Gemeinsam in die Zukunft

Michaela Schweiger · Der Augenblick, 2008, Filmstill, Courtesy Galerie Ursula Walbröl. Kamera: Steph Ketelhut

Michaela Schweiger · Der Augenblick, 2008, Filmstill, Courtesy Galerie Ursula Walbröl. Kamera: Steph Ketelhut

Rudolf Herz · Wir bin ich nicht, 1998, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, Lichtobjekt. © ProLitteris, Zürich.?Foto: Norbert Miguletz

Rudolf Herz · Wir bin ich nicht, 1998, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, Lichtobjekt. © ProLitteris, Zürich.?Foto: Norbert Miguletz

Besprechung

Vor dem Hintergrund zweier Jubiläen - 60-jähriges Bestehen der BRD, 20. Jahrestag des Mauerfalls - zudem des «Superwahljahrs» 2009, zeigt Holger Kube Ventura im Frankfurter Kunstverein 13 Positionen, die sich mit dem viel beschworenen Wir im Kontext kollektiver Aufbruchstimmungen auseinandersetzen.

Gemeinsam in die Zukunft

Reih dich ein, sag ja, mach mit, heisst es, wenn PolitikerInnen oder religiös Engagierte um Stimmen werben. Man appelliert an die Vernunft der demokratischen BürgerInnen, aber auch Suggestion und sogar Bedrohliches klingen mit - bei einem amerikanischen Fernsehpriester beispielsweise, dessen unheimliche Demagogie Björn Melhus in seinem Video enthüllt. Nüchterner reihen Martin Conrath & Marion Kreissler die Slogans deutscher Parteien aneinander. Über Jahrzehnte hinweg tauchen dieselben Appelle wie der Ruf nach Freiheit, Sicherheit oder Aufschwung auf, zu denen wir uns durch Wahl einer bestimmten Partei bekennen sollen.
Andere Beiträge zu «Gemeinsam in die Zukunft» - ein im Kontext der Wiedervereinigung vor zwanzig Jahren benutzter Slogan - kratzen an der imaginierten Gemeinsamkeit, zeigen die Brüche, die zwischen Ich und Wir bestehen. Besonders eindrücklich der Film «Der Augenblick», 2008, von Michaela Schweiger. Neun urban gekleidete Männer und Frauen halten sich - ganz unpassend - in einer Wüstenlandschaft auf. Eine fremde weibliche Person, die Ich sein könnte - die Kamera wird wie der Ausguck der Augen genutzt - nähert sich von ferne an. Die Gruppe verhält sich der Fremden gegenüber ambivalent, nicht unfreundlich, aber auch nicht integrierend, letztlich bleibt sie dem Ich verschlossen. Sehr differenziert und facettenreich arbeitet der Film die Nuancen der Begegnung heraus. Im Treppenhaus leuchtet «Wir bin ich nicht» von Rudolf Herz. Ein vieldeutiger Spruch, der die Auflösung des individuellen Ich im kollektiven Wir grundsätzlich negiert. Auch im Video von Ulrich Diekmann & Christian Appelt bleiben Ich und Wir getrennt. «Ich hau euch jetzt alle tot», droht ein Betrunkener. Bedrückend offensichtlich ist er aus jeder Gemeinschaft herausgekippt.
Die Ausstellung fokussiert einerseits auf Praktiken und Strategien, die zwecks Bildung einer politischen oder religiösen Glaubensgemeinschaft getätigt werden. Andererseits geht es um die psychologische Innensicht, die vielfältigen Begegnungen und Spannungen, die zwischen Ich und Wir bestehen. Das Thema ist unerschöpflich und man würde die Ausstellung gern als erstes Abstecken eines weitergeführten Langzeitprojekts verstehen. Aufmerksamkeit verdient auch das Rahmenprogramm. Neben verschiedenen Vermittlungsangeboten wird das Motto «Gemeinsam in die Zukunft» unmittelbar umgesetzt. Sechs Frankfurter Kunsträume stellen sich vor, um eigene und gemeinsame Perspektiven für Kunst in Frankfurt zu entwickeln.

Jusqu'à 
03.10.2009

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