Helmhaus Zürich — Kunstglück im Kopf

Gabriel Studerus & Julia Geröcs · du woher, 2019, Installation mit 2-Kanal-Videoprojektion, Ausstellungsansicht ‹nach Zürich›. Foto: Zoe Tempest

Gabriel Studerus & Julia Geröcs · du woher, 2019, Installation mit 2-Kanal-Videoprojektion, Ausstellungsansicht ‹nach Zürich›. Foto: Zoe Tempest

Besprechung

Seit September befindet sich das Helmhaus Zürich mit einer Doppelausstellung ‹Auf der Suche› ‹nach Zürich›. Einem Zürich der Vielfältigkeit und des wenig Sichtbaren, das Teilhabe an, in und mit der Kunst neu definiert. Gerade wurde Teil zwei eröffnet und fragt, wer und vor allem auch was «nach Zürich» kommt.

Helmhaus Zürich — Kunstglück im Kopf

Zürich — Kritik verselbständigt sich mitunter – und bleibt sowieso ein zutiefst subjektiv gefärbtes Unterfangen. Da ist es von Vorteil, wenn Ausstellungen in ­Serie gehen, sich also zweite Chancen ergeben: Um genau(er) hinzusehen, Urteile zu hinterfragen und neue Perspektiven zu entwickeln. So wie in der jüngst eröffneten Schau ‹nach Zürich›. Schon deren erster Teil ‹Auf der Suche nach› hatte sich «archäologischen» Tiefenbohrungen und «genealogischen» Zeitreisen im Kontext eines «anders» gearteten Zürich gewidmet. Einer für ihre finanzstarke Galerienszene und darin florierende «Kunst des grossen Geldes» bekannte Stadt. ‹Auf der Suche› ‹nach Zürich› hinterfragt dieses Klischee und beweist, dass zweite Male oft die besten Male sind: Plötzlich fügt sich alles, findet zusammen, ergibt ein Ganzes. Plötzlich findet man sich vor einem doppelten, grossformatigen Screen wieder und lauscht in der Videoinstallation ‹du woher› den Geschichten der aus Ungarn stammenden und in Zürich lebenden Künstlerin: wie sie auf dem Weg in die alte Heimat Menschen begegnet, für welche die Schweiz ein Sehnsuchtsort ist, die gedenken, hierher zu migrieren und hasserfüllt von nach Ungarn geflohenen Menschen berichten. Julia Geröcs und Gabriel Studerus inszenieren dieses Narrativ eines «transversal» Grenzen überschreitenden Rassismus wenig belehrend, vielmehr mit einem perfekt austarierten Mix aus Tanz, Musik und Performance. Lakonisch, wütend und auch mal von Trauer durchtränkt: über das Elend der Trennung zwischen «mir» und «dir». Oder man lauscht dem Sound Zürichs im Untergrund – im Wasserreservoir Rosen­garten, im Regenüberlaufbecken Werd und im Ypsilon-Autobahntunnel unter dem Zürcher Hauptbahnhof. Dort also, wo man sonst nie hinkommt und das Künstlertrio ‹Still und Dunkel› (Pascal Arnold, Christoph Brünggel, Benny Jaberg) von atemberaubender Schönheit gezeichnete, unter unserem Alltag zu entdeckende Kathedralen der Kunst orchestriert: melodiös rauschender Verkehr und provozierend langsame Kamerafahrten, bei denen man sich unbeschwert durch den leergefegten, schwarz-weiss gefilmten Stadtuntergrund bewegt (‹metabolic›, 2019). Ein Stockwerk tiefer fragt man sich dann, was von Ferdinand Arnolds bunten Flecken an Leinwand auf Wand (‹Ohne Titel›, 2008–2019) zu halten ist, als sich ein älterer Herr zu einem gesellt, sagt «Das isch mis Bild, anderi, wie Sie, möged s’andere. Es het also för jede Mönsch öppis. Du muesch nor dra glaube» und wieder verschwindet. So wie man selbst. Raus aus der Institution. Im Kopf: das rare Gefühl von Kunstglück. 

Until 
26.01.2020
Exhibitions/Newsticker Data Tipoordinamento decrescente Località Paese
nach Zürich da 06.12.2019 a 26.01.2020 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH

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