Das Grosse Rätsel – Dialektik am Brotstand

Taos Pueblo, New Mexico (USA), 17.8.2010. Foto: SH

Taos Pueblo, New Mexico (USA), 17.8.2010. Foto: SH

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Das Grosse Rätsel – Dialektik am Brotstand

Sie schüttelt stumm den Kopf, schiebt das Brett vor der Öffnung ihres Erdofens weg, greift mit einem Haken hinein und zieht einen Brotfladen aus der Hitze. Keine ­Falte verzieht sich in ihrem braunen Gesicht, keine Runzel ruckelt auf ihrer Stirn, kein Knitter zittert am Rande ihrer kleinen, im hellen Mittagslicht zu feinen Schlitzen zusammengezogenen Augen. Hat sie mich überhaupt verstanden? Vielleicht spricht sie nur Spanisch oder nur Tiwa, das Idiom der Taos-Indianer, die seit dreihundert Jahren in diesem Pueblo wohnen.
Ich deute also erneut auf die Wolken, die wie Plüschtiere über den Adobehäusern in einem schlierenlos napoleonblauen Himmel hängen. «Die Wolken über Ihrem Dorf sind berühmt, sie wurden sogar schon gemalt, von    … »
«Sehen Sie doch genauer hin», sagt sie jetzt in klarstem Englisch und schenkt mir endlich doch ein warmes, weises Altweiberlächeln: «Sie bemerken nur das Loch, nicht das, was es ausmacht. Es sind nicht die Wolken, die über uns schweben. Wir sind es, die unter den Wolken leben. Die Wolken waren schon da, als es uns noch nicht gab. Und sie werden noch da sein, wenn wir nicht mehr sind.» Ihr Kinn deutet hin­über zum Friedhof, wo ein schütterer Glockenturm über lottrige Holzkreuze wacht. Mit einem Pinsel streicht sie etwas Öl auf den Fladen, schiebt ihn auf einen Pappteller und streckt ihn mir hin: «Enjoy!» Ich schaue runter auf mein Brot: Er ist oval und in seiner Mitte klafft ein Loch. Ich hebe den Kopf, doch die Bäckerin ist bereits mit dem nächsten Kunden beschäftigt. 

Samuel Herzog, Textbauer, Inselbauer, Schüttsteinschaffer. info@samuelherzog.net

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Author(s)
Samuel Herzog

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