Fabrice Gygi – Jeder Griff sitzt!

Fabrice Gygi, ‹Une longue vacance›, 2021, Palais de l’Athénée, Salle Crosnier (Ausstellungsansicht). Foto: Greg Clement/Société des arts de Genève

Fabrice Gygi, ‹Une longue vacance›, 2021, Palais de l’Athénée, Salle Crosnier (Ausstellungsansicht). Foto: Greg Clement/Société des arts de Genève

Fabrice Gygi, ‹Une longue vacance›, 2021, Palais de l’Athénée, Salle Crosnier (Ausstellungsansicht). Foto: Katharina Holderegger Rossier

Fabrice Gygi, ‹Une longue vacance›, 2021, Palais de l’Athénée, Salle Crosnier (Ausstellungsansicht). Foto: Katharina Holderegger Rossier

Fabrice Gygi, ‹Ohne Titel›, Wasserfarbe auf Papier, je 175 x 130 cm (Atelieransicht). Foto: Der Künstler 

Fabrice Gygi, ‹Ohne Titel›, Wasserfarbe auf Papier, je 175 x 130 cm (Atelieransicht). Foto: Der Künstler 

Fabrice Gygi, ‹Ohne Titel›, Wasserfarbe auf Papier, je 175 x 130 cm (Atelieransicht). Foto: Der Künstler 

Fabrice Gygi, ‹Ohne Titel›, Wasserfarbe auf Papier, je 175 x 130 cm (Atelieransicht). Foto: Der Künstler 

Fabrice Gygi, ‹Ubique fabrica›, Genève: Macula, 2021 (Doppelseite mit Werken aus der Serie  ‹Bivouacs› 2020–2021, Fotografien). Foto: Katharina Holderegger 

Fabrice Gygi, ‹Ubique fabrica›, Genève: Macula, 2021 (Doppelseite mit Werken aus der Serie  ‹Bivouacs› 2020–2021, Fotografien). Foto: Katharina Holderegger 

Fabrice Gygi – Jeder Griff sitzt!

Genf – Jeder Griff sitzt in der Ausstellung von Fabrice Gygi als siebtem Träger des biennalen Prix de la Société des arts de Genève im Palais de l’Athénée. Zwei Räume. Zwei Werke. 

In den trotz geweisster Wände zwischen Parkettboden, halbhoher Wandverkleidung und Stuckdecke nach wie vor feudal wirkenden Salle Jules Crosnier passte der Künstler zwei mal vier Vitrinen aus gemasertem Holz, durch deren geräuchertes Glas sich jedoch nichts anderes eröffnet als ein in seinen Ausmassen nur mehr nebulöser Raum. Und in das Office der Salle hing er sogar nur eines seiner in einem Zug mit einem handbreiten Pinsel auf einem rund 2 Meter langen Papier geschaffenes Aquarell und zwar dasjenige in Karminrot, auf dem sich am Anfang auf einer Seite ein dunklerer Streifen gebildet hat, das sich dann jedoch wie alle anderen fast unmerklich aufhellt. 

Beide Werke docken so nur mehr unterschwellig an die radikalsten, auf Quadrate, Kreise oder Kreuze reduzierten Setzungen in Schwarz oder Rot auf Weiss von Kasimir Malewitch an. Sie schliessen respektive öffnen kein Feld, in dem sich die Gegensätze zwischen Raum und Zeit oder Mentalem und Materiellem auflösen. Die beiden Werke von Fabrice Gygi führen einen vielmehr in den freien Fall des Staunens. Man steht schliesslich und endlich mit grossen Augen und offenem Mund vor ihnen. Mit Gesten, bei denen Energie und Präzision in eine atemberaubende Balance treten, erinnert uns Fabrice Gygi an solche erfüllenden Momente oder auch ihr Fehlen – jedenfalls im Alltag.

