XXL — Le dessin en grand

Françoise Petrovich, Luc Oberson · Aus­stellungsansicht Musée Jenisch Vevey, 2021. Foto: Julien Gremaud

Françoise Petrovich, Luc Oberson · Aus­stellungsansicht Musée Jenisch Vevey, 2021. Foto: Julien Gremaud

Anaïs Lelièvre, Jérôme Zonder · Ausstellungs­ansicht Musée Jenisch Vevey, 2021. Foto: Julien Gremaud

Anaïs Lelièvre, Jérôme Zonder · Ausstellungs­ansicht Musée Jenisch Vevey, 2021. Foto: Julien Gremaud

Hinweis

XXL — Le dessin en grand

Vevey — Das Musée Jenisch gleicht zurzeit einem Höhlensystem. Boden und Wände sind von den Ausstellungsflügeln her über das Treppenhaus bis in den ersten Stock mit Riesenzeichnungen von den 1980er-Jahren bis zur jüngsten Vergangenheit besetzt. Die Schau rollt die Geschichte der aus der Intimität ausbrechenden Zeichnung zur Zeit des amerikanischen Minimalismus als räumliche Eroberung auf. Dominique Radrizzani und Julie Enckell Julliard fokussierten die Sammlung des Musée Jenisch auf Arbeiten auf Papier. Die nun im Hinblick auf die aktuelle Ausstellung abgeklopften eigenen Bestände gaben der heutigen Direktorin Nathalie Chaix und ihrer Konservatorin Pamella Guerdat eine andere, zweifellos ebenso relevante Narration vor. So lässt das Kuratorenduo die Schau mit abstrakten Gesten in Kohle auf papierbeklebter Leinwand von Pierre Alechinsky (*1927) beginnen. Durch einen vom informellen Künstler als «Predella» bezeichneten Unterteil werden diese als Opferritual ausgegeben, wie dies wohl bei den ältesten erhaltenen Höhlenmalereien der Fall gewesen war.
Über 30 jüngere Positionen, die – abgesehen von huber.huber aus Zürich – der frankophonen Szene entstammen, erzählen in der Folge vom ganzen Spektrum von Repräsentationssystemen, vom Fotorealismus bis zu kryptischen Codes. Viele der Künstlerinnen und Künstler eigneten sich dazu wieder traditionelle Techniken an. Durch Formate weit jenseits des Armradius verwandelten sie diese zudem in weitausgreifende Performances. Die teils bereits wieder verwischten, verblassten Graffitis auf den Wänden eines verlassenen Palasts in Brüssel von Sandrine Pelletier in warmem Rötel oder die Gesichtszüge der charismatischen Schriftstellerin Tony Morrison von Luc Oberson in harter Steinkreide sind schlicht magistral. Anaïs Lelièvre experimentierte hingegen mit der digitalen Aufsplitterung und Anhäufung einer Telefonzeichnung mit Lettern und Zahlen oder Delphine Gigoux-Martin mit der Animation und Projektion von Tierfiguren. Der Nachhall der Werke verführte mich dazu, mich an einem kühlen, feuchten Tag nach der Pressekonferenz gleich ein weiteres Mal von diesen einnehmen zu lassen. Der pandemiebedingt erst später eingetroffene Katalog mit Werkausschnitten in Originalgrösse und Interviews mit allen Kunstschaffenden ermöglicht jetzt auch eine ungewöhnlich sinnliche, spannende Erfahrung der Schau zu Hause. Hut ab vor allen Beteiligten! 

Until 
27.02.2022

Werbung