Lyon-Biennale — Seichte Stellen im Waschwasser

Philippe Quesne · Crash Park, la vie d’une île, 2018, Courtesy der Künstler und Nanterre-Amandiers, Centre dramatique national. Foto: Blaise Adilon

Philippe Quesne · Crash Park, la vie d’une île, 2018, Courtesy der Künstler und Nanterre-Amandiers, Centre dramatique national. Foto: Blaise Adilon

Mire Lee · Saboteurs (Detail), 2019. Foto: Blaise Adilon

Mire Lee · Saboteurs (Detail), 2019. Foto: Blaise Adilon

Besprechung

Mit viel Gespür für Drama richtet das Team des Pariser Palais de Tokyo die 15. Kunst-Biennale in Lyon auf eine finstere Zukunft der Menschheit aus. Auf 29’000 Quadratmetern der erst vor kurzem geräumten Fagor-Fabrik blendet der ambitionierte Blick aufs Ganze schmerzhaft Einzelschicksale aus.

Lyon-Biennale — Seichte Stellen im Waschwasser

Lyon — Sie formt den Mund zu einem kleinen O, schürzt die Wangen, erzeugt ein rauschend-schlürfendes Geräusch. Dann klickt sie schnalzend, es folgt ein gutturales ‹Rrrooonnrrronnnrronn›. Surrealistische Soundspiele, neue ernste Musik, in der soziale Missklänge mitschwingen: Irène Mélix intoniert den von Rosa Klee komponierten ‹Gesang einer Waschmaschine›. ‹Aria fermata› sei, so die 31-jährige Stuttgarterin, «Wutschrei gegen den Kapitalfluss, der die Hallen geleert, über 1800 Arbeiter anstellungslos gemacht hat». Zu sehen ist ihr kleines Video im ‹Bureau des pleurs›. François Piron, Professor an der örtlichen Kunsthochschule, hat es mit einer Gruppe junger Kunstschaffender eingerichtet. Sand auf dem Boden der ehemaligen Büroräume schafft unsicheren Grund. Auf dem lassen Klagen von Mitmenschen, von Carla Adra auf der Strasse gesammelt und dann vor der Kamera nachgesprochen, eintauchen in die soziale Realität, in die sich diese Biennale betten will. Nicht aus finanziellem Kalkül – das Budget ist höher als 2017 und die Fagor-­Hallen gab es kostenlos – habe man auf den Einbau weisser Wände, die Umwandlung der Hallen zum Ausstellungsraum verzichtet, erklärt Co-Kuratorin Daria de Beauvais, sondern aus Rücksicht auf die Arbeiter, die teils noch im Viertel wohnen. «Die Entlassenen haben andere Sorgen, als sich diesen Kunst-Funpark anzuschauen!», schnaubt François Piron. Dessen Einsatz verhallt ungehört im Kunst-Grossraum, der sonst an keiner Stelle auf die Geschichte des Ortes verweist: Noch vor weniger als zwei Jahren stellte Fagor Brandt, mit 14,2% Marktanteil führend in Frankreich, hier in Lyon die letzten Waschmaschinen her. 1956 gegründet, wurde die Marke Fagor 1959 als Genossenschaft ein Vorzeigeunternehmen des spanischen Aufschwungs. 2013 beschäftigte die weltweit agierende Gruppe 5700 Mitarbeiter in sieben Sparten, war international Marktführer für Toplader-Waschmaschinen. Dann stiess der baskische Mutterkonzern das Unternehmen ab, weil es den Marktbedürfnissen nicht mehr entspreche. Dass die Insolvenz am 17. Oktober 2013 angemeldet wurde, genau sechs Jahre und einen Monat vor der Vernissage der 15. Lyon-Biennale, hätte den Kuratoren Steilvorlage sein müssen. Doch Isabelle Bertolotti, neue Direktorin des Museums für zeitgenössische Kunst MAC und Biennale-Leiterin, schlägt mit ihrem Mann fürs Zeitgenössische, Matthieu Lelièvre, ehemaliger Mitarbeiter von Thaddaeus Ropac, und den Mitarbeitenden des Palais de Tokyo Adélaïde Blanc, Daria de Beauvais, Yoann Gourmel, Vittoria Matarrese, Claire Moulène und