Talaya Schmid — Perspektivwechsel

Talaya Schmid · Radical Soft, 2021, Ausstellungsansichten König Büro. Fotos: Michel Gilgen

Talaya Schmid · Radical Soft, 2021, Ausstellungsansichten König Büro. Fotos: Michel Gilgen

Talaya Schmid · Radical Soft, 2021, Ausstellungsansichten König Büro. Fotos: Michel Gilgen

Talaya Schmid · Radical Soft, 2021, Ausstellungsansichten König Büro. Fotos: Michel Gilgen

Besprechung

Heilige oder Hure. Weibliche Sexualität wird mystifiziert oder stigmatisiert, kann noch immer nicht selbstbestimmt gelebt werden. In der Ausstellung ‹Radical Soft› im König Büro deutet Talaya Schmid Worte und Räume neu und bricht mit patriarchalen Denkmustern.

Talaya Schmid — Perspektivwechsel

Zürich — Bunte, getuftete Objekte nehmen die Räume im König Büro ein. Sie hängen an den Wänden, sind im Schaufenster ausgestellt, auf Tischen ausgelegt. Eines sticht beim Betreten der Galerie direkt ins Auge, befindet sich frontal vor uns, aus weicher Wolle, umfasst runde, geschmeidige Formen, verschiedene Vulven und ­Worte, darunter: Cunt. Talaya Schmid appropriiert jenes Schimpfwort, welches die weiblichen Geschlechtsmerkmale stigmatisiert. Ein Akt des Widerstands gegen jene patriarchale Ordnung, die das Wort zum frauenfeindlichen Ausdruck verkommen liess.
Diese Geste wirft die Frage auf, welche Bilder weiblicher Sexualität unser Denken prägen. Es sind weit verbreitete Bilder, nicht nur in Porno-, sondern auch in Hollywoodfilmen. Dort werden Ideale von Schönheit vorgelebt, der romantischen Zweierbeziehung, aber auch Mythen wie das Jungfernhäutchen aufrechterhalten, die den weiblichen Körper zum zerbrechlichem Objekt machen, der nur wohlbedacht und möglichst selten hergegeben werden sollte – und wenn, dann in die Hände des heterosexuellen Mannes. Bei vielen dieser popkulturellen Narrative nimmt die Frau eine passive Rolle ein. Die Videoarbeit ‹Circluding Cunt› zeigt eine Alternative: Verschiedene Gegenstände werden in Vaginen eingeführt, wobei die Stimme aus dem Off nicht von Penetration, sondern von Circlusion spricht, vom Akt des Umschliessens.
 Die getufteten Objekte, die Talaya Schmid auch «Soft Sculptures» nennt, erweisen sich als zentrales Element, da diese jeweils als Requisiten für Videos und Performances dienen. So etwa die Serie ‹United Nippe Altar›, die 2020 für die Performance ‹Guided Group Mstrbtn› im Helmhaus Zürich verwendet wurde. Die Besuchenden wurden mit verbundenen Augen in den Raum geführt und dazu eigeladen, den eigenen Körper zu berühren. Masturbation wurde nicht als Akt der Selbstbefriedigung thematisiert, um zum hochstilisierten Orgasmus zu gelangen, sondern als Möglichkeit, sich selbst kennenzulernen. Dass Talaya Schmid mit textilen Medien arbeitet, gleicht einem aktivistischen Entscheid: Denn die angewandte und in diesem Fall weiblich konnotierte Kunst wurde lange abgewertet und nicht in Museen ausgestellt, die dem «hohen» und mehrheitlich männlichen Kanon vorbehalten waren. Dass ‹Circluding Cunt› in einem der grössten Museen in Zürich gedreht wurde, ist paradigmatisch. Die Ausstellung ‹Radical Soft› gleicht einem Aufruf: mit patriarchalen Denkmustern zu brechen, Worte und Räume neu zu besetzen und einen zarteren und solidarischeren Umgang miteinander und mit sich selbst zu finden.

Until 
12.02.2022
Exhibitions/Newsticker Data Tipo Località Paese
Talaya Schmid — Radical Soft da 27.11.2021 a 12.02.2022 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH

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