StartUp und die Leichtigkeit der Kunst

Gartentors in der Kamikazeküche, von links nach rechts: Igor, Ludwig, Heinrich, 2000, Videostill, Kunsthalle Tirol

Gartentors in der Kamikazeküche, von links nach rechts: Igor, Ludwig, Heinrich, 2000, Videostill, Kunsthalle Tirol

Aktionspokale in Warteposition im Gartentor-Atelier, 2003

Aktionspokale in Warteposition im Gartentor-Atelier, 2003

Fokus

Heinrich Gartentor begann sein Leben im Internet als Fiktion seines «Katalysators» Martin Lüthi. Mittlerweile wurde seine Identität zu einer eigenen Realität.

StartUp und die Leichtigkeit der Kunst

Ein Gespräch mit Martin Lüthi und Heinrich Gartentor

Matthias Fischer: Guten Morgen, Martin Lüthi. Heute schon an Heinrich Gartentor gedacht?

Martin Lüthi: Ich bin als dieser aufgewacht. Ich war gerade in München anlässlich der Ausstellung bei Lothringer13 einen Golfplatz einrichten, gesponsert von Bayern München, unter der Bedingung, dass Franz Beckenbauer ihn einweihen dürfe. Da klingelte das Handy. Das muss Beckenbauer sein, dachte ich. Es war der Wecker.

MF: Offensichtlich kommen Gartentor und Lüthi gut miteinander aus?

ML: Erst war der Gartentor ja eine Figur mit Homepage und Biografie in Romanform, die von sich behauptete, Künstler zu sein. Der Passagen Verlag Wien entdeckte das Projekt im Internet und wollte die Biografie veröffentlichen, aber nicht ohne leibhaftige Person dahinter. Und jemand musste die Ausstellungen auf- und abbauen, zu denen Gartentor seit 1998 eingeladen wurde. Ich begann mich mit Heinrich Gartentor zu identifizieren und die Vorlage nachzuleben, die ich mit dem ersten Roman «Schafmatt» definiert hatte.

MF: Mal der Reihe nach: Martin Lüthi erfand die Figur Heinrich Gartentor und stellte sie ins Internet?

ML: Als Gartentor 1996 ins Netz ging, war dieses noch kein Krethi-und-Plethi-Medium. Die interessanten Leute kommunizierten mit Nicknames. Jeder war ein anderer. Der Name Martin Lüthi wurde nie kommuniziert. Wieso auch? Mich interessierte nur Gartentor. Das Internet kam aber genau zur richtigen Zeit. Ich hatte mein Leben lang an Gartentor gearbeitet, aber nun gab es plötzlich die Möglichkeit, ihn effizient unter die Leute zu bringen.

MF: ?dann begann sich Gartentor zu verselbständigen, indem Leute auf die virtuellen und realen Geschichten und Aktionen, ausgedacht und durchgeführt von Martin Lüthi, reagierten?

ML: Mir ging es darum, die Fiktion Realität werden zu lassen. Das adäquateste Mittel dazu ist immer die Überinformation. gartentor.ch war 1996 umfangreicher als die Sites von Swissair oder UBS. Die Reaktionen der Leute, die auf der Homepage seine Aktivitäten verfolgten, flossen in das Weitere ein. Heinrich Gartentor führte ab da ein Eigenleben, agierte jetzt und begann, als Plattform für vielfältigste Projektionen zu funktionieren. Ich war und bin dabei nur der Katalysator. Gartentor interessiert mich nach wie vor mehr als Lüthi. Es lebe Gartentor!

MF: Das klingt ja wie die Lancierung einer künstlerischen Marke mit modernsten Marketingmethoden. Auch da werden die geheimen Wünsche der zukünftigen Konsumenten bedient, die schliesslich in ihrem sozialen Umfeld die Marke weitertragen und formen sollen, sowohl virtuell wie an realen Orten. In diesem Zusammenhang fallen mir die zahlreichen Reisen zu Ausstellungen von Gartentor auf. Welche Projekte stehen denn an?

HG: Da läuft vieles parallel: 2006 erscheint der fehlende zweite Teil der Biografie Gartentors (der dritte Teil erschien bereits 2003). Im Dezember vergebe ich zum zweiten Mal das Heinrich-Gartentor-Stipendium. Dafür muss ich trainieren, denn die Höhe des Stipendiums definiert sich dadurch, wieviel Geld beim Sponsorenlauf mit mir als einzigem Teilnehmer hereinkommt. Daneben werde ich immer wieder zu Aktionen eingeladen, die es vorzubereiten gilt. Mein «ebay-Projekt» läuft noch und schliesslich produziere ich handfeste Gartentor-Kunst, die es dann irgendwann zu sehen gibt.

