Der Wolf im Visier der Kunst — Geschichte mit Widersprüchen

Rochus Lussi · Wolfsrudel, 2016–2021 (im Vordergrund); Michael Günzburger, Der Wolf, 2014 (im ­Hintergrund), Ausstellungsansicht Casa d’Angel, Lumbrein. Foto: Ida Sgier

Rochus Lussi · Wolfsrudel, 2016–2021 (im Vordergrund); Michael Günzburger, Der Wolf, 2014 (im ­Hintergrund), Ausstellungsansicht Casa d’Angel, Lumbrein. Foto: Ida Sgier

Manuel Caminada · Objekt für die Filmprojektion ‹il luf›,2021, La sala, Casa d’Angel, Lumbrein. Foto: Ida Sgier

Manuel Caminada · Objekt für die Filmprojektion ‹il luf›,2021, La sala, Casa d’Angel, Lumbrein. Foto: Ida Sgier

Besprechung

In den Alpen, vielleicht in der ganzen Schweiz, gibt es kaum ein so kontrovers diskutiertes Tier wie den Wolf. Den Macherinnen der Schau ‹Der Wolf im Visier der Kunst› gelingt dazu in der Casa d’Angel in Lumbrein, in direkter Nachbarschaft der Tiere, eine so kluge wie ausgewogene Präsentation.

Der Wolf im Visier der Kunst — Geschichte mit Widersprüchen

Lumbrein — Für den Städter, der über ‹Il luf el visier digl art› schreibt, war der Wolf bis zur Anreise noch ein Einzelgänger, der durch ferne Wälder streift. Er wird von Anne-Louise Joël, Leiterin des Kulturhauses Casa d’Angel im Val Lumnezia, eines Besseren belehrt. Sie deutet auf mehrere umliegende Wälder, wo die Rudel zu finden seien. Gleich im Erdgeschoss ist denn auch das eindrückliche Rudel des Holzbildhauers Rochus Lussi (*1965, Stans) anzutreffen. Nur durch eine dünne Kordel vom Besucher getrennt, steht es sinnbildlich für die aktuelle Situation und ihre Probleme: Gerissene Schafe oder für Touristen gefährliche Herdenschutzhunde sind nur zwei Beispiele … Zugleich zeigt Lussi den Wolf sehr differenziert, von verspielt bis angriffig. Die Gastkuratorin Gabriele Lutz weist darauf hin, dass wir uns im Sozialverhalten des Wolfs verschiedentlich wiedererkennen – das belegt auch seine Zugehörigkeit zu unserer jahrtausendealten Kulturgeschichte, die in einer Bildpräsentation im Hauptraum angedeutet wird: Bei indigenen Kulturen ist der Wolf ein geschätztes Totemtier und in Europa findet sich mit Romulus und Remus und der Wölfin ebenfalls ein positiver Ursprungsmythos. Dennoch dominierte bei uns eine Haltung, wie sie der Naturforscher Conrad Gessner 1563 formulierte: «Der Wolff ist ein rauberisches, schädliches und frässiges Thier …», das man noch nicht einmal essen könne! Auch Abbildungen von Tobias Stimmer und Christoph Murer aus dem Buch ‹Von der Wolfjagt›, 1579, zeugen im Ausstellungskapitel ‹Historische Darstellungen› von dieser Sichtweise.
So gefürchtet er war, so begehrt war sein Balg und so gross die vom Wolf ausgehende Faszination, dass man ihm unglaubliche Kräfte zuschrieb. Grafisch überwältigend ist in der Schau der von Michael Günzburger (*1974, Bern) lebensgross lithografierte Abdruck eines Tiers, das 2014 geschossen wurde. Das Blatt fungiert als Gegenstück zum ‹Wolfsbalg› von Barbara Jäggi (*1956, Madiswil), die den Pelz abstrahiert und aus Stahlplättchen zusammengesetzt hat. Die Faszination klingt im Kapitel ‹Mythos und Märchen› etwa in den rätselhaften Blättern von Laine & Heiskanen (*1972 bzw. *1937) aus Finnland an, wo es in einem dunklen Waldszenario zur unheimlichen Begegnung zwischen einer Menschen- und einer Wolfsfigur kommt.
Insgesamt bietet die Schau mit ausgesuchten Kunstwerken auf kleinem Raum ­einen dichten Eindruck zur Kulturgeschichte des Wolfs und illustriert dabei die Aktualität dieses umstrittenen Themas, ohne Partei zu ergreifen. 

Until 
19.03.2022

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