Die Schweiz, jetzt alpfrei?!

Nic Hess und Kerim Seiler beim Aufbau im KunsthausAlle Fotos: Mancia/Bodmer, Zürich

Nic Hess und Kerim Seiler beim Aufbau im Kunsthaus Alle Fotos: Mancia/Bodmer, Zürich

Ugo Rondinone · Der Abend vergeht wie jeder andere..., 1998Polyester, Autolack, Metallketten, Lautsprecher, Sound, 4 VHS PAL Videotapes, endlos, 4 Monitore, 4 Player, Wandmalerei, AcrylfarbeCourtesy Galerie Hauser & Wirth

Ugo Rondinone · Der Abend vergeht wie jeder andere..., 1998 Polyester, Autolack, Metallketten, Lautsprecher, Sound, 4 VHS PAL Videotapes, endlos, 4 Monitore, 4 Player, Wandmalerei, Acrylfarbe Courtesy Galerie Hauser & Wirth

Fokus

Die spinnen, die Schweizer! Kein Land hat schönere Berge und ausgerechnet die will das kleine Volk der Jodler, Fixer und Banker loswerden. Und das schon seit Jahrzehnten. 1980 erscholl definitiv der Schlachtruf: «Nieder mit den Alpen, freie Sicht aufs Mittelmeer!» Nun soll es endgültig geglückt sein. Zumindest postuliert dies eine Überblicksschau junger helvetischer Kunst.

Die Schweiz, jetzt alpfrei?!

Ein Zwischenbericht zur Lage der Kunstnation

Worum geht es genau? Haben Schweizer Performance-Artisten endlich das Matterhorn geschleift für den freien Blick nach Rimini? Nein, ganz so real vital ist es dann doch nicht gemeint. Bice Curiger, Kuratorin der Schau im Kunsthaus Zürich, versteht die «freie Sicht» notabene metaphorisch. Und auch wenn das Mittelmeer schon lange nicht mehr ist, was es einmal war: Die Vorstellung einer kulturellen Entgrenzung der Schweiz weit über den Jura und Bergell hinaus hat tatsächlich einiges für sich. Schliesslich liegt der Alpenstaat nicht hinter dem Mond, sondern mitten in Europa und ist längst eng vernetzt mit fast jedem Ort der Erde. In Wirtschafts- wie in Kunstfragen. «Stille Nachmittage» und «Diskurs in der Enge», das war einmal: Nun wird noch im «vergessenen Hinterhof... miteinander an den weltumspannenden Strategien der zeitgenössischen Kunst» gewebt (Curiger). Global thinking in jeder Alphütte. Deshalb dürfen auch liebe Freunde aus aller Welt wie Jason Rhoades, Joseph Grigley oder Mariko Mori beim gesamtschweizerischen Szene-Event nicht fehlen.

Palastrevolte mit Flausch und Pizza «Hybridsein» heisst die Losung, während sich die Gegensätze verwischen und der Kunstbegriff nicht nur erweitert, sondern geradezu mit Flügeln versehen wird» (Curiger). Mama Kunsthaus hat wohl erstmal geschluckt bei dem Gedanken an soviel künstlerische Freiheit, die da durchs Haus zu wehen drohte. Dabei hätte sie die Kunst-Kids von heute besser kennen müssen. Die «Provokation» jedenfalls hielt sich in Grenzen. Zwar sind das erste Mal in der Geschichte des Museums alle Räumlichkeiten von der Telephonzelle über das Toilettengeschoss bis hin zu den altehrwürdigen Sammlungsräumen in die Ausstellung miteinbezogen worden. Doch das Resultat gleicht eher einer verspielten Palastrevolte als wild wucherndem Cross-over. So hat Fabrice Gygi im Eingangsportal eine schöne schwarze Sandsackwand mit zwei Durchgängen und ein wenig blauem Blinklicht aufgebaut. Viel zu harmlos, um einen realen Belagerungszustand des Hauses zu simulieren. Auch der etwas plakative Versuch, Hodlers massiv-maskuline «Einmütigkeit» im Treppenhaus mit Marie-Ange Guilleminots Hochzeit ohne Bräutigam und Mariko Mori als kämpferischem Lonesome Cyber-Girl zu konterkarieren überzeugt nicht wirklich. Irritierender ist da schon die puschelige Raumbesetzung von Sylvie Fleury. Sie hat sich mit ihren Weissflauschraketen und -kugeln bis in den Füssli-Saal vorgekuschelt, um dem alten Erotomanen via Monitor endlich mal zu zeigen, wer die Domina im Hause ist: Ein «sexy Gucci-Schuh» (Curiger) tritt dort ein – männliches? – Gaspedal. Und leise grummeln die Motoren.Die meisten Sammlungsräume jedoch bleiben Weihehallen, in denen geradezu zaghaft und zahm interveniert wird. Ohne Stachel sind die Werke in den grossen Sälen verstreut, nicht selten ganz in sich gekehrt und abgeschottet wie Peter Wüthrichs hermetische Buchburg, die sich unweit eines Mario Merz-Iglus emporstapelt. Und wenn dann tatsächlich einer mal wagt, etwas direkt auf die Wand zu hängen, wird die potentiell verstörende Konfrontation durch formale Spielerei verschenkt. Allzu schön sind Beat Hubers Schnappschüsse seiner Tellermahlzeiten in den Museumsrahmen eingepasst. Ein buntes Pizzarund mit Salat schwingt prompt neben Delaunays Kreisen.

