Mariele Neudecker in der Ikon Gallery

Mariele Neudecker · Another Day, 2000; Courtesy Ikon Gallery, Birmingham

Mariele Neudecker · Another Day, 2000; Courtesy Ikon Gallery, Birmingham

Besprechung

Mariele Neudecker (*1965) ist vor allem durch ihre Tank-Arbeiten bekannt. In ein bis eineinhalb Meter hohen Tanks bricht sich grelles Scheinwerferlicht in milchigem Wasser, das wie eine weisse Wolkenschicht Berglandschaften oder dunklen Wald umspielt. Ausgangpunkt sind oft romantische Motive aus Gemälden von Caspar David Friedrich oder Philip-James de Loutherbourgh. Diese Arbeiten provozieren auf der einen Seite nostalgische Gefühle, auf der anderen Seite sind sie so offensichtlich künstlich, dass alles Spirituelle und Mystische als reines Wunschdenken entlarvt wird.

Mariele Neudecker in der Ikon Gallery

Die Ikon Gallery in Birmingham gab nun Mariele Neudecker mit einer Soloausstellung und zwei neuen Kommissionen die Möglichkeit, ihre Kunst in neuen Medien weiterzuentwickeln. So entstanden sechs ganz neue Arbeiten, darunter die Video-Installation «Another Day», 2000. Dafür filmten Neudecker und einige andere Künstler im Mai dieses Jahres simultan einen Sonnenaufgang und einen Sonnenuntergang über dem Meer. Dies fand an entgegengesetzten Orten der Welt statt – auf Southpoint in Australien und der westlichsten Azoren-Insel. Man verständigte sich per Satellitentelefon über Wetter, Bewölkung und Timing. Das Resultat sind zwei etwa zehn Minuten lange Filme, die im Loop auf Rücken an Rücken stehende Leinwände projiziertwerden. In dieser wunderschönen Arbeit beleuchtet ein glühend roter Sonnenaufgang allmählich die eine Seite des Raumes, während die andere in bläulicher Dämmerung versinkt. Die Filme sind mit den Geräuschen von Wind und Wellen untermalt und sind – wie könnte es anders sein – hochromantisch, meditativ und ästhetisch. Doch in seiner Offensichtlichkeit strahlt das Werk eine gewisse Kälte aus, die nostalgische und romantische Emotionen oder Reminiszenzen in Schach hält.Mariele Neudecker ist seit 1998 ein Senior Research Fellow an der Universität von Wales in Cardiff. So hatte sie die Möglichkeit, mit einer Stereolithographie-Maschine zu arbeiten. Diese Technik wird normalerweise für industrielle Prototyp-Herstellung benutzt, wobei ein komputergesteuerter UV-Laser Giessharz punktuell erhärten beziehungsweise abfliessen lässt. Mit Hilfe des medizinischen Institutes stellte die Künstlerin eine Schädelskulptur aus diesem opaken, gelblichen Plastik her. Der Schädel ist dreidimensional, seine Form jedoch wurde manipuliert und gestreckt. Die Skulptur verbindet eine Faszination an wissenschaftlicher Erkenntnis mit Vorbildern aus der Malerei: denn ein ähnlich gestreckter Schädel liegt vor den drei «Gesandten» von Hans Holbein d.J. in der Londoner National Gallery.Unter den neuen Arbeiten findet sich auch eine Weiterentwicklung des Tankmotifs: Aus zwei gotisch zugespitzten Fenstern fallen schräge Sonnenstrahlen in den Raum. Die Strahlenbündel – wie man sie von romantischen Kirchenbildern her kennt – fallen in einen Glastank, dessen Wasser milchig weiss leuchtet. In Wirklichkeit jedoch sehen wir fluoreszierende Nylonfäden – 10000 davon –, die aus leeren Fensterrahmen an der Wand kommen. Die Irrealität dieses Vorgangs, verbunden mit der Bekanntheit des Motivs, ist ein wunderbares Beispiel für das Aufklärungs- und Verwirrspiel in der Kunst von Mariele Neudecker.


Jusqu'à 
11.11.2000
Institutionen Pays Ville
Ikon Eastside Royaume-Uni Birmingham
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Mariele Neudecker, Patrick Killoran 20.09.2000 - 12.11.2000 exposition Birmingham
Royaume-Uni
GB
Artiste(s)
Mariele Neudecker
Auteur(s)
Regina von Planta

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