Als wir verschwanden — Kontemplation mitten im Sturm

Superflex · Kwassa Kwassa, 2015 © ProLitteris

Superflex · Kwassa Kwassa, 2015 © ProLitteris

Julian Rosefeldt · In the Land of Drought, 2015/2017 © ProLitteris, Zürich

Julian Rosefeldt · In the Land of Drought, 2015/2017 © ProLitteris, Zürich

Besprechung

Die Medienmitteilung des Bündner Kunstmuseums Chur schlägt harsche Töne an: «Zukünftige Generationen werden uns nicht verzeihen.» Vier – in monatlicher Folge – hierzulande erstmals gezeigte Videos von Julian Rosefeldt, ­Superflex, Yuri Ancarani und Julius von Bismarck sollen ihre Perspektive aufzeigen.

Als wir verschwanden — Kontemplation mitten im Sturm

Chur — Fern erscheint diese Zukunft nicht, wenn im Video von Julian Rosefeldt (*1965, München), ‹In the Land of Drought›, 2015/2017, Gestalten in weissen Schutzanzügen und Mundschutzmasken Wüstenlandschaften, Ruinen oder ein Industriegebiet erkunden. Unter den klischeehaften Ruinen wie aus früheren Zivilisationen blitzen merkwürdigerweise Eisenstangen hervor. Tatsächlich gehört das Gelände, auf dem sie stehen, zu den Atlas Filmstudios in Marokko, wie das Kleingedruckte verrät. Diese Unsicherheit über das Gesehene relativiert den «göttlichen» Überblick, den die Vogelperspektive des gänzlich mit Drohnen gefilmten Videos verspricht. Die Sicht von oben auf die Erde sticht auch in anderen Videos auf dem Programm fast schon penetrant ins Auge. Natürlich, es handelt sich um modernste Technologie, und diese ermöglicht eine distanzierte Sicht auf die Auswirkungen menschlichen Handelns in der Welt, wofür die Ausstellung ein ethisches Verantwortungsgefühl anstossen möchte. Dabei ist der Grat zu einer unkritischen Ästhetisierung «der Natur» schmal. Dieses Konstrukt zu vermeiden und es stattdessen zu hinterfragen, wird veranlasst durch Skurrilitäten wie die erwähnte Ruinenkulisse, Strategien der Repetition in den  – ­allesamt lange dauernden – Videos, oder durch extreme Verlangsamungen wie im Fall von Julius von Bismarcks (*1983, Breisach am Rhein) Aufnahmen des Hurricans ‹Irma to come in Ernest› von 2017, die im November zu sehen sein werden.
Wie variabel Landschaften interpretiert werden können, zeigt sich auch in ‹­Kwassa Kwassa›, 2015, von Superflex: Die den Film einleitenden Meereswogen erhalten im Wissen über das Ertrinken von Flüchtenden im Mittelmeer beunruhigende Konnotationen. Die Szenerie enthüllt sich als Indischer Ozean. Doch mit dem dort gelegenen äussersten französischen Departement Mayotte wäre Europa allemal das Ziel des Bootes, dessen Konstruktion wir beobachten. Parallel dazu führt eine Erzählung des europäischen Entstehungsmythos, demzufolge Zeus Europa – eine libanesische Frau – entführt habe, die Absurdität kontinental oder national begründeter Identitäten und Machtansprüche vor. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit und den (brutalen) Auswirkungen von menschlichem Tun und menschgemachten Ordnungen drängt sich in Yuri Ancaranis (*1972, Ravenna) ‹The Roots of Violence – San Giorgio›, 2019/2020, ebenfalls auf: Noch bis Anfang November bietet er Einblick in die unscheinbaren Orte zur Aktenvernichtung von Finanzinstitutionen.

Until 
22.11.2020

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