Editorial — Tief im Rot des Grauens

Marc Bauer · Trauma I, 2020 (Detail), Öl auf Leinwand, 70 x 50 cm, Courtesy Galerie Peter Kilchmann

Marc Bauer · Trauma I, 2020 (Detail), Öl auf Leinwand, 70 x 50 cm, Courtesy Galerie Peter Kilchmann

Editorial

Editorial — Tief im Rot des Grauens

Dieses Rot ist kein festliches, fröhliches Rot, nein, eher das einer fiebrigen Entzündung. Marc Bauer malte damit das Porträt eines jungen Mannes, der uns mit fragendem Blick entgegenschaut. Das Gemälde ist Teil einer Wandinstallation, die zurzeit in der Galerie Peter Kilchmann in Zürich zu sehen ist. Das Bild hängt vor einer apokalyptischen Landschaft, in der sich zahlreiche Skelette tummeln. Zwei ziehen an einem Glockenstrang, zwei andere hieven einen Sarg in ein frisch ausgehobenes Grab, eine Dreiergruppe feuert bewaffnete Reiter an. Der Tod ist omnipräsent: Boote kentern, eine Frau wird ins Wasser gestossen, Menschen werden gejagt und ermordet. Und wie das einzelne Gesicht glüht auch die ganze Wand in einem alarmierenden Rot.
Das Porträt mit dem Titel ‹Trauma I› trägt die Züge des Künstlers. Es ist detaillierter gemalt als die skizzenhaften Szenen in der scheinbar fernen Landschaft dahinter. Dennoch kann sich der Protagonist dem Geschehen in seinem Rücken nicht entziehen. Es klingt durch seine Person hindurch. Der gläserne Blick, die endlos lange Nase verheissen eine Mischung von Erstarrung und hypertropher Selbstwahrnehmung. Während die Mächtigen der Welt sich die Verantwortung mit Fake News vom Leibe halten, wächst dem Porträtierten die Nase in kräftigem Bogen über den Bildrand hinaus. Was lässt sich als Künstler anderes tun, als den Geschundenen und dem eigenen Empfinden mit scharfem Blick und Stift auf einer bildlichen Ebene Kontur zu verleihen? Für seine differenzierten, zeitkritischen und selbstreflexiven Werke hat Marc Bauer jetzt den Prix Meret Oppenheim erhalten. Die Publikation zu den diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträgern wird dem Kunstbulletin im November beiliegen.

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