Julian Charrière — Demaskierendes Naturschauspiel

Julian Charrière · And Beneath It All, Flows Liquid Fire, 2019, Filmloop © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Julian Charrière · And Beneath It All, Flows Liquid Fire, 2019, Filmloop © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Julian Charrière · Towards No Earthly Pole, 2019, Installationsansicht MASI Lugano © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Julian Charrière · Towards No Earthly Pole, 2019, Installationsansicht MASI Lugano © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Besprechung

Der Schauplatz reicht von der Erdoberfläche bis ins ­Erdinnere. In der Hauptrolle: das Eis. Julian Charrière spart nicht an ­dramatischen Kontrasten. Gerade damit nuanciert er das oft eher klischierte Bild von Polarlandschaften. Ein Spektakel mit ungewissem Ausgang.

Julian Charrière — Demaskierendes Naturschauspiel

Lugano — Hier einzutreten, fühlt sich an, wie von der Dunkelheit verschluckt zu werden: schwarze Wände, unter den Füssen knirschende Kiesel und ein schwefelartiger Geruch von Erdölbitumen, das den Boden modelliert. Dann als Auftakt der Videoloop eines Feuers, das in einem Brunnen unweit des Museums lodert. Ein Denkmal für die Destruktion elementarer Ressourcen? Ein Hinweis auf die Finanzgeschäfte ­einer Schweizer Bank in Bezug auf eine trinkwassergefährdende Ölpipeline? Für die als Sponsor auftretende Credit Suisse, bestrebt um ein nachhaltiges Image, geht der Schuss zunächst nach hinten los. Auf dem Weg zum Hauptraum der Ausstellung von Julian Charrière (*1987) gilt es dann, an einer schiessunfähigen Kanone vorbei weder den Kopf anzustossen noch über die Munition – atomverstrahlte Kokosnüsse im Bleimantel – zu stolpern. Wie unter Stroboskoplicht in Slow Motion funkeln bläulich-weisse Texturen aus nächtlicher Umgebung auf. Drohnenaufnahmen der angeleuchteten Arktis und Antarktis, des Aletsch- und des Rhonegletschers zeigen das Eis in ungewohnten Schattierungen. Entlegene Formationen verschmelzen in einem Film in Echtzeit in einer fiktiven Landschaftsszenerie. Die Bilder agieren als Kulisse wie auch als Leitmotiv. Zwischendurch wirken sie anthropomorph, als hätten sie Nasen oder Hautstrukturen. Der Sinn für ihre Grössendimensionen schwindet. Dann liegen sie wie Leichen unter Tüchern, die ihr Wegschmelzen verlangsamen sollen. Zu verstärktem Sound kommt das Eis in tosendes Fliessen, das wie eine selbstbestimmte Fortbewegung anmutet, tatsächlich aber Verschwinden bedeutet. Spätestens hier verbildlicht sich die Krux ­einer sich verändernden Natur, deren Verhalten durch den Mensch beeinflusst wird. Dafür stehen auch die im Raum verteilten durchlöcherten Findlinge. Die aus ihnen herausgebohrten Kerne wurden unter den Steinbrocken als Rollen aneinandergelegt und durch Metallrohre ergänzt. Diese verweisen auf Ressourcen wie Bronze und ­Eisen, die vor Urzeiten den menschlichen Fortschritt beschleunigten. Das Prinzip ist so gewitzt wie unmissverständlich: Je weiter wir die Natur ausbeuten und vorantreiben, desto weniger bleibt von ihrer Substanz. Während sich analog dazu die Erdoberfläche gravierend verändert, verhält sich das Magma im Innern konstant. Darauf verweist offenbar der meditativ brennende Brunnen, den man auf dem Rückweg nochmals passiert. So schärft Julian Charrière nicht nur die Wahrnehmung des Jetzt, sondern inszeniert auch eine Überzeitlichkeit.

Until 
15.03.2020

→ ‹Julian Charrière –Towards No Earthly Pole›, MASI Lugano, bis 15.3. ↗ www.masilugano.ch
→ Aargauer Kunsthaus, Aarau 16.5.–16.8. ↗ www.aargauerkunsthaus.ch

Institutionenordinamento decrescente Paese Località
Aargauer Kunsthaus Svizzera Aarau
MASI Svizzera Lugano
Exhibitions/Newsticker Dataordinamento crescente Tipo Località Paese
Julian Charrière da 16.05.2020 a 16.08.2020 Ausstellung Aarau
Schweiz
CH
Julian Charrière da 21.10.2019 a 15.03.2020 Ausstellung Lugano
Schweiz
CH

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