MF: Auffällig ist, dass Heinrich Gartentor die Vernetzung im Netz sucht. So ist wohl auch die Internet-Aktion mit der Versteigerung von «Pfunden» bei «ebay» zu sehen. Was steckt dahinter?

HG: Ich suche keine Vernetzung im Netz. Das sieht nur so aus. Das Internet hatte immer koordinative Funktion und ist das Medium der schnellen und effizienten Informationsbeschaffung. Mehr nicht. Weniger aber auch nicht. Ich stelle heute lediglich noch meine Projekte ins Netz, dokumentiere ein bisschen und verschicke ab und zu Mails. Die «ebay-Aktion» mit den Pfunden ist einfach die Möglichkeit, mich ins Ungewisse treiben zu lassen. Ich habe mir zwölf Kilogramm Gewicht angefressen und versteigere nun Kilo um Kilo. Wer eines kauft, muss ein Programm zusammenstellen, das ich dann solange absolviere, bis ich ein Kilogramm verloren habe. Eines habe ich in Berlin verloren, eines werde ich in Bangkok verlieren.

MF: Durch solch ein virtuelles Leben entsteht aber doch – so behaupte ich – eine Selbstkonstruktion von Heinrich Gartentor. Das ist das, was du weiter oben gemeint hast mit dem Satz «Die Fiktion Realität werden lassen».

HG: Nicht ich, sondern es kreiert mich selbst. Ich bin zum Selbstläufer geworden. Hubert Salden hatte damals, als er noch die Kunsthalle Tirol leitete, gerüchteweise erfahren, dass in «StartUp» seltsame Kochrezepte auftauchen werden, und mich als Verköstiger eingeladen. Ich schlug vor, zu verkochen, was die Leute mitbringen. So war die Kamikazeküche geboren, mit der ich «on tour» bin.

MF: Deine letzten Installationen, die an realen Orten zu sehen waren, bestehen aus vielen, teilweise alten Gerätschaften: Videos, Pokalen mit seltsamen Beschriftungen und deinen Romanen. Die Geräte – etwa das bananenförmige Telefon – spielen in den Büchern eine Rolle.

HG: Die alten Gerätschaften sind anekdotenschwangere Reliquien aus den Romanen, die mir entweder während des Schreibens in die Hände gefallen sind oder die ich beschrieben und dann gesucht habe. In jedem Fall sind sie richtungsweisend für die Gartentor-Biografie. Wer ein solches Teil besitzt, kann eine ausführliche Geschichte erzählen. Die Pokale wird es nie zu kaufen geben. Man kann sie an Gartentor-Aktionen gewinnen und wer gewinnen will, muss sich mächtig anstrengen dafür.

MF: Das führt weiter zur Frage, woher kommt dieser Sportsgeist und welchen Stellenwert hat er für Gartentor? Steckt hier der typische Traum des Mittelstandes vom Sport- oder Kunst-Champion drin, die Vorstellung, dass Sport oder Kunst die Eintrittskarte in die gesellschaftliche Elite ermöglichen. Träumt Gartentor von Erfolg, Ruhm und Geld durch Kunst?

HG: Ist man erfolgreich, wenn man oft ausstellen kann? Wenn man im Kunstmarkt hip ist? Dann bin ich extrem erfolglos. Aber im Gegensatz zu vielen heutigen Hypes wird es mich in dreissig Jahren noch geben. Ich bin kein Sprinter, ich bin Langstreckenläufer. – Nein. Es geht um andere Wichtigkeiten. Was ist Sport? Was zählt? Ich hätte mal alle Pokale meines Idoles Trachsel Aschi haben können. Trachsel Aschi war Schweizer Seitenwagenpilot, war nie zu Hause, immer unterwegs zu Rennen und verunglückte eines Tages tödlich. Aschis wichtige Preise waren plötzlich wertlos. Kunst ist zum Glück weniger schnell vergänglich.

