Das Grosse Rätsel - Bonbons aus einer anderen Welt

Taschkent, Kunstakademie, 6.11.19. Foto: SH

Taschkent, Kunstakademie, 6.11.19. Foto: SH

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Das Grosse Rätsel - Bonbons aus einer anderen Welt

Frau Doktor hat uns mit einem knappen Nicken des Kopfs begrüsst, ihr Patient blieb gänzlich ohne Reaktion – kein Wunder, wartet er doch seit Wochen auf seine Dia­gnose, auf ein erlösendes Wort, eine Pille, einen Aderlass … Er wird noch viele weitere Wochen warten müssen, denn die Studenten der Kunstakademie Taschkent haben vier Monate Zeit, ihr Gemälde mit dem Titel ... zur Perfektion zu bringen. Viele Freiheiten dürfen sie sich dabei nicht nehmen, denn auch im fünften Jahr der Ausbildung zum Maler sind die Vorgaben klar. Im ersten Jahr zeichnen die Studenten Köpfe, im zweiten Füsse, dann Hände, ab den achten Semester erst fügen sie die Elemente zur Figur zusammen. Die Fachklasse Komposition ist dann die höchste Stufe im Curriculum eines usbekischen Malers. Selbstverständlich sind es die Professoren, die das Arrangement besorgen, sie positionieren die Modelle, legen alle Details fest. Vor Genrebildern bin ich oft irritiert, dass sich da keine Spur der Interaktion zwischen dem Maler und seinen Modellen finden lässt. Der Künstler als der unsichtbare Gast, Blick ohne Echo. Wie viel stärker wird das der Fall sein, wenn selbst das Arrangement von Dritten besorgt wird? Die Atmosphäre in der Meisterklasse ist ruhig, konzentriert – und ein wenig traurig vielleicht? Als wir uns zwischen Malern und Modellen in Richtung Ausgang schleichen, kommt plötzlich Leben in Frau Doktor und sie streckt den Besuchern einen Teller mit farbigen Bonbons hin. Dankbar für die Geste bediene ich mich. Allerdings esse ich solche Süssigkeiten kaum. Und auf den Bildern werden sie sicher nicht zu sehen sein. 

Samuel Herzog, freier Schreiber (Kunst & Kochen). herzog@hoio.org

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Author(s)
Samuel Herzog

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