Der Titel der von Evelyne Notter, der Präsidentin der stets wieder neu gebildeten Jury des Prix de la Société des arts de Genève, kuratierten Ausstellung ‹Une longue vacance› kann auf das allem Kunstschaffen zu Grunde liegende Begehren verweisen, zugleich eine Lücke zu füllen wie diese bewusst zu machen. Dies wird dereinst auch die Lücke sein, die der/-ie Kunstschaffende am Ende seiner/ihrer Tage selbst hinterlassen wird. Viviane Vandelli, die Autorin der handlichen Begleitpublikation mit dem lateinischen Titel ‹Ubique fabrica›, philosophiert darüber mit den essentiellen Referenzen. Entsprechend wird ihrem blockartig am Ende des Buchs erscheindenden Text nur noch ein den Tod des Künstlers antizipierendes «Selfie»  nachgeschickt. So sehen wir das Gesicht von Fabrice Gygi darauf versteckt hinter einer selbst geschnitzten Maske nach den Zügen des mexikanischen Kaisers Maximilians bei seiner Erschiessung auf dem berühmten Bild von Edouard Manet, der sich seinerseits von einer Fotografie des bereits Erschossenen im Sarg inspirierte. Nicht jedoch spricht die Autorin des Buchs an, dass Fabrice Gigy im Genfer Plein-Air-Pantheon, im Cimetière des Rois, als Überbleibsel der von Simon Lamunière dort 2017 kuratierten Schau ‹Open End› bereits ein Grabmal besitzt. Es zeigt ihn als Vagabund oder Treker und Camper im Schlafsack wie ein in der mittelalterlichen und neuzeitlichen Grabplastik omnipräsenter «gisant». Und mit Verlaub der Genfer Behörden wird der Künstler vielleicht sogar darunter ruhen.

Weniger an das Drama der «vacance» (fr. für Leerstelle) als die Romanze der «vacances» (fr. für Ferien, Urlaub) erinnert das Buch jedoch vor seinem gravitätischen Text-Bild-Abschluss. So ist es hier mit Farbfotografien gefüllt, die der Künstler 2020–2021 einerseits auf seinen einsamen Exkursionen in die freie Natur im Juras, in den Alpen, auf Pazifikinseln, im Sinaï, in den Vereinigten Staaten und Kanada geschossen hat und andererseits in seinen Ateliers, die sich neben denjenigen in Genf und Paris in dieser Zeit fast ebenso weit verstreut haben. Landschaften, seine Siebensachen auf Trekings und Campings und die damit aufgeschlagenen Zelte, gesammelten oder gejagten Mahlzeiten und entfachten Feuer werden so konfrontiert mit der Entwicklung der neuesten Werkserien, die neben ähnlichen Holzkonstruktionen wie die Vitrinen im Palais de l’Athénée in erster Linie aus weiteren Serien von Aquarellen bestehen. Faszinierend zieht er darin von Kasimirs Malewitsch buchstäblich Verbindungen zu späteren Obsessionen der Avantgarde, nämlich zum Gitter sowie zu konzentrischen oder entrifugalen Bildformen, vor denen beiden das betrachtende Auge in eine dynamisches Bewegung von der Mitte zu den Rändern hin und wieder zurück gerät. So ist Fabrice Aygi mit zwei vertikalen und drei horizontalen Strichen für das Gitter und dort mit in sechs bis zwölf um die Achse gedrehten Strichen für die konzentrischen und zentrifugalen Bildformen je eine Findung gelungen, die insofern alles sagt, aber kein Wort zu viel. 
 
Es handelt sich bei diesen Aquarellen auch jenseits ihrer feinen Abstufungen, die unvermeidlich etwas Räumliches evozieren, nicht mehr um nicht illusionistische Bilder. Vielmehr hat der Künstler seine Striche sichtbar übereinander geschichtet und miteinander verwoben – auch als Hommage an Seile, Körbe und Stoffe als omnipräsente Präfigurationen abstrakter Kunst seit Urzeiten. Vor allem aber gehorchen die Aquarelle keinem Farbsystem. Sie sind dem Künstler auf dieser Ebene ganz Gefäss für die Kommunikation des Glücks seiner nach anthropologischer Stimmigkeit strebenden Lebensform geworden, die ihm viel mehr Zeit lässt für Verzauberungen als dem urbanen Menschen unserer Tage. Eine wichtige Rolle scheinen dabei unwahrscheinlich Farbereignisse zu spielen, wie sie sich plötzlich zwischen Erde und Himmel durch eine Blume oder ein Gestein oder natürlich Lichtbrechungen einstellen können. Statt frohe Feste und saure Wochen gibt es bei Fabrice Gygi lange Musse und komprimierte, konzentrierte Arbeit – wie bei Jäger/-innen und Sammler/-innen. Deren Knowhow eignet sich Fabrice Gygi dabei seit vielen Jahren bewusst an. Erfahren und Beobachten zählen für ihn jedoch auch als Künstler genauso wie der Moment, in dem er Hand anlegt. So fallen einem beim Blättern in ‹Ubique fabrica› fast unvermeidlich Weisheiten aus der Antike ein notabene «Vita est brevis!» und «Carpe diem!» – und letzteres auch bestimmt nicht zu Gunsten einer modernen Überproduktion, sondern im Sinne eines bedächtigen und bescheidenen, aber umso intensiveren Genusses des Lebens auf diesem wunderschönen Planeten.
expositions/newsticker Date Type Ville Pays
Fabrice Gygi 17.09.2021 - 16.10.2021 exposition Genève
Schweiz
CH

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