Martin Creed in der Kunsthalle

Martin Creed · Work no. 221: Things, 1999, und Work no. 100: On a tiled floor, in an awkward place, a cubic stack of tiles built on top of the existing tiles, 1994/2003, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern

Martin Creed · Work no. 221: Things, 1999, und Work no. 100: On a tiled floor, in an awkward place, a cubic stack of tiles built on top of the existing tiles, 1994/2003, Ausstellungsansicht Kunsthalle Bern

Besprechung

Martin Creed versteht es, mit minimalen Mitteln maximale Spannung zu erzeugen. Der britische Künstler (*1968) bedient sich des Unscheinbaren: ein Blatt Papier, ein Stück Leukoplast werden zu differenzierten Objekten. Und er bedient sich des Unfassbaren: Luft, Licht, Leere geraten ihm zu Instrumenten einer Reflexion über Kunst und Erwartung. Einer Reflexion, die von einem ironischen Grinsen begleitet wird.

Martin Creed in der Kunsthalle

Eine idealtypische Creed-Ausstellung müsste den Besucher mit Leere empfangen. Mit einer als total empfundenen, einer verwirrenden Leere, die der britische Kritiker John O’Reilly so beschreibt: «You look around, but there’s nothing there. Although you try to ignore it, the thought takes hold that someone might see that you see nothing.» Ein unschöner Gedanke, beim Nicht-Sehen gesehen, als Nicht-Erkennender erkannt zu werden.

In der Kunsthalle Bern konnte diese irritierende Leere nur ansatzweise umgesetzt werden. So im Raum mit «Work no. 102: a protrusion from a wall». Nichts umfängt den Besucher, nur Raum, Licht, Luft. Und das Werk, die leicht pilzförmige Ausstülpung der Wand, könnte aus der Distanz betrachtet fast ein Zufall sein. Kein gewichtiges Etwas. Nur ein leichtes Irgendetwas.

Alle weiteren Räume zeigen einen Kompromiss. Sie sind nicht ganz leer – jedoch fast, sie zeigen nicht sehr viele Werke – jedoch einige. Einblick und Überblick werden gelungen zusammengefasst. Allerdings ist Aufmerksamkeit geboten. Eine Arbeit wie «Work no. 227: The lights going on and off», für die Creed 2001 mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurde, verblasst, wenn im gleichen Raum weitere optische Anziehungspunkte vom Nicht-Ereignis des flackernden Lichts ablenken. Doch diese zurückgenommene, gleichsam flüsternde Präsentation fügt sich durchaus in den Creedschen Kunstkosmos, dessen Minimalismus als ironische Antwort auf Erwartungen eines visuell übersättigten Publikums gelesen werden kann. Inmitten einer Flut aus Bildern und Bedeutungen wirft er mit spitzbübischem Selbstbewusstsein ein leeres Blatt Papier – zusammengeknüllt «Work no. 88: a sheet of paper crumpled into a ball» oder zerrissen, «Work no. 140: a sheet of paper torn up» – in den Kunstbetrieb. Die Werke, nüchtern nummeriert wie beliebige Waren in einem Lager, entziehen sich eiligen Sinnzuweisungen, hastigem Verstehen. Sie verweigern sich (ebenso wie Creed selbst jede freundliche Erklärung seiner Werke ablehnt und verweigert) – und regen dabei an: Das zerrissene, das zerknüllte, das leere Papier fragen nach Wirklichkeit und Wirksamkeit der Kunst, nach dem Denken über die Kunst. Auch nach dem Denken des Ausstellungsbesuchers, der vielleicht ein wenig verwirrt ist, von einer Kunst, die so tut, als wäre sie nicht da.

Jusqu'à 
29.11.2003

Publicité