Francis Alÿs — Walking circles, walking lines

Francis Alÿs · Children’s Game #7 (Hoop and Stick), 2010, Video, Farbe, Ton, 5’22’’, Bamiyan, Afghani­stan, in Zusammenarbeit mit Natalia Almada, Courtesy der Künstler, Galerie Peter Kilchmann, Zürich, und David Zwirner, New York/London/Paris/Hongkong. Videostill: Eye Filmmuseum, Amsterdam

Francis Alÿs · Children’s Game #7 (Hoop and Stick), 2010, Video, Farbe, Ton, 5’22’’, Bamiyan, Afghani­stan, in Zusammenarbeit mit Natalia Almada, Courtesy der Künstler, Galerie Peter Kilchmann, Zürich, und David Zwirner, New York/London/Paris/Hongkong. Videostill: Eye Filmmuseum, Amsterdam

Francis Alÿs · As Long as I’m Walking, Ausstellungsansicht Musée cantonal des Beaux-Arts, ­Lausanne 

Francis Alÿs · As Long as I’m Walking, Ausstellungsansicht Musée cantonal des Beaux-Arts, ­Lausanne 

Besprechung

Das Gehen ist für Francis Alÿs ein künstlerischer Akt. Die Streifzüge, allein oder in Begleitung, bilden den performativen ­Rahmen seines Nachdenkens über die Paradoxien der Produktivität. Mitgedacht werden soziale, ökonomische und politische Zwänge: ergebnisoffen und nonchalant, doch stets subversiv.

Francis Alÿs — Walking circles, walking lines

Lausanne — Zum Auftakt Kinderspiele: Geschickt lassen Knirpse Drachen steigen, treiben Pneus über Schotter oder vergnügen sich im Kreis. Viel brauchen sie dafür nicht, viel haben sie auch nicht, nicht am Hindukusch. Dort hat der Belgier Francis Alÿs (*1959) für die binational in Kassel und Kabul ausgetragene dOCUMENTA (13) die Arbeit ‹Reel–Unreel› realisiert. Überdies hat er seine Rückkehr in das schon früher mehrfach bereiste Land genutzt, um seine Langzeitserie ‹Children’s Games› zu ergänzen. Die beiden Projekte verklammern nun im Musée cantonal des Beaux-Arts den ersten Teil einer grossen Einzelschau und nehmen uns mit auf eine Reise, welche die mediale Normkost empathisch kontert. Mal sind es stille Sequenzen wie die Por­träts, die Alÿs 2013, als «embedded artist» in der Task Force der britischen Armee, von Taliban-Kämpfern und britischen Soldaten beim Waffencheck aufnahm. Mal quellen die Szenen über vor quirligem Leben.
Zwischen den Videos Material aus Alÿs’ Archiv: Auf einem der Blätter sind die Worte «follow the line» zu lesen. Sie sind durchgestrichen und ersetzt durch die Maxime «following / UNDOING = tracing = doing». Umgekehrt folgert Alÿs «preceding / ­DOING = erasing = undoing». Die Einträge, so kurios sie erst wirken, entfalten ihren Sinn in der Ausstellung wieder und wieder: Im Video ‹Reel–Unreel› rollen Buben statt Pneus Filmspulen quer durch Kabul, wickeln sie ab respektive auf und begegnen so dem Filmverbot der Taliban mit einer Fiktion realer Freiheit. Auch der Titel ‹Sometimes Doing Is Undoing and Sometimes Undoing Is Doing›, den Alÿs den Waffencheck-Videos gab, greift diese Logik direkt auf. Weitere Beispiele liefern ältere Arbeiten wie ‹Paradox of Praxis 1› oder ‹The Green Line›. Im ersten Fall schiebt Alÿs ziellos einen Eisblock durch die Hitze von Mexiko Stadt (‹Sometimes Doing Something Leads to Nothing›), im andern visualisiert er mit einer Tropfspur die aggressive israelische Grenzexpansion (‹Sometimes Doing Something Poetic Can Become Political, and Sometimes Doing Something Political Can Become Poetic›).
Linien zu ziehen, ist also buchstäblich Alÿs’ Leitprinzip. Wie das Gehen ist es sichtbarer Vektor seines kritischen Handelns. Diese Kohärenz belegt auch der zweite Ausstellungsteil, der neben ‹Paradox of Praxis 1› und ‹The Green Line› ein Dutzend weiterer Projektionen enthält. Manches davon ist in voller Länge auch auf Alÿs’ Website abspielbar. In Lausanne formt es ein lautes, begehbares Ganzes, einen grandiosen Aktions- und Echoraum, der auch weite Anreisewege lohnt.

Until 
16.01.2022

Werbung