Pandemie und wie weiter? — Emmanuelle Castellan

Emmanuelle Castellan, „double page spreads: that infinitesimal tear in the world“, Öl und Acryl auf ungespannter Leinwand, 200 x 300 cm, 2020

Emmanuelle Castellan, „double page spreads: that infinitesimal tear in the world“, Öl und Acryl auf ungespannter Leinwand, 200 x 300 cm, 2020

Emmanuelle Castellan, „is that true?“, Öl und Acryl auf ungespannter Leinwand, 200 x 150 cm, 2020

Emmanuelle Castellan, „is that true?“, Öl und Acryl auf ungespannter Leinwand, 200 x 150 cm, 2020

Pandemie und wie weiter? — Emmanuelle Castellan

Fortsetzung der Interview-Serie, die in der Juni-Ausgabe des Kunstbulletin begann und auf Distanz Nähe versuchte zum künstlerischen Prozess, zu persönlichen und professionellen Aussichten auf auf eine mögliche Zukunft. Gemeinsamer Nenner der Stellungnahmen war die Anerkennung eines grundlegenden Wandels im Kunstbetrieb – der auch fällig wäre. Während nach Lockerung der Ausgangsbeschränkungen, allfälligen Urlaubsreisen und der Wiederaufnahme des Betriebes in Frankreich ein zweiter Lockdown beginnt, zeigen sich die Konsequenzen gewünschter Verdrängung: die Realität bricht ein. Um sie zu gestalten, sind andere Aussichten nötig, die nicht auf ein Danach hoffen, das Jetzt fürchten, sondern mit dem Gegenwärtigen kreativ und engagiert umgehen. Da sie solche bietet, wird die Serie in loser Folge weiter hier veröffentlicht, um zum Nachdenken anzuregen darüber, was wird, mit der Kunst. 

Fenster zur Welt?
Sennewald: Mit Deiner künstlerischen Arbeit als Malerin findest Du neue Wege, das Tafelbild als „Fenster zur Welt“ in Frage zu stellen, indem Du die Verwandtschaft mit dem Kino aufgreifst, sie mit Einschnitten in eine zauberhafte Dimension der Malerei verschiebst, die besonders in den letzten Arbeiten des Monats März zum Vorschein kommt. Die Betrachtenden geraten gleichzeitig hinter das Bild und mitten in die Malerei. Wie sieht für Dich, durch Deine Arbeit angeschaut, die Welt heute aus? Was wäre zu tun, was zu lassen?
Castellan: Den Lockdown habe ich zunächst als Chance erlebt: bei mir zuhause arbeiten können, ungestört. Aber rasch zeigte sich, dass ich sehr viel weniger Zeit hatte als gedacht. So war ich zum Beispiel stundenlang eingespannt vor dem Bildschirm, weil der Unterricht an der Kunsthochschule weiter ging. Auch hat sich im Alltag viel weniger geändert, als es schien. Das wiederum steht im Verhältnis mit meiner Malerei: sie folgt ihrer eigenen Zeitlichkeit. Auch wenn ich viel oder schnell malen will, bleibt diese eigene Zeit der Malerei bestimmend, egal, was sonst passiert. Es gab noch einen anderen Effekt: ich beobachte heute fast einen Zwang zur Kontrolle. Alles muss kontrolliert werden. Wenn ich male, geht es gerade darum, das nicht zu können. Loslassen-Können scheint mir jetzt ein sehr wichtiger Aspekt. Speziell angesichts einer Realität politischer Entscheidungen, die um jeden Preis auf Weitermachen setzen: das finde ich geradezu absurd, jetzt, da alle durch diese Pandemie verzweifelt, ermüdet sind. Hier braucht es nicht eine Autorität, die ein schlechtes Gewissen macht, zur Arbeit antreibt. Es braucht vielmehr eine neue Aufmerksamkeit, Sorge für die Menschen, Zuwendung, die ich allerdings vermisse. In meiner Malerei ging es mir zu Beginn viel um die paradoxale Eigenschaft des Gemäldes, zugleich in eine Bildrealität blicken zu lassen und mit diesem „Fenster“, das ein Bild-Schirm ist, die Wirklichkeit zu verdecken. Später kam ein Interesse für die Materialität der Malerei hinzu, speziell durch die Einschnitte in die Leinwand. Dabei geht es aber nicht so sehr um malerische Gesten, sondern um die Erfahrung einer realen Gewalt der Bilder. Mir geht es darum, diese Realität der Bilder durch Malerei zu dekonstruieren. Ich möchte das Bild auf eine Weise behandeln, dass man sich absorbiert fühlen kann von einer Präsenz und einer Intimität, die aus der Materialität der Malerei hervorgeht. Und das, ohne zu vergessen, dass der Fakt, etwas anzusehen oder einen bestimmten Blickpunkt vorzugeben inhärent von Gewalt durchlaufen wird. Das ist die Beziehung zum Körper, wie ich sie mit meiner Malerei bearbeite: er ist als abwesender präsent in einer Malerei, die mit und aus Gewalt entsteht. 
Berlin, 15. Juni 2020
Link: https://emmanuellecastellan.net/

Die Arbeit von Emmanuelle Castellan ist im Rahmen der Gruppenausstellung „Staying with the trouble in painting“, veranstaltet vom Espace Mourlot im Building Canebière in Marseille, noch bis 5.11. zu sehen. https://p-a-c.fr/les-membres/espace-mourlot/staying-with-the-trouble-in-painting-building-canebiere

J. Emil Sennewald, Kritiker und Journalist, unterrichtet an der Kunsthochschule ésacm in Clermont-Ferrand und der F+F Schule in Zürich, berichtet seit über 15 Jahren über Kunst aus Frankreich. emil@weiswald.comwww.weiswald.com

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