Ayse Erkmen im Kunstmuseum

Ayse Erkmen · Kuckuck, 2003, Installation

Ayse Erkmen · Kuckuck, 2003, Installation

Besprechung

Ayse Erkmen lässt sich ganz auf die spezifische Situation vor Ort ein, weckt Fragen und stellt mit kargen Eingriffen unausgesprochene kulturelle und funktionale Zusammenhänge her. Oft wirkt sie an Orten des Übergangs, dort, wo sich neue Verbindungen ergeben. In St. Gallen hat sie das naturhistorische Depot geplündert und die Räume des Kunstmuseums in ein Uhrgehäuse umfunktioniert: «Kuckuck» nennt sie vielsagend und augenzwinkernd die St. Galler Ausstellung.

Ayse Erkmen im Kunstmuseum

In Göppingen, der Mutterstadt der Modelleisenbahn, liess Ayse Erkmen (*1949 in Istanbul) 1999 monochrome Bildtafeln auf Schienen im Kreise fahren und brachte spielerisch das Tafelbild in Fahrt. Drei Jahre zuvor thematisierte sie im Portikus in Frankfurt mit Metalldetektoren im Eingangsbereich die ambivalenten Aspekte von Überwachung und Sicherheit. In der Wiener Secession liess sie im vergangenen Jahr die Reinigungsvorrichtung über der Glasdecke des Ausstellungsraumes als Lichtinstallation arbeiten, begleitet von den bedrohlich verstärkten Geräuschen der Motoren.

Der Ort, an dem Ayse Erkmen wirkt, ist stets Ausganslage ihrer Intervention und Knotenpunkt der daraus abgewickelten komplexen Beziehungsgeflechte. Die in Istanbul und Berlin wohnende Künstlerin zeigt Bewegung als zeitlichen Prozess und hinterfragt statische Zustände und träge Gewohnheiten. Nicht nur ist Zeit ein zentrales Thema ihrer Arbeit, die Arbeiten selber sind auf Zeit angelegt und verschwinden wieder nach Ausstellungsende.

Das Kunst- und Naturmuseum St. Gallen zeichnet sich durch die historisch gewachsene gemeinsame Nutzung des Gebäudes aus. Ayse Erkmen hat über diese Besonderheit nachgedacht, hat die Depots besichtigt und die Ausstellungspraxis und das Besucherverhalten analysiert. Ihr massgeschneidertes Konzept gibt dem unterschiedlichen Publikum des Gesamtmuseums Gelegenheit, gemeinsam über einem Kuckucksei zu brüten, mit den Bedeutungsverschiebungen von abergläubischem Hoffen auf Reichtum bis zur Interpretation als Memento Mori zu spielen und über Kulturgütertransfer ebenso nachzudenken wie über die heutigen Aufgaben eines Museums zwischen Bewahren und Bewegen.

Ausgehend von der Idee der Kuckucksuhr als Symbol Schweizerischer Präzision montierte Ayse Erkmen in den sechs Flügeltüren zwischen den Ausstellungsräumen je eine Schiene mit einem impulsgesteuerten Sockelwägelchen. Die darauf platzierten Tierpräparate – alle aus hausinternem Bestand – bewegen sich wie Riesenkuckucke als Zeitzeiger nach bestimmten Intervallen. Vor und zurück. Der Gänsegeier arbeitet als Sekundenzeiger ohne Unterbruch, der Gabelbock kommt viertel- das Krokodil halbstündlich zum Einsatz, und der Löwe im krönenden Oberlichtsaal bewegt sich nur jede volle Stunde, dafür entsprechend der Uhrzeit mehrmals. Bezeichnenderweise wirken die Tiere in Bewegung besonders statisch, womit die konservierte Natur als Echtheit imitierende Konstruktion entlarvt wird. Gleichzeitig wird das künstliche Objekt in eine künstlerische Setzung von skulpturaler Qualität und komplexer konzeptioneller Wirkung umgebaut. Dass die Präparate auch als Türwächter funktionieren und den Zugang zu den (leeren) Gefilden der Kunst kontrollieren und erschweren, ist eine weitere listvoll inszenierte Erfahrung.

Jusqu'à 
10.05.2003

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