Kelly Wood

Kelly Wood · Garbage Project – Year two (Detail), 1999–2000; Courtesy Wilma Lock, St. Gallen

Kelly Wood · Garbage Project – Year two (Detail), 1999–2000; Courtesy Wilma Lock, St. Gallen

Besprechung

In den USA war sie bei Gruppenausstellungen zu sehen, in Europa noch nie: Die kanadische Fotokünstlerin Kelly Wood stellt bei ihrer Premiere ein auf fünf Jahre angelegtes Dokumentationsprojekt vor und reflektiert dabei über heute gerne ausgeblendete Bedingungen des Mediums Fotografie.

Kelly Wood

Die Frage, ob eine doppelte Negation eine Bejahung ergibt, haben nur die Mathematiker eindeutig beantwortet. Linguisten und Philosophen beissen sich an dem Problem seit den Anfängen ihrer Disziplinen die Zähne aus. Die 38-jährige Kanadierin Kelly Wood geht es künstlerisch an: «Kunst ist Müll» ist eine stehende Wendung zeitgenössischer Kostverächter. Was wird wohl daraus, wenn man sie in die Negation kehrt, wird der Satz dann richtig?Zunächst einmal ergibt sich daraus ein psychischer Vorteil. Sie habe bemerkt, dass sie viel mehr Müll produziere als Kunstwerke, berichtet die Künstlerin. Da bot Müll als Kunst eine angenehme Wende. Wenn der eigene Müll Kunst wird, ist die Gleichung zumindest ausgeglichen und das eigene Dasein in diesem bildträchtigen Aspekt von der moralischen Negativität befreit. Die negative Ethik eines Adorno erhielte modellhaft einen nicht ganz so negativen Horizont.Konkret geht die Künstlerin dabei sehr pragmatisch vor. Der eigene Müll wird in Plastikeinkaufstaschen gesammelt. Sobald ein Plastiksack voll ist, wird er im Atelier fotografiert. Bis auf wenige Ausnahmen bei Reisen immer in der gleichen Art: Auf weisser Unterlage und vor weissem Hintergrund, mit einer alten 6x7-Negativ-Kamera, wie sie in der Werbebranche für Sachfotografien üblich war. Das Licht, die cleane Atmosphäre, die Selbstverständlichkeit, mit der die Müllsäcke im Bild sitzen, erinnern denn auch an die Werbefotografie der frühen achtziger Jahre, als man die Welt wieder klar und sauber haben wollte. Ins Bild treten jetzt allerdings nicht mehr die Objekte der Begierde, sondern das, was nach dem Konsum unverwertbar von ihnen übrig geblieben ist. Ihre Negation.Kelly Wood hat das Projekt von Anfang an auf fünf Jahre festgelegt. Jedes Jahr bildet einen Zyklus, ein Werk, das nur in einer Einerauflage besteht. Nach fünf Jahren, wenn der offene Horizont geschlossen ist, wird von allen Aufnahmen, sozusagen als Werk Nr. 6, ein zweiter Abzug gefertigt. Dabei bilden sich Muster aus, im Konsum- wie im Wegwerfverhalten der Künstlerin. Zunächst einmal das Bestreben, von Jahr zu Jahr weniger Müll zu produzieren. Im ersten Jahr waren es 59, für das in der Galerie Lock gezeigte zweite Jahr sind es 52 Müllsäcke. Kunst ist da auch ein Projekt der Ethik. Dann gibt es Muster auf der Ebene der Dinge, die die Künstlerin dokumentiert: Angefangen von den Kleidern über Plastikboxen von Fertiggerichten bis hin zu der Hülle eines Postkartensets von Fischli/Weiss bei ihrer Ausstellung in Los Angeles.Neben dieser kleinen Hommage kommt die Kunst ständig als Formreservoir ins Spiel: Bald sieht man einen Sockel, bald werden die Fotografien malerisch, bald skulptural oder objekthaft, bald zieht sich das Projekt friesartig durch die Räume, dann wird es seriell. Und immer sind die Fotografien Dokumente, unbearbeitet, direkt vom Negativ. Und was ist dieses? Die Wahrheit der Kamera? Die Aussage der Maschine? Das Karussel der Negationen kann zu laufen beginnen.


Jusqu'à 
06.05.2000
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Kelly Wood 23.03.2000 - 14.05.2000 exposition St. Gallen
Suisse
CH
Auteur(s)
Gerhard Mack
Artiste(s)
Kelly Wood

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