Olafur Eliasson im Musée d''Art Moderne

Olafur Eliasson · Lavafloor, 2002, Dimensions variables, Pierres volcaniques; Courtesy neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York

Olafur Eliasson · Lavafloor, 2002, Dimensions variables, Pierres volcaniques; Courtesy neugerriemschneider, Berlin; Tanya Bonakdar Gallery, New York

Besprechung

Die erste französische Einzelaustellung Olafur Eliassons im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris ist eine Hommage an die Lichterstadt, die Wiege künstlich dargestellter Wirklichkeiten und revolutionärer Architektur. Entscheidenden Anteil an der Gestaltung des Parcours haben die Kommissare Hans-Ulrich Obrist und Angéline Scherf, der Architekt Yona Friedman, der Arzt und Philosoph Israel Rosenfield sowie Luc Steels,
der Gründungsdirektor des Labors für Künstliche Intelligenz V.U.B. Brüssel.

Olafur Eliasson im Musée d''Art Moderne

Der Auftakt ist spektakulär: Vierzig Tonnen isländischer Lava im Eingangsfoyer des Museums. Eine riesige Geröllhalde, Betreten erwünscht. Knirschen unter den Füssen, die Schuhe rutschen ab, das Schwarz des Vulkangesteins lässt das Weiss der Wände unnatürlich erscheinen. Der Weg führt in einen goldgelben Licht-Gang, danach ins Dunkel. Abbildungsapparate projizieren perspektivische Lichtbilder des Raums auf die rechte Querwand. Ein Trompe-l’œil- und Anamorphose-Konstrukt, das filmische Qualitäten hat. Was ist Wahrnehmung? Wirklicher Raum, Bildfläche, Auge? Olafur Eliassons/Luc Steels Gemeinschaftsprojekt «Regardez dans la boîte» beschäftigt sich mit dieser Frage. Eine Kamera knipst unser Auge, ein Roboter übersetzt es in Sprache. Wenn sich der Besucher umdreht, blickt ihm sein eigenes Auge entgegen. Verunsichert erkennt das zum Objekt gewordene Subjekt, dass es sich nicht nur entscheiden muss, ob es den rechten oder linken Ausstellungsparcours einschlägt, sondern dass diese Kunst-Wissenschaft ein «transversales Denken» erfordert.

Wie bei «Surroundings Surrounded», der Retrospektive im Karlsruher ZKM, fühlt man sich auch in der hauptsächlich neue Arbeiten zeigenden Pariser Schau ab und an eingekreist. «Horizon instabile» besteht aus zwei regenbogenfarbigen Horizontlinien, die über eine halbrunde Wand huschen. «360° room for all colours» funktioniert wie ein Rundkino, in dem man in Zeitlupe von bläulichem Rosa bis zu blendendem Weiss das Lichtspektrum erleben kann. Der Künstler, der Dänemark auf der nächsten Venedig-Biennale vertreten wird, hat in Paris romantische Installationen vermieden. Die Seine ist nicht in einen leuchtend grünen Fluss verwandelt, kein Wasserfall donnert im Museum, trotzdem wird bis zur Schmerzgrenze an unsere Sinne appelliert. In einem Labor mischt ein Ventilator Öl und über Röhren hereinströmende Stadtluft zu einer zischenden, wirbelnden horizontalen Windhose auf. Leben, scheint der Künstler sagen zu wollen, bedeutet dynamischen Austausch zwischen Aussen und Innen. Im Modell der «Motional City» verzichten Olafur Eliasson und Yona Friedman folglich auf Wände. Die Decke ihrer Häuser ist der bewölkte Himmel. Wellpappe kräuselt sich zu Wolkenattrappen. Lustig und verspielt wie der Pariser Himmel über dem Eiffelturm in der Camera-obscura-Höhle. Der Parcours endet im Modell- und Spielraum. Am «structural evolution project» darf der Besucher mitbasteln. Hans Richters poetischer Bauhaus-Film «Rhythmus 21» führt hingegen an den Anfang zurück: zu «Remind», der traumhaften Raumspiegelung.
Bis 12.5.

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