Paul Pfeiffer bei Carlier/Gebauer

Paul Pfeiffer · Morning after the Deluge, 2003, dig. Video on DVD, Courtesy carlier/gebauer, The project New York, Thomas Dane, LTD, London

Paul Pfeiffer · Morning after the Deluge, 2003, dig. Video on DVD, Courtesy carlier/gebauer, The project New York, Thomas Dane, LTD, London

Besprechung

Der New Yorker Künstler Paul Pfeiffer (*1966 in Honolulu, Hawaii) beschäftigt sich mit digitaler Bildtechnologie und damit verbundenen Möglichkeiten zur Manipulation von Repräsentation. In seiner ersten Einzelschau bei Carlier/Gebauer zeigt er mit «Morning After The Deluge», 2003, eine neue Videoarbeit von geradezu hypnotischer Präsenz.

Paul Pfeiffer bei Carlier/Gebauer

Pfeiffers Videos und Fotos demonstrieren die fiktive Wirklichkeit des digitalisierten Bildes. Bisher beruhen sie meist auf populärem Bildmaterial der US-Fernsehrealität, etwa auf Ausschnitten aus Baseball- oder Boxwettkämpfen, Musikclips oder Horrorfilmen. Solche Sequenzen verbindet Pfeiffer zu Loops, die er bearbeitet und dadurch verblüffende, bisweilen geisterhaft-absurde Szenarios erzeugt. In «The Long Count» (drei Versionen), 2001, verwendet er beispielsweise TV-Bilder legendärer Kämpfe Muhammad Alis, entfernt die agierenden Sportler und lässt stattdessen deren schemenhafte Konturen über den Bildschirm geistern. «Obwohl ich die Figuren buchstäblich lösche», so Pfeiffer, «intensiviere ich damit auf andere Art etwas an den Figuren, die einmal da waren.» Einer anderen Strategie folgt der Video-Loop «John 3:16», 2000, der ein Baseballspiel aus ungewöhnlicher Perspektive zeigt: Hier ist der Ball das ruhende Zentrum des Bildes, während alles andere – Spielfeld, Hände der Spieler, Zuschauer – in wildem Bewegungstaumel um ihn herum zu kreisen scheint. Eine frappierende visuelle Verkehrung, die sich dramaturgisch übrigens wie ein Vorgriff auf Pfeiffers aktuelle Arbeit lesen lässt.

In der Schau bei Carlier/Gebauer steht das Video «Morning After The Deluge» im Mittelpunkt. Es wird als grossformatige Projektion gezeigt und besteht aus einer gut 20-minütigen, zum Loop gekoppelten Aufnahme der auf- beziehungsweise untergehenden Sonne. Erst nach einer Weile nimmt man den gefilmten Ablauf überhaupt wahr, denn die Sonne steht die gesamte Zeit über im Mittelpunkt des Bildfelds unverrückbar fest. Zu Beginn weissglühend, verschiebt sich ihr Farbton langsam ins Rot und taucht auch den Himmel in entsprechende Nuancen. Nach wenigen Minuten tritt vom oberen Rand her ein horizontaler dunkler Balken ins Bild. Was erst wie ein Störstreifen erscheint, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als Horizont: Man erkennt entfernte Wellenbewegung, Vögel fliegen auf – zunächst in verkehrter Richtung, gerade so, als ob das Bild auf dem Kopf stünde. Kontinuierlich gleitet die Horizontlinie sehr langsam abwärts, durchläuft die im Zentrum feststehende Sonne, um das Bild zuletzt im unteren Bereich zu verlassen. Das karge Geschehen ist weit mehr als ein meditatives Farbspiel. Wie schon in «John 3:16» hat Pfeiffer hier dem Zuschauer wortwörtlich den Boden unter den Füssen entzogen. Denn Sonnenauf- und -untergang finden in diesem Film gleichzeitig statt und münden in einer wahrhaft kopernikanischen Verkehrung des Betrachterstandpunkts. Im Titel spielt Pfeiffer auf Turners berühmtes Gemälde «Light and Colour (Goethe’s Theory) – The Morning After The Deluge», 1843, an: Darin wird die Sonne visionär als Fusion von Auge und Himmelskörper darge-stellt. Turners Bild fasst Sonne und retinales Feld in eins als Woge von Licht, die jede feste Raumordnung im Bild auflöst. Historisch markiert es damit eine Subjektivierung von Wirklichkeit – ein Paradigma, an das Pfeiffer mit seiner Arbeit andockt, um es mit Künstlichkeit und Unwirklichkeit des digitalisierten Bildes noch zu übersteigern.

Jusqu'à 
19.12.2003
Auteur(s)
Jens Asthoff
Artiste(s)
Paul Pfeiffer

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