«Neustart» im Kunstverein

Christine Borland · The dead teach the living, 1997; Courtesy Lisson Gallery, London

Christine Borland · The dead teach the living, 1997; Courtesy Lisson Gallery, London

Besprechung

Mit dem cyberdeutschen Titel «Neustart» beginnt der Kunstverein München gleich mit vier Projekten gleichzeitig das Programm 2002. Mit ihm stellt das frisch gekürte kuratorische Team – Direktorin Maria Lind und Kurator Søren Grammel – seine aussergewöhnlichen Konzeptionen vor.

«Neustart» im Kunstverein

In der Tat: «Neustart» markiert einen Neubeginn, der nicht nur den Inhalt und Ablauf des Programms, sondern auch architektonische und institutionelle Veränderungen mit einschliesst. Originell ist die Idee, Projekte von unterschiedlicher zeitlicher Dauer zu überlagern und parallel laufen zu lassen. So findet man unter «Neustart» Formate, die über einen längeren Zeitraum dauern, in Etappen ablaufen, oder nur in einem bestimmten Moment zu sehen sind. Verschiedene Kommunikationsstrukturen treffen in asynchronen Rhythmen aufeinander. Der Kunstverein will nicht Parkhaus für ästhetische Gegenstände sein, sondern Verteiler, Forschungslabor und Produktionsstätte. Das konventionellste Format unter ihren Vorhaben, die Ausstellung, läuft dagegen ungewöhnlich lange. Kataloge wird es keine geben, stattdessen Newsletter, die im Abstand von mehreren Monaten erscheinen.

Zu den vier Projekten gehört eine Screening-Reihe mit dem Titel «Es ist schwer das Reale zu berühren», die neue Arbeiten, die am Begriff des Dokumentarischen interessiert sind, vorstellen. Sie beginnt mit der dänischen Künstlerin Gitte Villesen, die in der Manier von Homevideos Filme über Menschen dreht, die sie aus unterschiedlichsten Gründen interessieren. Ihren Höhepunkt findet dieses Projekt in einem Festival im Dezember. Sputniks hiessen einst russischen Satelliten, die um die Erde kreisten. In dem Konzept von Lind/Søren kreisen sie für drei Jahre um den Planeten Kunstverein. Die dafür ausgewählte Gruppe von Personen soll diese Institution kommentierend begleiten, verändern und Beiträge liefern. Meist handelt es sich dabei um KünstlerInnen, aber auch ein Theoretiker, Jan Vermoert, ist darunter. Wie Programmierer greifen sie in den Quelltext «Kunstverein» ein und schreiben ihn um. In diesem Sinne liess die slowenisch-holländische Künstlerin Apolonija Susteric das Foyer des Kunstvereins in eine Art Lobby umgestalten. Die britische Künstlerin Carey Young spielt dagegen mit Referenzen zu einem Wirtschaftsunternehmen, indem sie Werbeslogans für den Kunstverein erfindet. Dabei adaptiert sie schon existierende Werbesprüche und modifiziert sie so, dass sie zu den Intentionen dieser kulturellen Institution passen. Stückweise, das heisst je ein Werk in sieben Etappen, wird eine Retrospektive der schottischen Künstlerin Christine Borland präsentiert, die, obwohl zur selben Generation gehörend, durch ihre konzeptionelle, interdisziplinäre und prozessuale Arbeitsweise nie in das vorhandene Bild der Young British Art zu passen schien. Etappe 1 dieser Ausstellungsserie wird ebenso auf «Neustart» eröffnet wie das umfangreichste Projekt, die Gruppenausstellung «Exchange and Transform» mit künstlerischen Positionen aus Europa, USA, Mexiko und der Türkei.

Kaum ein Thema ist im Kunstbetrieb gegenwärtig so virulent wie die Wirkungen der Neuen Ökonomie auf die Gesellschaft. Neben dem Frankfurter Kunstverein und dem Museum Ludwig hat sich auch der Münchner Kunstverein mit diesem Thema befasst. «Exchange & Transform» zeigt auf, wie KünstlerInnen diese Entwicklungen in ihren Arbeiten kommentieren. Veränderungen, die nicht nur im Bereich von Politik und Wirtschaft, sondern auch im Alltagsleben festzustellen sind. Ein besonderes Interesse gilt der symbolischen Ebene, die gerade für die sich transformierenden und expandierenden Kommunikationsstrukturen von Bedeutung ist. Verschiebungen der Wertmassstäbe werden sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene registriert. Es gibt in dieser Ausstellung Arbeiten, die auf Phänomene der New Economy reagieren und andere, die sich mitinternationalen wirtschaftlichen Entwicklungen auseinander setzen. Eine Form dabei ist, die Zusammenarbeit zu verstärken. Die Istanbuler Künstlergruppe Oda Group veranstaltet Workshops mit Kindern von in Deutschland lebenden TürkInnen. Elin Wiström führt eine Projekt mit Studenten der Münchner Kunstakademie durch.

Mit den veränderten Ökonomien gewinnt das Thema Sicherheit zunehmend an Bedeutung. Wer von den neuen Märkten und Kommunikationsstrukturen profitiert und an ihnen partizipiert, und wer davon ausgeschlossen ist, wird neu verhandelt. In diesem Klima kann Kriminalität zum Wahlkampfthema Nr. 1 und der Krieg gegen den Terrorismus zum Motor der Aussenpolitik werden. Während der Wiener Künstler Oliver Ressler mit einer Plakataktion auf «City Lights» die Sicherheitskonferenz Ende 2001 in München und den Widerstand dagegen thematisiert, in der die Innenstadt in eine Festung der Tagenden und Sicherheitskräfte verwandelt wurde, zeigt Pia Lanzinger in ihrem Ausstellungsbeitrag, welchen Umfang Sicherheitsvorkehrungen im städtischen Alltagsleben angenommen haben. Mit Führungen im Umkreis des Kunstvereins zeigt sie die unterschiedlichsten Auswirkungen des Sicherheitswahns, seine kommerzielle und politische Funktion auf. Und Sicherheit wird im Viertel des Kunstvereins mit seinen Regierungsgebäuden, Wirtschaftsunternehmen, der amerikanischen Botschaft und der Landesbank besonders gross geschrieben.
«Exchange and Transform», bis 1.9.
Christine Borland, Retrospektive in sieben Kapiteln, bis 4.3.03.

Publicité