Earth Beats — Ein multiperspektivischer Blick auf die Natur

Francesca Gabbiani · Mutation V (c), 2020, Tinte, Gouache und farbiges Papier auf Papier, 31,7 x 38,1 cm, Kunsthaus Zürich, Geschenk der Künstlerin, 2021

Francesca Gabbiani · Mutation V (c), 2020, Tinte, Gouache und farbiges Papier auf Papier, 31,7 x 38,1 cm, Kunsthaus Zürich, Geschenk der Künstlerin, 2021

Laurence Bonvin · Aletsch Negative, 2019, HD-Video, Farbe, Ton, 4:3, Dauer 11’ 30’’

Laurence Bonvin · Aletsch Negative, 2019, HD-Video, Farbe, Ton, 4:3, Dauer 11’ 30’’

Earth Beats – Naturbild im Wandel, Ausstellungsansichten Kunsthaus Zürich, 2021. Fotos: Franca Candrian

Earth Beats – Naturbild im Wandel, Ausstellungsansichten Kunsthaus Zürich, 2021. Fotos: Franca Candrian

Earth Beats – Naturbild im Wandel, Ausstellungsansichten Kunsthaus Zürich, 2021. Fotos: Franca Candrian

Earth Beats – Naturbild im Wandel, Ausstellungsansichten Kunsthaus Zürich, 2021. Fotos: Franca Candrian

Besprechung

Die Ausstellung ‹Earth Beats – Naturbild im Wandel› im Kunsthaus Zürich stellt sich den grossen Fragen der Gegenwart auf kleinem Raum mit den Mitteln der Kunstgeschichte. In dichten Konstellationen treffen Werke aus ganz unterschiedlichen Epochen und Kulturen aufeinander. Kann das funktionieren?

Earth Beats — Ein multiperspektivischer Blick auf die Natur

Zürich — Zu dicht, zu klein, zu gedrängt sei jene Ausstellung, die den Neubau des Kunsthauses aus den Debatten zur Vergangenheit in die Gegenwart holen soll. ‹Earth Beats› findet tatsächlich auf kleinem Raum statt. Die kuratorische Entscheidung von Cathérine Hug und Sandra Gianfreda, auf Komplexität und Verschränkung zu setzen, anstatt das zeitgenössische Bedürfnis nach offenem Raum zu bedienen, scheint indes folgerichtig.
In dem Masse, wie der Klimawandel zu extremeren Wetterlagen, Überschwemmungen, Dürren, Waldbränden, zum Anstieg des Meeresspiegels und zum schnellen Abschmelzen der Gletscher führt, wächst unsere Überforderung. Es ist nicht so, dass es uns an Daten fehlt, um diese Probleme zu analysieren, aber es scheint, dass wir nicht in der Lage sind, sie als Ganzes zu verstehen, das Wissen zu kontextualisieren. Es herrscht eine Art globales Analphabetentum, es fehlt uns an Hermeneutik, also der Fähigkeit, die Zeichen zu deuten. Da Informationen heute sofort verfügbar sind, befinden wir uns in einer visuellen und konzeptionellen Echokammer, in der Ideen und Wissen durch Zeit und Raum wirken und die althergebrachte Trias von Vergangenheit/Gegenwart/Zukunft obsolet machen.
Ein Kennzeichen der zeitgenössischen Kunst ist denn auch die Gleichzeitigkeit verschiedenster Praxen, die gleichberechtigte Denkräume öffnen. Die Multiperspektive ist ein Merkmal des 21. Jahrhunderts, des Anthropozäns. Die Attraktivität des Begriffs liegt in seiner Strahlkraft als reflexiver Epochenbegriff, und die Verschachtelung der ausgestellten Werke, die Verschränkung von Sammlung und zeitgenössischem Diskurs berücksichtigt dies. ‹Earth Beats› integriert die komplexen Fragestellungen, indem die Ausstellung in die Sammlung des Kunsthauses eingewoben wird. Das Display im Neubau verbindet die permanente Intervention von Olafur Eliasson in der unterirdischen Passage mit einem «Gletscherraum» in den Sammlungsräumen im Altbau und wird durch ein ausführliches Veranstaltungsprogramm von Gesprächen, Vorträgen und Podcasts gerahmt.
Bereits in der Assemblage im Moser-Bau sticht die Verschiebung der Perspektiven ins Auge. In der ‹Studie zum Rosenlauigletscher›, 1835, von Thomas Fearnley oder beim ‹Rhonegletscher›, 1892, von Félix Vallotton steht der Eisgigant für ein Naturspektakel zwischen Bedrohung und Wunder. Im einfachsten Fall kann das Erhabene als die Erfahrung dessen definiert werden, was «das Selbst mit der Vorstellung einer überwältigenden Macht überflutet». In der Konfrontation mit dem, was uns überragt, sind wir überfordert, können nicht sprechen. In diesem Zustand der Verwirrung konstituiert sich das Erhabene als «erlebter Widerspruch zwischen den Forderungen der Vernunft und der Macht der Einbildungskraft», um es mit Deleuze zu sagen. Das Ziel der erhabenen Erfahrung als ästhetische Kategorie besteht also darin, die Grenzen des Verstandes zu überschreiten, uns mit dem zu konfrontieren, was ausserhalb unseres Selbst liegt, unseren Geist und unsere Sinne überwältigt, es entsteht ein poetischer Raum für Kunst.
Im Video ‹Aletsch Negative›,2019, von Laurence Bonvin findet ein gegenläufiger Prozess statt. Wir tauchen in den schmelzenden Riesen ein, werden Teil einer sich verändernden Morphologie der Natur. Auch Künstlerinnen wie Ana Mendieta untersuchten diese Unio mystica naturalis, die Verschmelzung des eigenen Seins mit der Natur, seit den späten 1960er-Jahren. Julian Charrières seltsam schöne Unterwasseraufnahme der zivilisatorischen Reste beim Bikini-Atoll, einem Testgelände für Atomwaffen, zeigt auf, was bleibt, wenn wir das Gegenteil zelebrieren, uns als Herren der Welt verstehen: Wir verwandeln unsere Kulturen in ein Atlantis der ästhetischen Ödnis. ‹Earth Beats› stellt diese Erkenntnis, dass wir die westliche Dichotomie zwischen Menschen und Natur überwinden müssen, wenn wir die katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels überleben wollen, in einen historischen Kontext, der sich selbst konstant befragt, widerspricht und seine vermeintliche Linearität aufzuheben sucht. Die Arbeit ‹Forest Mind›, 2021, von Ursula Biemann, eine Zweikanal-Videoinstallation, kann hier als Schlüssel zu einem neuen Zeitverständnis dienen. Die Künstlerin dokumentiert einerseits das Weltwissen der indigenen Bevölkerung im kolumbianischen Teil des Amazonas, das sie gleichzeitig spekulativ mit dem Vokabular der hegemonialen Wissenschaftssprache des Westens erweitert und befragt. Mit dem Ziel, diese Sprache zurück in einen poetischen Möglichkeitsraum zu führen, der uns einen Zugang zu einem integrativen, gleichberechtigten Wissenssystem für die Zukunft öffnen soll. Wenn dies nun etwas kompliziert formuliert klingt, dann ist das den komplexen Interdependenzen des Themas geschuldet, einem Umstand, dem auch die Sammlungsausstellung ‹Earth Beats› nicht entkommen kann und will. 

Until 
06.02.2022
Exhibitions/Newsticker Data Tipo Località Paese
Earth Beats da 04.10.2021 a 06.02.2022 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH

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