Zhang Huan im Kunstverein

Zhang Huan · 1/2 (#1), 1998; Courtesy Zhang Huan/ Galerie Volker Diehl, Berlin/Luhring Augustine, New York

Zhang Huan · 1/2 (#1), 1998; Courtesy Zhang Huan/ Galerie Volker Diehl, Berlin/Luhring Augustine, New York

Besprechung

Der Hamburger Kunstverein widmet dem chinesischen, heute in New York lebenden Künstler Zhang Huan eine umfangreiche Einzelpräsentation. Der 37-Jährige ist einer der bekannteren Vertreter der konzeptionell geprägten Performance- und Body-Art, die sich seit Beginn der neunziger Jahre im
China der politisch und kulturell repressiven Post-Tiananmen-Ära entwickelt hat.

Zhang Huan im Kunstverein

Dieser Hintergrund hat Zhang Huans Ansatz und Perspektive deutlich geprägt. In einem Klima, in dem geistige und künstlerische Freiheit massiv eingeschränkt wurden, waren Fragen nach gesellschaftlicher und individueller Identität für viele Künstler und kritische Intellektuelle existenziell – oft genug im engeren Sinn des Worts. Zhang Huan machte dies zum Reibungspunkt seiner Arbeit. Und das gilt ebenso noch für die neueren Performances, sogar umso nachdrücklicher, als er Fragen nach Identität und ihre komplexe Fixierung zwischen kultureller Tradition, gesellschaftlicher Norm und Selbstdefinition nun im Rahmen der internationalen Kontexte, in denen er inzwischen auftritt, auf zunehmend differente kulturelle Codes und Bilder beziehen kann. So verknüpft er in seinen Performances etwa buddhistische Elemente mit solchen aus christlicher Tradition, konfrontiert westliche mit chinesischer Kunstgeschichte und deutet dabei das Subjekt und seine kulturelle Identität als einen «eigenständigen Hybrid» zwischen den Welten.

Zhang Huan begann 1991 an der Kunstakademie Beijing mit einem Malereistudium, das er aber rasch abbrach. Einerseits mit Blick auch auf westliche Kunstströmungen, andererseits in Ablehnung einer kommerzialisierten «politischen Pop-Art», wie sie Anfang der neunziger Jahre in China als junge Kunst propagiert (und exportiert) worden ist, sah er in der staatlichen Kunstausbildung keine Perspektive.

Der eigene Körper, unbekleidet, ist für Zhang Huan das einfachste, direkteste Kunstmittel und wohl auch das Ausdrucksmedium, das sich der Kommerzialisierung am deutlichsten entzieht. Zhang Huan arbeitet auch mit Akteuren in Gruppenperformances. In Aufführungen setzt er sich oft extremen Situationen aus und verknüpft in Bildern politische Kritik und existenzielle Poesie. Etwa «Twelve Square Meters»: Nackt, am ganzen Körper mit Honig und Fischtran eingerieben, harrt er eine Stunde lang auf einer der armseligen öffentlichen Toiletten seines Viertels aus und ist bald von Fliegen übersät. Oder «65 Kg»: kopfüber hängend empfängt er sein Publikum, lässt sich Blut abzapfen, das auf einen Kocher tropfend verdampft. So reizt Zhang Huan nicht nur die eigene Leidensfähigkeit, sondern auch die der Zuschauer aus. Seine existenziellen Grenzgänge behalten jedoch stets auch etwas Exemplarisches, sind stark auf Bildhaftigkeit und Symbolkraft angelegt. Dem kommt seine Dokumentation der Aufführungen durch grossformatige C-Prints und Videos entgegen. Die Hamburger Schau stellt mit zahlreichen Foto- und Videoarbeiten eine Art dokumentarische Anthologie des Werks vor Augen, ergänzt durch eine Performance am Eröffnungsabend.

Jusqu'à 
08.02.2003
Auteur(s)
Jens Asthoff

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