Paolo rennt

Paolo Chiasera (*1978 in Bologna) lebt und arbeitet in Bologna und Berlin

Paolo Chiasera (*1978 in Bologna) lebt und arbeitet in Bologna und Berlin

Equilibrio Parallelo, Berlin 2001, DVD, 3’, Videoinstallation, Farbe, Ton

Equilibrio Parallelo, Berlin 2001, DVD, 3’, Videoinstallation, Farbe, Ton

Fokus

Der junge italienische Videokünstler Paolo Chiasera gehört der wohl ersten Generation an, die nicht nur mit Computer, Videospielen und Internet grossgeworden ist, sondern auch mit Handy, Camcorder und digitaler Fotografie. Kein Wunder also, dass die vermeintlichen Grenzen von Realität und Virtualität sowie die von gelebter und gespeicherter Zeit in seiner Arbeit längst keine Rollen mehr spielen. Stattdessen realisiert Paolo Chiasera so gestellte wie erlebte Szenarien, deren diverse Bilderwelten verschlungen sind wie ein

Paolo rennt

Zur künstlerischen Strategie von Paolo Chiasera

Architektur und Zeit, Erzählung und Bewegung sowie Kunst- und Filmgeschichten lauten die Koordinaten der bisherigen künstlerischen Produktion von Paolo Chiasera. Stets arbeitet der junge Italiener dabei multimedial, vor allem die Genres (selbstreflexive) Videokunst, Skulptur, Performance und (ortsbezogene) Rauminstallation setzt er in seinen Projekten neben- und gegeneinander, ja oftmals gleichzeitig ein. Ein erstes Beispiel soll diese ästhetische Strategie, die sich auf den ersten, vorschnellen Blick als typisch postmodern gibt, deutlich machen.

Tanz den Loop!   Wer kennt es nicht – das Gemälde «Las Meninas» von Velázquez. Schon der französische Denker Michel Foucault nahm in seiner Schrift «Die Ordnung der Dinge» dieses Bild der Hofdamen als Anlass, um über das Verhältnis von Maler, Sujet und Betrachter nachzudenken. Paolo Chiasera setzt diesen Diskurs auf seine Weise fort, indem er «Las Meninas» in einem klassischen White Cube als Teppich auf den Boden legt. Auf diesem, zu stark rhythmisierter Musik, tanzt ein weissgekleideter Breakdancer mit wirbelnden Bewegungen, kopfüber. Das ARTistische Geschehen wird vom Künstler auf dem Videomonitor als unendlicher Loop präsentiert. Die körperbewusste, scheinbar halsbrecherische Performance des Tänzers tritt also in einen spannungsreichen Dialog mit der zum Möbelstück degradierten Malereiikone und mit unseren (idealisierten) Vorstellungen von diesem Gemälde, das längst zum festen Inventar in unserem «imaginären Museum» (Andre Malraux) gehört. So gelingt es Paolo Chiasera mit der Videoarbeit «Breaking», 2002, verschiedene Aspekte seines Werkansatzes zu einem markanten Bild zusammenzufügen: Bewegung, Raum und Geschichte verweben sich zu einer widerspruchsvollen, aber sich gegenseitig aushaltenden Dreieinheit.

Zeitspiel!   Mit dem Sujet des Breakdancers schreibt sich Paolo Chiasera in eine Auseinandersetzung mit der Zeit ein, die spätestens seit den achtziger Jahren gerade in der Pop-Kultur geführt wird. Die Hip-Hop-Musik nämlich ist, ähnlich wie die sich etwa zeitgleich etablierende Rap- und Techno-Musik, geprägt durch eine neue Vorstellung von Zeit, eine Vorstellung, die statt auf kontinuierliche Entwicklung auf ein quasi historisierendes Verfahren setzt: Zitat, Wiederholung und Gleichförmigkeit strukturieren die sich in dieser Musik ereignende Zeit als eine in sich verschachtelte, quasi permanente, die keinen Anfang und kein Ende mehr zu kennen scheint. Das Sampling, also das Nutzen von bereits eingespielter Musik und deren neue Zusammenstellung, tritt an die Stelle genialer Kompositionen, und genau dadurch werden plötzlich Menschen zu Produzenten, die zuvor noch als reine Konsumenten zu einer bloss passiven Teilhabe am kulturellen Leben verdammt waren. Paolo Chiaseras Breakdancer, der gewissermassen die umkämpften Strassen der Bronx verlassen hat und in die vergleichsweise friedvollen Gefilde der
bildenden Kunst eingezogen ist, bringt all dies auf den Punkt, denn auch er ist mit seinem nicht enden wollenden Tanz dem eben beschriebenen Zeitgefühl verpflichtet, und auch er ist alles andere als ein nur staunender Betrachter des Gemäldes von Velázquez. Selbstbewusst wird er eigenhändig aktiv, die Augen dank seiner Kopfüber-Haltung dennoch stets in Richtung «Las Meninas» gerichtet.