Schade um die Vergangenheit Auch im Bührle-Saal, wo die meisten der hundert Künstler untergebracht sind, vermisst man immer wieder die angekündigte «Tiefenschärfe» (Curiger). In der hintersten Ecke des grossen Ausstellungsraums erinnert ein von John Armleder ironisch inszenierter «Flash-back» an die vielseitigen Qualitäten der Schweizer Kunst der 70er Jahre. Die dicht besetzte Memorialwand gehört paradoxerweise zu den vitalsten und «jüngsten» Statements der Schau. Anstatt aber die aktuelle Schweizer Szene an eben dieser Kunst von Urs Lüthi bis Roman Signer zu messen, verkommt letztere zum quasi archäologischen Beleg von Retro-Handlungen, die gerade wieder en vogue sind. Am peinlichsten erscheint in dieser Hinsicht die penible Rekonstruktion eines 70er Jahre Kinos durch das Künstlerduo l/b – perfekt bis hin zum Geruch der gelb-rot-schwarzen Teppichbespannung. Und das alles, nur um einen Film über wechselseitiges Grimassenziehen zu zeigen.

Partystimmung versus Alltagtristesse? Mag sein, dass es derzeit eine «brodelnde Szene» gibt, dass die Ausstellung als Projekt ebenso wie die vielen Partys, Plattentaufen, intimen Symposien und «alkoholischen Talkrunden» fruchtbare Synergien und wertvolle Gruppendynamik freisetzen wird. Diesem hochgepuschten Aufbruchsoptimismus stehen jedoch auf der Seite künstlerischer Realisierungen erstaunlich viele Bilder der Vereinzelung und Einsamkeit gegenüber. Ob man auf die irgendwo zwischen Vermeer und Hollywood-Filmstill gravitierenden Tableaus von Hubbard/Birchler, die fotografischen Selbstakte Marianne Müllers oder in die riesigen Polyestergesichter Stefan Hablützels blickt: Jenseits von Party-chats erscheint der Mensch hier eher als tristes Einzelwesen in wahlweise monadischer, autoerotischer bis autistischer Abkapselung. Den Fluch dieses Kordons der Einsamkeit, der latenten Beziehungsunfähigkeit bringt Costa Veces Arbeit «Dressed to Kill» pointiert zum Ausdruck. In seinem Kartonbunker zeigt er immer aufs neue den vergeblichen Versuch einer erotischen Annäherung im Museumslabyrinth – eine Endlosschleife aus dem gleichnamigen Brian de Palma-Thriller. Und selbst wenn eine Arbeit so schön gelb und weich daherkommt wie die Teppichwand von Lori Hersberger, dekoriert mit bunten Luftballons, farbigem Licht und derzeit offenbar obligatem Lamettavorhang: Die Tristesse, und sei sie nur Substrat der Trivialliteratur, ist ihr immer schon eingeschrieben.