Hugo Vitrani andere Töne an. In vier Hallen verweisen nur 55 internationale Positionen (2017 waren es 90) auf Klimawandel, künstlerische Visionen posthumanen Seins und Werdens. Ein bekanntes Muster: Unüberschaubare Globalthemen lenken von real existierenden Sozialkatastrophen ab. «Artwashing» in den Fagor-Hallen, die nun ein sozial schwaches Viertel gentrifizieren. Die zynische Taktik korreliert mit den Sponsoren, die 56% des Budgets stellen: Firmen wie der Ölgigant Total, der umstrittene Immobilienvermarkter République Grolée-Carnot oder das LKW-Transportunternehmen Dupessey & Co.
Statt mit deren Beitrag zum Werden der Welt darf sich der Besucher der Fagor-Hallen zuerst mit Elogen des Star-Philosophen Yves Citton über Ökologie der Aufmerksamkeit oder Zukunft des Menschseins befassen. Zusammengestellt vom Künstlerkollektiv ‹Le peuple qui manque›, fordern die nicht untertitelten Videos ein gerüttelt Mass an Französischkenntnissen. Dahinter öffnet sich die gigantische Halle, evoziert Jean-Marie Appriou mit einem grossen Dornengestrüpp aus Aluminium Dornröschenschlaf und Disney-Feeling. Eine «Landschaft als Milieu» sollte entstehen, tatsächlich beackert jeder sein Terrain: Stéphane Thidet liess einen Motorradfahrer einen Kreis auf einem mit Kalk bestäubten Erdhaufen zeichnen, Nico Vascellari stellte Skulpturen von auf Motorblöcken liegenden Tieren in die Halle, die tautologisch aufgreifen, was sein Video ‹Horse Power› mit kämpfenden Autos viel eindringlicher vermittelt. Am besten gelingt dem südkoreanischen Künstler Mire Lee ein ästhetischer Bogen zum Ort. ‹Saboteurs› sind Stahlseile, Ketten, Maschinenteile, die sich zuckend durch zäh-milchige Flüssigkeit winden – gruseliger Todeskampf der Fabrik oder fetischisierender Nutzen ihrer Ruine. Viele Arbeiten leiden unter dem Raum. ‹Evian Waters›, ein von Pamela Rosenkranz ausgebreiteter kreisrunder Teppich aus Schminkpuder, verliert jegliche auratische Qualität, mit der die Vorreiterin neuer Dinglichkeit im White Cube so sehr überzeugt. ‹Supportive›, ein legendäres Pionierwerk in Sachen Selbstkreation und Ökologie der Kunst, vom 2017 verstorbenen Gustav Metzger 1966 begonnen, versackt im visuellen Fabriklärm. Natürlich gibt es Gelungenes: Renée Levi hat im MAC eine ganze Etage meisterhaft bespielt, sich mit der 31 Jahre jüngeren kubanischen Künstlerin Jenny Feal bestens in Dialog gesetzt. Mark Geffriaud vermittelt im Druckgrafik-Kunstzentrum URDLA, Künstlerverein seit 1978 in einer ehemaligen Tüllfabrik in der Vorstadt Villeurbanne, hervorragend die Geschichte der Arbeiterkämpfe in Lyon. Nebenan versammelt das I.A.C. traditionsgemäss zur Biennale die sehr junge Generation von Kunstschaffenden. Dank weisser Wände gelingt hier eindringlicher der künstlerische Blick der Heutigen auf morgen. Namentlich der 1988 geborene Brasilianer Randolpho Lamonier verschmilzt eindrücklich in einer lärmend-hybriden Installation vergangene und kommende Kämpfe zum Aufstand der Bilder. Trotz Neuanfang und Ambition – die diesjährige Lyon-Biennale lässt stärker als je zweifeln, ob Kunst solche Veranstaltungen noch braucht. Wenn Kunstschaffende, Kuratorinnen und Kuratoren diese bloss noch nutzen, um den Blick mit Kunst zu blenden, vom Einsatz fürs Wesentliche abzuhalten, sollte man sich anderen Formaten zuwenden. 

Until 
05.01.2020

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