematik annehmen, ist es Ursula Biemann auch hier wichtig, Flüchtlinge nicht einfach als Opfer darzustellen. Ganz deutlich ist zum Beispiel in den Szenen von der Fahrt durch die Wüste auch ein Hauch von Abenteuerlust und Aufbruch zu verspüren, die dem gängigen Bild des armen Flüchtlings, das die Massenmedien mit Vorliebe verbreiten, widerspricht. Es ist der Künstlerin ein Anliegen, auch die positiven Seiten der Migration zu zeigen, beispielsweise die Solidarität der Menschen untereinander oder die Ansätze zu neuen Formen der Gesellschaftsbildung, die sich an solch prekären Orten entwickeln.
In der Ausstellung wird «Sahara Chronicle» in einer Rauminstallation präsentiert, wobei einzelne Filme als Grossprojektionen zu sehen sind, andere auf Monitoren, so dass ein multiperspektivisches Ensemble entsteht, das der komplexen Logik des Migrationssystems entspricht. Im Unterschied zu anderen Videoarbeiten verzichtet Biemann hier auf ein sogenanntes «Voice over», einen von ihr selbst gesprochenen Kommentar, in der das visuelle Material theoretisiert und kontextualisiert wird. Es ist uns also überlassen, aus den visionierten Fragmenten - Aufnahmen einer dreitägigen Geländefahrt der Künstlerin zu den zentralen Umschlagplätzen des Trans-Sahara-Migrationsnetzwerkes - eine eigene Geschichte zusammenzustellen.
Die Beobachtung von Gegen-Geografien und subversiven Praktiken, die sich an transnationalen Zonen entwickeln, ist ein zentrales Motiv in Biemanns künstlerischem Universum. In «X-Mission» erforscht sie den Mikrokosmos palästinensischer Flüchtlingslager. In Interviews mit verschiedenen Fachleuten analysiert sie die verschiedenen Diskurse - rechtlich, symbolisch, urbanistisch, historisch -, die diese älteste Form einer exterritorialen Zone mit Bedeutung füllen. Bemerkenswert ist hier vor allem der Versuch, das Palästinenserproblem nicht wie üblich im Hinblick auf den Konflikt mit Israel zu behandeln, sondern den Fokus auf die Mechanismen und Ordnungen innerhalb des Lagers zu legen. Eingefügt in «X-Mission» sind einige Aufnahmen aus Davos, wohin Ursula Biemann sich nach den oft anstrengenden und aufwühlenden Feldforschungen zurückzieht, um über ihre Reiseerfahrungen nachzudenken und wieder zu sich zu kommen. Begleitet von dem Volkslied «La Montanara», bringt diese ungewöhnliche Sequenz die Künstlerin als Autorin mit persönlichen Empfindungen ins Spiel und bricht damit die scheinbar neutrale Dokumentationsebene auf, die für ihre Arbeit kennzeichnend ist. Diese Hinwendung zu einer subjektiven Form der Erzählung, die hier erstmals aufscheint, ist insofern relevant, als sie einen vereinzelt erhobenen Vorwurf entkräftet, dass die Künstlerin als abgehobene Kommentatorin eine Art «master narrative», eine Meistererzählung, verfasst und ihre eigene Situiertheit als privilegierte, europäische Beobachterin ausser Acht lässt.

Erstaunliche Zirkulation

Als Künstlerin, Kuratorin und Theoretikerin agiert Ursula Biemann nicht nur im Gebiet der Kunst, sondern bewegt sich agil in unterschiedlichen Bereichen der Wissensproduktion. Einige ihrer Videoessays sind als Forschungsprojekte in Kunsthochschulen entstanden, andere, zum Beispiel «Black Sea Files», 2005, eine territoriale Studie über die kaukasische Ölgeografie, wurde von der deutschen Bundeskulturstiftung finanziert. 2006/07 hat sie unter dem Titel «The Maghreb Connection» eine Ausstellung über Nordafrika als Migrationsraum kuratiert, die in Kairo und Genf gezeigt wurde; in diesem Zusammenhang ist sie häufig Gast in Architektur- und Middle-East-Studies-Fakultäten. Aber auch Gender Studies, Ethnografie und vor allem Geografie sind universitäre Bereiche, in denen ihre Videoessays rezipiert und diskutiert werden. Überhaupt ist die Zirkulation von Biemanns Videos erstaunlich: «Sahara Chronicle» beispielsweise wurden von Abidjan bis Shanghai fast überall gezeigt, über einhunderttausend Menschen haben das Video bereits gesehen. Solche Zahlen belegen, dass ihre Videos weit über die Kunstwelt ein Publikum finden und alles andere sind als das elitäre, theorielastige Produkt einer schwierigen Künstlerin, wie das ihre minimale Rezeption in der Schweiz nahezulegen scheint. Es mag ein Zufall sein oder auch nicht, dass Ursula Biemann gerade jetzt, in einer Zeit der Krise und des Nachdenkens, auch hier eine grössere Öffentlichkeit findet.

Jusqu'à 
24.10.2009

Ursula Biemann (*1955 in Zürich). Kunstausbildungen in Boston, Mexiko und New York 1994-98 Geschäftsführerin und Kuratorin, Shedhalle Zürich Künstlerin, Kuratorin und Theoretikerin, forscht am Institut für Theorie an der ZHdK.

Institutionentrier par ordre décroissant Pays Ville
Helmhaus Suisse Zürich
Artiste(s)
Ursula Biemann
Auteur(s)
Edith Krebs Nduakasa

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