Er läuft und läuft und läuft:   In der Videoprojektion «The Wall», 2002, tritt der Künstler selbst in Erscheinung, und zwar als mit weiten Schritten an einer Strassenmauer vorbeilaufender Zeitgenosse, der seltsamerweise trotz seiner Dynamik keinen Zentimeter vorwärts zu kommen scheint. «Mobilität im Stillstand» hat Paul Virilio diesen Zustand einmal treffend beschrieben. In die mit Graffitis beschriebene Mauer – übrigens wieder ein Versatzstück aus der Hip-Hop-Kultur – hat Paolo Chiasera bei der Nachbearbeitung am Computer ein kleines «Zeitfenster» eingefügt, in dem immer wieder Gemälde von de Chiricio zu sehen sind. Diese Gemälde sind ebenfalls am Computer verändert worden. Die Architekturdarstellungen wurden dabei vom Künstler konzentriert. Last but not least ist die Projektionsfläche mittig geteilt: Auf zwei gleichgrossen Flächen ist das laufende Geschehen gespiegelt dargestellt, so dass sich der rennende Artist nun vermeintlich direkt in die eigenen Arme läuft. In dieser Arbeit werden wiederum eigentlich gegensätzliche Zeit- und Raumstellen miteinander vereint: der Aussenraum der Strasse und die sonst nur im Innenraum zu sehenden Gemälde; die Aktualität des Laufes und die Historie de Chiricios; schliesslich die eigene, schweisstreibende Erfahrung und das traditionsgesättigte Wissen um Kunstgeschichte. Das Moment des rennenden Künstlers, es handelt sich hier selbstverständlich um ein Zitat aus dem deutschen Erfolgsfilm «Lola rennt», findet sich auch in der abschliessend von mir zu beschreibenden Videoarbeit wieder.

Auf geht’s!   Ein typisch (Ost-)Berliner Plattenbau, lange Gänge werden in gelblichem Licht gefilmt. In ihnen läuft der Künstler. Er versucht offensichtlich verzweifelt, von einem Stock in den nächsten zu kommen. Harte Technomusik, schnelle Schnitte und ein flackerndes Licht unterstreichen den künstlichen Charakter des Videos «20’ Livello», 2001. Die Bewegungen des Läufers werden zudem abrupt angehalten, dann beschleunigt, um schliesslich wieder in Echtzeit gezeigt zu werden. Insgesamt wird der Eindruck vermittelt, Paolo Chiasera wäre ein Fleisch gewordener Teilnehmer eines Videospieles, dessen Ziel es ist, möglichst viele Level des eingespeicherten Programms zu durchlaufen. Plötzlich ein Bruch: Der Künstler und ein Double von ihm sind in einem hellen Raum von oben gefilmt, der eine umrundet den anderen, dieser wiederum dreht sich so lange um sich selbst, bis er sich quasi ausradiert hat. Also wiederum Schnitt und der Sprung auf das nächste Plateau. Dort sieht man Paolo Chiasera in einem nahezu leeren Zimmer sitzen, an einer Wand hängt ein klassisches Gemälde. Letzter Schnitt: der Künstler sitzt jetzt, dem Bildbearbeitungsprogramm des Computers sei Dank, mitten im eben noch betrachteten Gemälde. Das (Video-)Bild implodiert stil-voll im (gemalten) Bild, innen und aussen sind endgültig weder vom Betrachter noch vom Videoproduzenten zu unterscheiden.

Popmodern   Paolo Chiaseras Werk ist, das wird spätestens jetzt deutlich, eben kein postmodernes, denn hier werden keine typisch postmodernen Themen wie Leere, Langeweile und Fake mehr oder weniger zynisch abgehandelt. Vielmehr werden bei ihm die verschiedenen Möglichkeiten modernster Technologie lustvoll genutzt, um sich über die eigene Position in unserer so medial konstruierten wie konkret sich ereignenden Realität gewahr zu werden. Dass dabei Widersprüche wie Virtualität und Wirklichkeit, Alltagskultur und auratische Kunst nicht unter den eben nur für die 1. Weltländer wohlgedeckten Tisch gekehrt werden, sondern offen zu Tage treten, dies spricht für die kritische Sensibilität des jungen italienischen Künstlers.

Zeit ist für mich ein Element, das mich zurückbringt zur Zeitlosigkeit. (PC)

Artiste(s)
Paolo Chiasera
Auteur(s)
Raimar Stange

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