MF: In den Ausstellungen begegnet man immer wieder Fotos von Leuten, die um einen Tisch herumsitzen und sich für ein Gruppenbild regelrecht aufgereiht haben. Die Fotos verströmen eine Heile-Welt-Atmosphäre. Sie hängen neben Bildern von röhrenden Hirschen oder eben Pokalen. Man hat das Gefühl, als würde Heinrich Gartentor das, was Susan Sontag einmal als «Camp» zu definieren versuchte, als künstlerisches Markenzeichen verwenden: eine Ästhetik des Kitschs, des Hässlichen und des Exaltierten.

HG: Wir werden von Hässlichkeit umgeben und das ist gut so. Sonst würden wir das Schöne nicht erkennen können. Es lohnt nicht, sich mit Schönheit abzumühen, und beim Wort Ästhetik vergesse ich immer, wo das h steht, deshalb brauche ich es nie – was aber nicht heisst, dass ich das Hässliche zelebriere. Im Gegenteil! Meine Arbeiten stehen meist auf schönen perfekten Sockeln. Das Tragische ist mir fremd, das ist so der Bahnfahren-und-im-Nebenabteil-wird-gejammert-und-man-kann-nicht-fliehen-Horror. Lust und Leichtigkeit sind mein Antrieb.

MF: Du hast gegenwärtig eine Ausstellung in der Kunsthalle Bern mit einer grossformatigen Installation in Arbeit.

HG: Ja. Man traut mir langsam zu, dass ich auch grosszügig arbeiten kann. Dabei ist mir allerdings ein Fehler unterlaufen. Die Einladung in die Kunsthalle Bern hat mich dermassen gefreut, dass ich gleich zu grosse Arbeiten vorbereitet habe, die nie und nimmer in die Kunsthalle gepasst hätten. Aber wozu habe ich ein Archiv?

MF: ?und zwei Brüder, die dir gelegentlich zur Hand gehen, wie wir aus dem Abspann des Videos zu StartUp erfahren. Die Produktion der DVDs und Videos ist ja enorm arbeitsintensiv. Es scheint als wollest du deinen Clan einbinden und Gartentor damit zu so einer Art Familienbetrieb wie die Luginbühls machen. Alle wärmen sich ein bisschen in der
Sonne des grossen Vorsitzenden.

HG: Ich will meine Brüder nicht einbinden. Aber sie entlasten mich halt. Ich müsste schon recht fit sein, um alles alleine bewältigen zu können. Zudem wollen Igor und Ludwig im Hintergrund bleiben und haben mit Kunst nur durch mich etwas am Hut. Deshalb traten wir bisher auch nur einmal gemeinsam auf. Bei besagter «Kamikazeküche» in der Kunsthalle Tirol. Aber auch dort wirkt sie auf der Nebenbühne und schnippelten ihr Gemüse fernab der Leute in der Küche, während ich im Vernissagepublikum in den Töpfen rührte. Meine Brüder finden Kunst eher ätzend und uncool und wenn ich das Wort «Kontext» brauche, lachen sie mich aus.

MF: Was hat es mit den «netten Attentaten» auf sich, denen man immer mal wieder begegnet?

HG: Meine erste Aktion, Tausend Alutafeln mit unnötigen Geschichten, sollen Orte im deutschsprachigen Raum zieren. Ab und zu klebe ich wieder eine Tafel hin, wenn ich denke, dass es gerade an diesem Ort eine braucht. Die Aktion ist so angelegt, dass sie mich sehr, sehr lange, wohl bis ans Lebensende begleitet. Auch dann, wenn ich sagen muss, ich stehe nicht mehr dazu oder sie langweilt mich oder sie ist banal geworden oder was auch immer. Diese Diskrepanz auszuhalten und solche Dinge durchzuziehen, das ist es, was mich interessiert.

Die Ausstellung im Projektraum in der Kunsthalle Bern läuft noch bis zum 30.11. Ein Gartentor-Stipendium-Sponsorenlauf findet im Kunstmuseum Thun am 6.12. statt im Rahmen der «Open Ateliers der Thuner Künstler», Thun, 6./7.12. «Gartentor trägt vor» folgt im Malkasten Düsseldorf am 11.12. «Gartentor-Golf», lothringer13, München, findet mit Eröffnungs- und Abschlussturnier vom 24.1.–4.4. statt. Aktuelle Publikation: «StartUp», 3. Teil der Gartentor-Biographie mit Kochrezepten und DVD, 192 Seiten, Passagen Verlag Wien 2003.

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