Mahtola Wittmer — Beziehungsgeflecht

Mahtola Wittmer · Fragment III, 2021, Video, Kamera: Moritz Hossli, Mitperformerin: Lotta Gadola

Mahtola Wittmer · Fragment III, 2021, Video, Kamera: Moritz Hossli, Mitperformerin: Lotta Gadola

Mahtola Wittmer · Solo, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern, 2021. Foto: Franca Pedrazzetti

Mahtola Wittmer · Solo, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern, 2021. Foto: Franca Pedrazzetti

Besprechung

Wie schön, kompliziert oder unangenehm zwischenmenschliche Beziehungen sein können, vergegenwärtigt die Ausstellung ‹Solo› von Mahtola Wittmer im Kunstmuseum Luzern. Ihre installativen und performativen Arbeiten nehmen unsere Sinne ein, lassen uns eintauchen und verweilen.

Mahtola Wittmer — Beziehungsgeflecht

Luzern — Ein Tisch mit acht Stühlen, deren Beine zu einem Knäuel verwachsen sind. Unweigerlich lässt die Installation ‹Gathering› an ein Essen mit Bekannten denken, an eine berufliche Besprechung im Büro. An Interaktionen, in denen wir uns mal wohl, mal unwohl fühlen; von denen wir uns wünschten, sie wären schon vorüber oder würden niemals enden. In jedem dieser Szenarien geben wir etwas von uns selbst ein. Wir versuchen zu interagieren, das Gegenüber zu verstehen. War die Aussage wirklich so gemeint? Oder ist sie Projektionsfläche unserer Ängste und Hoffnungen?
Wie vielschichtig zwischenmenschliche Beziehungen sind, thematisiert Mahtola Wittmer in ihrer Schau ‹Solo›, die auf den gleichnamigen Ausstellungspreis der Kunstgesellschaft Luzern zurückgeht. Dies wird nicht nur bei ‹Gathering› deutlich, sondern auch in Wittmers Performances, die auf verschiedenen Bildschirmen zu sehen sind. In den durchnummerierten ‹Fragmenten›, die sie gemeinsam mit Lotta Gadola (Performance) und Moritz Hossli (Film und Schnitt) im Kunstmuseum aufgenommen hat, interagiert sie mit dem Ort, lässt die neutralen weissen Wände und die dunkelgrauen Böden zur Kulisse verschiedener Assoziationen werden. Da stehen sich etwa Gadola und Wittmer gegenüber, ein gebogener Meterstab zwischen ihre Stirnen geklemmt. Die Performerinnen nähern sich langsam einander an. Wie weit geht es noch? Vielleicht noch ein Stück? Bis der Stab in die Höhe spickt. Während einer anderen Performance spritzen sie sich gegenseitig Wasser ins Gesicht; das Szenario wirkt vertraut und humorvoll, gleichzeitig ernst und verletzlich. Wann ist der Kipppunkt erreicht, an dem sich Emotionen in die eine oder andere Richtung verkehren?
Diese reduzierten und ruhigen Bilder offenbaren sich simultan, wobei auch die Geräuschkulissen der einzelnen Aufnahmen miteinander verschmelzen: Das Knabbern an einem Maiskolben wird durch das Prasseln kleiner Kieselsteine überlagert, die in das Polster einer Jacke gefüllt und dort sorgfältig eingenäht werden.
Die Performances, die auch live während der Schau stattfinden, spiegeln Wittmers Auseinandersetzung mit ihrem persönlichen Umfeld. Und hier sind auch Objekte von zentraler Bedeutung. Tisch und Stühle werden als Marker sozialer Handlungen sichtbar, die so tief in unseren Alltag eingebettet sind, dass wir auf uns selbst zurückgeworfen werden. Und begeben wir uns gedanklich an diesen Tisch, spüren wir den Knäuel unter unseren Füssen, die unsichtbaren und doch realen Verbindungen zum Gegenüber, die jedes Individuum zu einem Kollektiv werden lassen. 

Until 
13.02.2022
Exhibitions/Newsticker Data Tipo Località Paese
Solo — Mahtola Wittmer da 04.12.2021 a 13.02.2022 Ausstellung Luzern
Schweiz
CH

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