Subversion des Medienkults Die Vereinzelung und die Sehnsucht nach Identifikation hin zu kultischer Verehrung und Massenhysterie, wie sie Thomas Hirschhorn in detailversessener Bricolage vorführt, sind zwei Seiten derselben Medaille. Sein Kunstsquatting mit dem «Ingeborg Bachmann-Altar» auf dem Trottoir vor dem Kunsthaus wendet diese Art von Ersatzhandlung subversiv ins Ironische, indem er sein Gedenkstättenprovisorium mit Plüschtierrudel und wetterfest unter Plastik zur Andacht ausgestellten Büchern ausgerechnet einer eher spröden, kaum massengerechten Schriftstellerin widmet. Der Devotionalienkitsch mit der Aufschrift «Ingeborg forever» reflektiert einerseits den global mediatisierten «Lady Di»-Kult, will aber andererseits in Stadtguerilla-Taktik mit den gleichen Mitteln eine Heroine eigener Wahl ins Gedächtnis rufen. Idol- und Substitutsforschung betreibt auch Daniele Buetti. Seine sich konvulsivisch am Gängelband einer motorisierten (Lust)Kugel auf dem Kunsthausboden hin- und herwindenden Hochglanzseiten mit lasziv hingestreckten Werbeschönheiten visualisieren nicht nur geradezu obszön weibliche Autoerotik sowie die Dienstbarkeit der platten Schönheitsidole als männliche Onanievorstellungen, sondern auch die fatale Scheinvitalität der medial vermittelten Kultfiguren und ihrer Sexualität.

Das Menetekel der Endlosschleife Ist es Zufall, dass die suggestivsten Installationen junger Schweizer die Leere umkreisen? Melancholische Monotonie dringt aus Ugo Rondinones weissglänzenden Polyesterfelsen, leicht über dem Boden baumelnden Abgüssen vom Goldauer Bergsturz. «What could be better?» intonieren die klingenden Kunststeine trancehaft-melodisch zu den Gitarrenakkorden eines traumverlorenen Blues, immer aufs Neue und in einem fort. Videos zeigen in endloser Wiederholung einen geisterhaft auftauchenden, langsam aus weisser Einöde heran- und vorbeirollenden Stationswagon, eine an einer Papierwand hochspringende Frau, die immer wieder abgleitet: Sisyphus-Bilder. Alles geht weiter, doch nichts geht voran. So auch bei Stefan Altenburgers Videoinstallation: Der im verdunkelten Raum herabrieselnde Kunstschnee von gestern fällt ebenso leise wie unaufhörlich. Und Olaf Breunings nächtlicher Motorradfahrer im hintersten Winkel eines Sockelmagazins, der erst wie auf einer Geisterbahn unter blinkendem Rotlicht aufblitzt, fährt und fährt je länger, je eindringlicher unter gleichsam hypnotisch wirkenden Xylophon-Chorklängen und dem fortwährenden Wummern der Maschine. Suspendiert von Raum und Zeit hat der gesichtslos auf der Stelle Davonrasende unaufhaltsam freie Fahrt – nach nirgendwo.Ob es die Alpen gibt oder nicht, scheint hier nicht mehr das Thema. Ebensowenig interessiert das Mittelmeer. Es geht hier um Grundlegenderes. Die beklemmend einlullenden Endlosschleifen der erst verführerisch, dann quälend sich wiederholenden Bilder, Töne und Bewegungen werden zum Menetekel einer Gesellschaft rasenden Stillstands, mit Tempo-, aber ohne Zielvorgabe. Nicht die Alpen, sondern den Alpdruck der Leere gilt es zu überwinden – ein Alpdruck, der ebenso in düsteren Abstellkammern wie in abwaschbarem Polyester lasten kann. Die augenblicklich symptomatischen Erzeugnisse der Kunstnation Schweiz loten eben dieses Gefühl existentieller Ungewissheit aus – jenseits von Zweckoptimismus, Rettersyndrom oder wohlfeilen Antworten.


«Freie Sicht aufs Mittelmeer», die grosse Überblicksschau «junger Schweizer Kunst mit Gästen und Gastmahl» – staatstragend von Bundespräsident Flavio Cotti eröffnet – ist noch bis zum 30.8. in und um die 6000m2 des Kunsthauses Zürich zu erproben. Begleitet wird das Fernsicht-Experiment von einem üppigen Eventprogramm: Performances, Konzerte, Talkrunden, Bars,Plattentaufen, Buchvernissagen, Lesungen und Kabarett.Danach vom 6.10. bis 22.11. als offizieller Beitrag zur diesjährigen Buchmesse in der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Bleibt nur zu hoffen, dass die dortigen Medienvertreter sich nicht ausschliesslich auf Peter Wüthrichs Buchfestung stürzen. Was das wieder für ein Bild gäbe?

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