Camille Pissarro — Keiner wie er

Camille Pissarro · Côte des Bœufs, Pontoise, 1877, Öl auf Leinwand, 114,9 x 87,6 cm, Courtesy The National Gallery, London

Camille Pissarro · Côte des Bœufs, Pontoise, 1877, Öl auf Leinwand, 114,9 x 87,6 cm, Courtesy The National Gallery, London

Besprechung

Pissarro im Kontext seiner Zeit: ein Riesenprojekt, verwirklicht vom Kunstmuseum Basel in neun Kapiteln, die einem die Augen öffnen für die Grösse dieser prägenden Figur des Impressionismus. Nach dieser Schau hat man einen neuen Freund gewonnen und ist eingetaucht in die «Geburtsstunde der Moderne».

Camille Pissarro — Keiner wie er

Basel — Es passiert immer wieder und hat wohl auch mit dem Älterwerden zu tun, dass man buchstäblich getroffen und regelrecht verstrickt wird in ein grosses Ganzes. Auslöser diesmal: Pissarro (1830–1903), seine Zeit und seine Zeitgenossen. Zu erfahren in ‹Camille Pissarro – Das Atelier der Moderne›, einer umfassenden, klugen und überaus schönen Schau, erfüllt von Kunst und Leben. Die also vergegenwärtigt, was Pissarro zu einem grossen Teil ausmacht: realer Boden, Sozialutopie, ganz viel innere Notwendigkeit; statt Effekt Harmonie und Balance. Nicht zu vergessen seine Leidenschaft, seine Experimentierfreude und konsequente Weiterentwicklung und sein Diktum «On n’existe que dans le travail». Pissarro, der Kosmopolit mit bewegter Biografie – für den jüngeren Cézanne, mit dem er so intensiv zusammenarbeitete wie mit keinem sonst, war er «der erste Impressionist» und «so etwas wie der liebe Gott». Als ein Künstler mit Haltung, begabt für Freundschaft und hierarchiefreien, dem künstlerischen Fortschritt dienenden Austausch, als ein von tiefem Humanismus geprägter Anarchist tritt er einem in Basel entgegen; zu loyal, um zu ästhetisieren, insgesamt wunderbar geerdet. Oft in wörtlichem Sinn, wie es gerade in Pissarros Werken der 1870er-Jahre mit Strassen, Landstrassen und Feldwegen zum Ausdruck kommt und im profunden Verständnis von Oberfläche, das bei ihm in die Tiefe reicht – ‹Junimorgen bei Pontoise›, ‹Raureif›, ‹Schneelandschaft in Louveciennes›, zauberhaft.
Der ausgezeichnete Katalog trägt viel zur Klärung der eigenen Empfindungen vor den Bildern bei. «Die Welt kommt uns bei Pissarro entgegen, sie ist ein Ort, den wir betreten können. Jeder Zentimeter ist von Schwerkraft durchdrungen.» So Timothy J. Clark, der einen bestärkt, «Pissarros Unvollkommenheiten» als etwas Positives zu sehen. Die Ausstellung gibt dazu viel Anlass, besonders anhand der zu vergleichendem Schauen auffordernden Konfrontation mit Gemälden von Cézanne, Monet oder Gauguin, die «moderner» oder spektakulärer wirken mögen. Pissarro schuf Bilder des Landlebens, das er selber lebte. Bilder von Lebensraum, in dem nach und nach die Menschen grösser werden, die Bauernmädchen, die Ährenleserinnen oder – auch sie von seltsamer Anmut – die Metzgerin auf dem Markt. Werke voller Licht und Atmosphäre, wie auch die Fensterblicke der späten Jahre: lauter Landschaften, die, so sagt es Josef Helfenstein, der die Schau zusammen mit Christophe Duvivier kuratiert hat, «eine komplexe humanistisch gefärbte Dimension besitzen».

Until 
23.01.2022

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